EP-Vierer: Big Awesome, Decades, Everybody Row & Mosey Jones

Big Awesome – “Birdfeeder” (Happy Little Trees Records) Das in Köln beheimatete und neu gegründete Label Happy Little Trees Records hat sich vorgenommen, in nächster Zeit einige Veröffentlichungen aus dem Emo-Bereich unter die Leute zu bringen. Die allererste Veröffentlichung ist die EP der aus South Carolina stammenden Band Big Awesome. Ursprünglich erschien die Birdfeeder-EP mit nur vier Songs als DIY-Release im Jahr 2012. Nun wurden diese vier Songs um zwei weitere Stücke für das Happy Little Trees-Release aufgestockt, so dass insgesamt sechs Songs auf der einseitig bespielten 12inch zu hören sind. Ob man diese zwei Bonussongs jetzt unbedingt braucht, sei mal dahingestellt, mir gefallen jedenfalls die vier Songs der ursprünglichen Version um Längen besser, als die zwei rein instrumentalen und schwach abgemischten Bonusstücke.  Nun, egal, denn die vier Songs dürften eigentlich jedem wohlige Schauer über den Rücken jagen, der mit melodischem und punkigem 90er Emocore aufgewachsen ist, zudem tauchen ab und zu diese typischen twinkle-Gitarren auf, die man zuhauf bei Bands wie z.B. Algernon Cadwallader hören kann, aber dem rockigen Emocore wird trotzdem mehr Gewicht gegeben. Mir fallen bei Stücken wie Grey’s Birthday  oder Drawing A Line In The Sand  spontan Bands wie z.B. Brand New Unit, Mid Carson July, Two Line Filler, Clairmel oder Braid ein. Also, holt euer verwaschenes Jimmy Eat World-Shirt aus’m Schrank, haut das extra angefertigte Big Awesome-Tape in den Kasi und schnappt euch ‘nen Sixpack, um am Baggersee ein wenig zu chillen. 7/10 (Steff)
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Decades – “Try to Grasp” (DIY)
Die Hardcore-Band aus Leipzig gründete sich 2011 und hat hier nach einer Demo ihr Debüt am Start – mit 3 Songs + Intro. Und auch wenn der Modern Hardcore-Zug wohl schon ein Weilchen abgefahren ist und der Fünfer somit nichts Neues macht, ist “Try to Grasp” eine klasse Angelegenheit für all jene, die von gleichzeitig melodischem wie aggressivem Hardcore nicht genug bekommen können. Vieles erinnert mich hier an Dangers, was schon mal per se ein gutes Zeichen ist. Hört euch doch mal “Captured” an, das am ehesten im Fahrwasser von Dangers ist. Die anderen beiden Tracks sind einen Tacken geradliniger und lassen an solche Bands wie Killing the Dream, The Suicide File oder sogar Give up the Ghost denken. 8 Minuten gutes, düsteres Geknüppel hier und ein ordentlicher Einstand für die Leipziger! 6,5/10 (Alessandro)
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Everybody Row – “The Sea Inside” (Vitriol Records)
Everybody Row ist eine ziemlich neu gegründete Band, die nach ein paar Monaten Bestehenszeit bereits ihre erste EP vorlegt. Huch, das erste Release und schon so ausgereifte Mucke? Der Blick auf die vier Band-Mitglieder bringt auch schon die Lösung, denn diese haben bereits bei Comadre, Know Secrets und No Babies reichlich an Erfahrung gesammelt. Die Band ordnet ihren Sound unter Punk-Soul-Rock’n'Roll ein, ich würde noch eine Prise Hardcore mit dazugeben. Nachdem sich Comadre letztes Jahr auflösten, dürften Fans der Band in Everybody Row etwas Trost finden, denn so ganz weit entfernt von den Sachen, die Comadre gemacht haben, ist das hier eigentlich nicht. Gerade die Orgeln, die in jedem Song vor sich hin wabern, die hardcorelastigen Gitarren und natürlich die Stimme von Sänger Jack bringen so ein gewisses Vertrautheitsgefühl. Gleich beim Eröffnungs- und Titelstück der EP verspürt man die Lust, ein bisschen nervös rumzuzappeln, bei den restlichen drei Songs ergeht es mir nicht anders, auch wenn das ein wenig langsamere Stück Escape Plan  etwas an Tempo rausnimmt, nur um mit Keep Running  wieder ordentlich abzurocken. Und schon sind die vier Songs vorbei, ein kurzweiliges Vergnügen, das Hunger auf mehr macht. Ganz toll finde ich die sich gegenseitig aufputschenden, abwechslungsreichen female/male Vocals und die eingängigen Melodien, den treibenden Bass und das punkig gespielte Schlagzeug. Wer sich eine Mischung aus ganz frühen The Robocop Kraus, Refused zur The Shape Of Punk To Come-Phase, The International Noise Conspiracy, At The Drive-In, Pretty Girls Make Graves  und eben Comadre vorstellen kann, der wird mit dieser EP echt glücklich werden. 9/10 (Steff)
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Mosey Jones – “Spinning” (DIY)
“Swell” kam nicht nur aus dem Nichts, das Debütalbum von Mosey Jones ist für mich auch eine der mit Abstand besten, wenn nicht DIE beste Emo-Platten dieser Dekade. Wer das Teil noch nicht kennt: Klickt JETZT auf den Bandcamp-Link da unten und ladet euch dieses grandiose Album für lau! Zwei Jahre später ist das Trio aus Brooklyn mit dieser 4-Song-EP zurück. Und abgesehen davon, dass der Sound um einiges professioneller und geschliffener ist, hat sich gar nicht so viel geändert. Mosey Jones spielen immer noch einen sehr eigenständigen, schnellen Emo-Sound, mit dem sie sich nicht so leicht mit einer Band vergleichen lassen. Die absoluten Kracher feheln mir auf dieser EP, außerdem  darf Caitlin leider keinen Song singen und last not least fand ich den roheren Sound einen Tacken cooler… deswegen kann “Spinning” auch nicht gegen “Swell” anstinken. Mit “How the Turntables” gibt es trotzdem einen kleinen, feinen Hit. Die restlichen 3 Songs sind solide, weshalb “Spinning” am Ende für Fans der Band eine lohnenswerte Sache ist! 7/10 (Alessandro)
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Die kleine Nostalgie-Ecke: Flyer-Fotografie Teil 6

Zeit für ein wenig Nostalgie, Teil 6…Wieder gibt es einige verstaubte Flyer aus Oberschwaben und aus der Bodenseeregion von anno dazumal zu bestaunen. Manchmal frage ich mich, warum ich die Flyer  nicht chronologisch in ein Poesie-Album eingeklebt habe, das wäre für dieses Projekt hier  irgendwie hilfreich gewesen. Ordnung ist das halbe Leben. Scheiß drauf. Schlimmer ist, dass dieser Tage wieder einmal das Ravensburger Rutenfest ansteht, lustigerweise im gleichen Zeitraum, wie auf dem antiken Flyer zur damaligen Gegenveranstaltung des bei Normalbürgern so beliebten Volksfests. Aus welchem Jahr dieser Flyer stammt, kann ich leider wie bei etlichen anderen Flyern nicht sagen, wahrscheinlich irgendwann Anfang bis Mitte der Neunziger. Und natürlich betone ich auch dieses Mal wieder ausdrücklich, dass es hier in Sachen Urheberrecht sehr schwierig ist, die Gestalter um Erlaubnis zu fragen, da sie mir meist unbekannt sind.

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The Tidal Sleep – “Vorstellungskraft” (This Charming Man Records / Cargo Records)

Ach Herrje, wo soll man bei einer Band wie The Tidal Sleep nur anfangen? Diejenigen, die die Band bereits kennen, werden bei Allgemeininformationen müde gähnen, denjenigen, denen die Band unbekannt ist, werden nach selbigen Infos lechzen. Und wer steht mal wieder dazwischen? Hmmmmm, die Antwort ist leichter als eine Quizfrage bei RTL2, darum traue ich es euch gewieften Lesern auch zu, auf eigene Faust zu recherchieren, falls euch der Werdegang und das bisherige Schaffen der Band bisher unbekannt und euer Interesse geweckt sein sollte. Eingeweihte werden dieses Review höchstens zu Bestätigungszwecken lesen, nehme ich mal an. Nicht-Eingeweihte sollten sich schleunigst daran machen, die bisherigen Veröffentlichungen zu checken.

Ich mache es also extrem kurz, verzichte auf doofe Anspielungen bezüglich des Albumtitels und appeliere an eure eigene Vorstellungskraft in Bezug auf dieses Album, das euch sicher vom ersten bis zum letzten Ton an eure vergammelten und runtergewirtschafteten Sofas oder Ohrensesseln fesseln wird. Mensch Meier, gleich zu Beginn werden euch die Münder offen stehen, als ob ihr nach einem mehrtägigen Hungerstreik jemanden treffen würdet, der leckere Gratis-Pizza verteilen würde, ohne Scheiß. Und dabei bleibt es nicht, es folgen nach diesem Killersong noch zehn weitere Songs, die euch am Schlawittchen packen und euch ein paar Mal gehörig den Kragen rumdrehen werden.

Wenn man es nicht besser wüsste, würde man beim Anhören der elf Songs davon ausgehen, eine US-Band vor sich zu haben, meine Umschreibung würde so klingen:  Appleseed Cast treffen auf  Mineral, Policy Of Three stolpern über frühe Boy Sets Fire, As Friends Rust  kuscheln mit aktuellen Touché Amore und frühen Hopesfall oder Thursday. Wer nicht spätestens beim zweiten Song Feuer und Flamme ist, dem kann ich auch nicht mehr helfen, denn selten hat es eine deutsche Band geschafft, so ein intensives Machwerk zwischen Zerbrechlichkeit und brachialer Aggressivität derart souverän umzusetzen, hier stimmt einfach alles. Von gefühlvollen Parts über flirrige Post-Rock-Atmosphären bis hin zur stampfenden Mosh-Walze zünden die Jungs ein 35-minütiges Feuerwerk der Superlative und klingen dabei so unglaublich unverbraucht und frisch wie ein gerade entsprungener Bergbach. The Tidal Sleep ist mit diesem Album der große Wurf gelungen, ich würde sagen, dass wir hier sicher eines der besten Post-Hardcore-Alben des Jahres 2014 aus dem deutschsprachigen Raum vor uns haben. Ach ja, wer lieber Tapes bevorzugt kann die bei Fear Of Heights bekommen. Bin begeistert, jetzt hab ich richtig Bock, die Jungs live zu sehen.

9,5/10

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Silent Front – “Trust” (Function)

File under: “Ewig dabei, nie was von gehört”. Nun gut, andererseits auch kein Wunder. Schließlich brauchten die Londoner über ein Jahrzehnt, um ihr Debütalbum zu veröffentlichen. Dieses kam dann 2010 und trug den Namen “Dead Lake”. 4 Jahre und 2 Split-Veröffentlichungen später ist man zurück mit dem Nachfolger “Trust”… und wird dabei wohl so wenig Staub aufwirbeln wie in den 15 Jahren davor.

Allerdings passen Silent Front perfekt in diese extreme 90er-Huldigungs-Welle, die dieses Jahr ihren bisherigen Höhepunkt findet. Das Trio spielt diesen typischen Hybriden aus altem Post-Hardcore und Noise-Rock, ganz im Stile diverser Touch & Go- und Amphetamine Reptile-Klassiker. “Trust” profitiert von der ersten Sekunde weg von seinem hervorragenden Fluss. Die Band ist perfekt aufeinander eingespielt und haut uns einen gut geschriebenen Song nach dem nächsten um die Ohren. Sie wissen, wann sie das Tempo rausnehmen müssen, wann es Zeit ist Spannung aufzubauen und wann der Zeitpunkt kommt, um all diese Spannung zu entladen. Meist dauert das nicht lange, denn obwohl das Album nicht übertrieben aggressiv oder durchgeknallt ist, gibt es genug Arschtreterei. Zeit zum Durchschnaufen? Nein, absolut nein. Dafür sorgen schon das präzise und punktgenaue Drumming, die verspielte, vom Math-Rock inspirierte, Gitarrenarbeit sowie die rotzigen Vocals. Signifikant ist der satte Groove, der fast allen Songs anhaftet. Einzige Ausnahme ist das 6-minütige “Confiance”, das sich in Zurückhaltung übt, subtil bleibt, aber dennoch unterhaltsam ist.

Diesen Song ausgeklammert, könnte man Silent Front eines vorwerfen: Kennt man den Opener, kennt man den Rest auch. Wer von diesem also schon nicht gepackt wird, kann sich den Rest getrost schenken. Denn großartige Abwechslung oder irgendwelche Überraschungen gibt es in dieser guten halben Stunde nicht. Wer erwähnten Stil liebt und bei einem Satz, der Drive like Jehu, Shellac und Refused anno “Songs to fan the Flame of Discontent” miteinschließt, hibbelig wird, der wird mit “Trust” seine Gaudi haben!

7/10

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LP-Vierer: Aldrin, Lucertulas, More Dangerous Than A Thousand Rioters & Shirokuma

Aldrin – “EDVCORVM” (DIY)
Keine Ahnung, ob sich Aldrin nach dem verbotenen Insektizid benannt haben, das wir lieber nicht in unserer Nahrungskette finden wollen und auf das ich gestossen bin, als ich den Namen Aldrin gegoogelt habe. Nun denn, was ich entgegen dieser Information in Erfahrung bringen konnte: Aldrin ist eine vierköpfige Post-Rock-Emo-Combo aus Rom, die seit 2009 ziemlich instrumental unterwegs ist und schon ein paar Releases veröffentlicht hat. Ob das Ding hier jetzt noch als EP durchgeht oder schon ein Album darstellt, blende ich jetzt einfach mal aus. Die sechs Songs kommen sehr abwechslungsreich daher, auch wenn hier so gut wie gar keine stimmliche Unterstützung mit dabei ist, es kommen höchstens mal Spoken Word-Passagen dazu, mal sinnlich von einer Frauenstimme dahingesprochen, mal aggressiv fordernd von einer Männerstimme herausgeschrien. Zu Beginn (“Mara Caibo”) hört sich das alles noch sehr gediegen an, ich denke sofort an Bands wie z.B. Contriva, Karate oder I’M Not A Gun und kann warme Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüren. Bevor man zu Schlummern beginnt, wird man bei Non ti si è visto più giù al bar  von rockigen Gitarrenparts wachgerüttelt, die an Bands wie Rage Against The Machine oder At The Drive-In denken lassen. Dann wieder liebliche Klänge, die von den Gitarren her auch von Van Pelt oder  Jullander stammen könnten. Mir sagen eher die Klimpergitarrenparts, die von jazzigem Schlagzeugspiel begleitet werden zu, die satten Gitarren finde ich eher langweilig, manchmal sogar störend. Gerade Mara Caibo  finde ich sehr gelungen. Hört doch einfach selbst mal rein, die sechs Songs gibt’s als Name Your Price Download. 7/10
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Lucertulas – “Anatomyak” (Robotradiorecords/Macinadischi)
Gleich beim Opener “A Good Father” werde ich hellhörig. Verdammt, das erinnert mich ganz intensiv  an eine 90er Band, auf deren Namen ich absolut nicht kommen will. Sowas nervt mich ja unheimlich, da kann man nächtelang grübeln und kommt doch auf keinen grünen Zweig. Irgendwie klingt das wie ‘ne Mischung aus Pittbull, Temperance, Books Lie, Nirvana, Refused und Craving. Jedenfalls rockt es ordentlich und hat massig Pfeffer im Arsch, live ist das sicher so was von groovy. Die Gitarren kommen extrem fett, der Schlagzeuger haut saftig in die Felle, der Bass wummert slappy und über allem diese coole Noisekante und der Sänger mit seinem kräftigen Organ. Das Quartett aus Venezia legte mit dem 2010er Album “The Brawl” schon ordentlich vor, mit Anatomyak  folgen jetzt 6 ausgereifte und v.a fett produzierte Songs, die nach Aussage der Band  ein Full Length-Release darstellen, wenn man sich aber das nervige Gedudel beim letzten (fast 11 Minuten andauernden) Song wegdenkt, dann ist das eher ‘ne EP für mich. 7,5/10
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More Dangerous Than A Thousand Rioters – “Selftitled” (DIY)
Die fünf Franzosen konnten mich mit ihrer letztjährigen EP bereits aus der Reserve locken, nun folgt also die Frage, ob die Jungs dies auch auf Albumlänge hin bekommen. Das schlichte Albumartwork beweist erneut Geschmackssicherheit, soviel lässt sich beim ersten Hinschauen schon mal sagen. Die elf Songs wurden live eingespielt, das Mastering wurde -wie bereits bei der EP- von Jack Shirley im Atomic Garden Studio in San Francisco vorgenommen. An der Produktion gibt es also absolut nichts zu meckern, die Songs kommen druckvoll und saftig um die Ecke und blasen ordentlich. Musikalisch gesehen klingen die Songs ausgefeilter und flüssiger als auf der EP, die Stücke wirken lange nicht so zerhackt. Was der Band ganz gut zu Gesicht steht, sind die französischsprachigen Lyrics, das bringt meiner Meinung nach ein bisschen Eigenständigkeit in die Sache. Es sind zwar nur zwei Songs (Point De Rupture I + II), aber dafür knallen die ganz gut rein. Soll jetzt nicht heißen, dass der Rest nicht knallen würde, ganz im Gegenteil. Die Jungs stecken voller Energie, in jedem Song ist intensive Leidenschaft zu spüren, hier sprudelt das Herzblut. Wer auf angepissten und dennoch melodischen Polit-Hardcore steht, der sollte mal den Song May 1st, 1955 zum Antesten nehmen. Und ja, natürlich klingen More Than A Thousand Rioters immer noch ein wenig nach Refused. 7,5/10
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Shirokuma – “Sun Won’t Set” (DIY)
Irgendwie ist es in den heutigen Zeiten nicht gerade einfach, alles permanent auf dem Schirm zu haben. Manchmal geht doch glatt irgendeine Veröffentlichung durch die Lappen, die man unter keinen Umständen hätte verpassen wollen. Sind E-Mail-Verteiler und Facebook-Neuigkeiten zuverlässiger als unsere einstigen persönlichen analogen Briefkontakte, die meist auf aus Schulheften ausgerissenen DIN-A4-Blättern geschrieben waren und auf welchen noch die Abdrücke der vorigen Einträge sichtbar waren? Keine Ahnung, Facebook stellt bei mir momentan täglich die von mir eingestellten Neuigkeitsmeldungen auf HAUPTMELDUNGEN um, das ist voll nervig. Gerade für Künstlerseiten ist das sehr ungünstig. Manchmal frage ich mich, warum die HC-Szene nach dem Ableben von myspace nicht auf dieses Portal umgesattelt ist, welches in Anlehnung an das ursprüngliche Myspace gestaltet war, das wir ja eigentlich alle so toll fanden (ich glaube, das nannte sich HxC-Space oder so, mein alter Rechner ist leider platt und damals wusste ich genauso wenig von Backups wie heute). Nun denn, das hat mit dem neuen Longplayer von Shirokuma wirklich rein gar nix zu tun. Diesen gibt es nämlich bereits seit Mai 2014 als Name Your Price Download. Wahrscheinlich habt ihr das Cover bereits irgendwo im Netz gesehen und euch dabei gedacht: mannometer, die Techno-Plattencover werden auch jedes Jahr schäbiger.  Hmmm, das Cover ist echt unterirdisch schlecht. Die neun Songs klingen hingegen ziemlich gut in meinen Ohren und pendeln musikalisch zwischen melodischem  Emo, Screamo, Punk und Hardcore, der einen absolut mitreißen kann. 8/10
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AAS – “​MMXIII” (Mechanic Rec.)

Als neulich das Paket mit der LP der Hamburger Band AAS bei mir vom Postboten abgegeben wurde, war ich ziemlich verduzt, da ich eigentlich nix bestellt hatte und das Paket auch nicht die gewohnte Schallplattenform besaß, sondern ziemlich groß war und von außen betrachtet keinen Schallplatteninhalt vermuten ließ. Also hurtig den Karton aufgerissen und mit offenem Mund die LP aus der Verpackung befreit, während sich die Kinder genüßlich die XXL-Knallfolie vorknöpften. So eine Plattenlieferung ist für alle Beteiligten viel spannender, als ein Kinderüberraschungs-Ei, das muss mal gesagt werden.

Das schlichte Artwork der Platte wirkt auf den ersten Blick irgendwie langweilig. Packt man aber das einseitig bespielte Vinyl aus (in meinem Fall handelt es sich um graues Vinyl, die gleiche Farbe wie das Albumcover), dann flattert einem auch gleich das Textblatt vor die Füße, das aus einem bedruckten Transparentpapier besteht, wie man es vom Lichtpausen her kennt. Betrachtet man anschließend das Backcover, sticht das Bandlogo direkt ins Auge, das eigentlich auf den zweiten Blick sehr stylisch aussieht. Alles miteinander ergibt somit eine Einheit, erinnert von der Optik her aber eher an ein Jazzalbum. Leute, die LP’s nach gängigen Optik-Klischees kaufen, könnten deshalb bei den ersten Klängen der LP ihr blaues Wunder erleben.

Nun, die Band AAS ist wohl seit dem Jahr 2011 unterwegs, begann als Quartett und schrumpfte irgendwann zum Trio, soviel konnte ich im Netz in Erfahrung bringen. Die römische Zahl MMXIII bedeutet soviel wie 2013. Hmm, der fehlende Waschzettel hat mir jetzt einiges an Arbeit eingebracht, aber manche Bands sind halt einfach Geheimniskrämer, haha. Okay, AAS ist also ein Trio. Wer denkt, dass der Sound einer Dreierformation keine Durchschlagkraft besässe, der wird mit diesen Aufnahmen eines Besseren belehrt. 8 Songs in einer Spielzeit von 16 Minuten, da braucht es schon einiges an Tempo.

Bereits beim Opener Fading Lights  wird nicht lange gefackelt, es wird gebolzt (der Drummer ist die Macht!), die Gitarren kommen zwar crustig, aber trotzdem messerscharf, der Sänger schreit sich seinen Frust von der Seele, dann ein paar Breaks und danach wieder voll auf die Zwölf. Geiler Song, geht live bestimmt gut ab. Beim zweiten Song wird das Gaspedal erneut bis zum Anschlag durchgedrückt. Und wie nicht anders zu erwarten war, geht es bei den restlichen Songs gleich derbe und ranzig zur Sache, die Highspeed-Parts werden immer wieder durch Midtempo-Einsprengsel aufgelockert. Mein Favorit ist dann der Song 10305,  da hier die ganze musikalische Spannbreite der Band zum Tragen kommt. Perfektes Songwriting lässt sich auch beim Song Kinslayer  entdecken, gerade im letzten Drittel des Songs wird der Hörer mit Effekten überrascht, die man eher mit Posthardcore in Verbindung bringen könnte. Jedenfalls bewegen sich die acht Songs zwischen Crust, Grind, Hardcore, Punk und Metal, sind top produziert, kommen präzise auf den Punkt und klingen dabei aber trotzdem extrem dreckig.  Reinhören lohnt sich, zumal man das Release bei Bandcamp als Name Your Price Download auf die Festplatte zippen kann.

7,5/10

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EP-Vierer: Bymyside, Class, Donovan Wolfington & Drive.

Bymyside – “La negazione della realtà” (DIY)
Die einen Bands bauen in ihren Bandnamen Punkte mit ein, die anderen lassen Vokale weg und wieder andere lassen die Leerzeichen zwischen einzelnen Wörtern weg. Zu der letztgenannten Sorte gehört Bymyside, ein italienisches Quintett aus Cesena, das sich im Jahr 2013 formierte und mit La negazione della realtà  nun bereits die zweite EP veröffentlicht. Der EP-Titel lässt sich mit “Die Verleugnung der Realität” übersetzen. Dieser EP-Titel lässt viel Spielraum für Interpretationen, soviel ist mal sicher. Bevor wir hier nun spekulieren, kommen wir lieber mal zur Musik. Die sechs Songs plus Hidden Track klingen roh, düster, gewaltig, intensiv, teilweise etwas überladen. Und trotzdem zündet es nach mehreren Durchläufen. Wer auf etwas holprig klingenden Screamo, Emocrust, Emoviolence mit satter Punk und Noise-Kante steht, dem könnte diese EP sicher gefallen. Die Italiener klingen wenn ich’s mir genau überlege eigentlich ziemlich nach Franzosen-Screamo a la Daïtro, Le Pre Ou Je Suis Mort oder Das Plague. Es holpert und fiept, matscht und klimpert, klingt übersteuert und chaotisch, dabei finde ich es wirklich schade, dass der Gesang in manchen Songs ein wenig vom Rest verschluckt wird. Da wird es schwer zu verstehen, um was es in den Lyrics geht, zum Teil kann man auch nur erahnen, ob hier auf Italienisch oder Englisch gekeift wird. Also, ihr Emocrusties, riskiert mal ein Ohr. 6,5/10
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Class – “Asterism” (DIY)
Falls irgendwer von euch schon mal in der Rush-Hour Mailands mit dem Auto ohne Navigationsgerät  und dafür aber mit hysterisch zappelndem Beifahrer unterwegs war,   der eitelkeitsbedingt nicht mal seine engsten Freunde im Umkreis von fünf Metern erkennen kann und obendrein auch des Kartenlesens nicht mächtig  ist, dann hätte ich euch was zur Entspannung der Nerven: Class, eine relativ neue Band aus Mailand, am Besten ganz laut aufgedreht (nehmt die Höhen raus, haut ein wenig Bass rein, soviel zur Produktion, die aber trotzdem super ist, das ist nur mein Geschmacksempfinden). Irgendwie steh ich auf den rotzigen oldschool Hardcore/Punk der Band und wenn dann noch keifender Rumpelstilzchen-Frauengesang dazu kommt, der absolut ungekünstelt rübergebracht wird, bin ich auch schon fast zufrieden gestellt. Ich meine, es gibt derzeit so viele Bands, die in diese Richtung gehen, allen voran natürlich die großartigen Punch, Strafplanet  oder ältere Bands wie z.B. Fast Times, aber irgendwie ist es dann doch schade, dass diese Bands fast nicht voneinander zu unterscheiden sind. Keine Frage, die zwölf Songs von Class können mit der Power der genannten Bands absolut mithalten und lassen Ami-Kapellen wie z.B. Rats In The Wall  ziemlich blass aussehen. Deshalb ist es für alle, die auf den Sound der oben angeführten Bands können bestimmt kein Fehler, in diese Aufnahmen hier mal reinzuhören. 7/10
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Donovan Wolfington – “Scary Stories You Tell In The Dark” (Topshelf Records)
New Orleans ist eher bekannt für traurige Musik, Jazz und Blues. Das einzige, was mich bei dem mittlerweile zweiten Release der Band ein wenig traurig stimmt, ist das trostlose Cover mit dem zugewucherten Friedhof, der an diesen Tierfriedhof aus Friedhof der Kuscheltiere erinnert. (Wow, in einem so kurzen Nebensatz satte drei Mal das Wort Friedhof zu verwenden, das ist schon ein starkes Stückchen, aber ich ändere das jetzt nicht mehr ab). Im Zusammenhang mit dem Titel der EP ist das aber schon wieder irgendwie lustig. Jedenfalls ist  Donovan Wolfington ein relativ junges Quintett, das sich aus vier Typen und einer Frau zusammensetzt. Die Band bezeichnet sich selbst als Rockband, ich höre neben der ordentlichen Rockkante aber auch enorm viel Punk, Grunge und Emo raus. Get Up Kids, The Anniversary (der Frauengesang),  Reggie And The Full Effects (die Keyboards). Chorgesänge, Schreiausbrüche, wimmernde Keyboards, Schrammel-Emogitarren, bedächtige Momente und endlos geile Melodien. 7/10
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Drive. – “Selftitled” (DIY)
Ups, da ist er wieder, der Punkt im Bandnamen. Hinter Drive. stecken vier Jungs aus Dresden, die sich irgendwann im Jahr 2013 zusammengetan haben und auf dieser selbstbetitelten EP ihre ersten drei Songs präsentieren. Keine Ahnung, ob die Bandmitglieder vorher bereits in anderen Bands einschlägige Erfahrungen gesammelt haben, aber den professionellen Aufnahmen nach gehe ich schwer davon aus. Das Quartett bewegt sich musikalisch zwischen den Pfeilern Post-Hardcore, Metalcore, Melodic/Modern Hardcore, ab und an schimmert auch mal eine kleine Skatepunknote durch. Mir kommt gleich beim ersten Durchlauf eine andere deutsche Band in den Sinn, die sich irgendwann im Jahr 2011 aufgelöst hat. Und das wäre The Blackout Argument. Gerade Sänger Nico hat ein ähnlich kräftiges Organ wie deren Sänger Rapha. Da man The Blackout Argument seinerzeit öfters eine Nähe zu neueren Boy Sets Fire nachgesagt hat, würde ich diesen Vergleich auch bei Drive. anbringen. Die Songs sind passend arrangiert und in sich stimmig, allerdings aber auch ganz schön vorhersehbar und dennoch: das macht im Prinzip nichts, denn man hört der Band die Spielfreude an , und das sorgt ja für den Glanz einer Band. Die Gitarren flirren schön melodisch, der Schlagzeuger bolzt präzise wie ein schweizer Uhrwerk, die Bassparts kann man auch gut heraushören und der Sänger hat wirklich ein gutes Händchen für eingängige Refrains. Bei Everything Falls Apart  erinnert mich die Gesangsstimme teilweise auch ein bisschen an die Beatsteaks, als sie noch ein wenig härter waren. Ach ja, die Band selbst nennt als Einflüsse noch so Bands wie Landscapes, Counterparts, Comeback Kid oder A Wilhelm Scream, das passt irgendwie. Für kommende Releases wäre es natürlich wünschenswert, ein paar eigenständige Elemente in den Sound mit einfließen zu lassen, für den Anfang ist diese EP aber ein gelungenes erstes Lebenszeichen. 7/10
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“mEMOries” Part 6, von und mit Alex Miles (Is this Thing on?)

Mit unserem neuen Langzeit-Projekt “mEMOries” möchten wir nicht nur einem unserer Lieblings-Genres huldigen, nicht nur die Moderne mit der Tradition verknüpfen, nicht nur neue Bands empfehlen… nein, wir möchten diese auch direkt zu Wort kommen lassen! In “mEMOries” schreiben neue Emo-Bands, die uns irgendwie ans Herz gewachsen sind, frei Schnauze über ihre persönliche Lieblings-Emo-Platte. Wenn alles nach Plan läuft, haben wir in den nächsten Monaten um die 20 “mEMOries”-Teile zusammen, welche wir dann in irgendeiner Form gebündelt und am besten “handfest” veröffentlichen wollen – also quasi ein übergroßes Booklet mit Sampler, auf dem alle beteiligten Bands mit je einem Song vertreten sein würden. Wir freuen uns schon jetzt wahnsinnig auf die nächsten Teile und machen weiter mit dem Beitrag unseres Kollegen Alex Miles (Is this Thing on?-Blog).

ENGLISH: With our new longtime-project “mEMOries” we want to give credit to one of our favourite musical styles, we want to connect the new with the old, we want to recommend new bands and of course we want them to be an active part of it. The idea of “mEMOries” is simple: New Emo-Bands talk about their personal favourite Emo-album. If everything pans out the next few months we will have like 20 “mEMOries”-parts – the collected texts will then be released along with a sampler on which every participating band will be featured with one song. We’re already looking forward to the next parts and hope you do the same. Until then enjoy “Part 5″ from Alex Miles (Is this Thing on?-blog).   Weiterlesen

Split-Storm x 4

Aperiodic/Mala in Se/Joe 4/Knife the Symphony – “2x7inch” (Phratry)
Selbst wenn dem Phratry Records-Label bis dato nicht der ganz große Wurf gelang, ist die DIY-Schmiede eine höchst interessante Erscheinungen im amerikanischen Punk-Underground. Seit der Gründung vor 10 Jahren kamen auf Phratry rund 40 Releases raus, die sich grob zwischen HC/Punk, Metal und Noise ansiedeln lassen. Cool dabei ist, dass das Ohio-Label relativ regional agiert und so die meisten Bands direkt aus Ohio kommen. Diese Doppel-7inch, die kürzlich rauskam, gibt nun einen guten Einblick in das Label und ist zugleich ein Split als auch eine Art “Label-Sampler”…

Beginnen dürfen Aperiodic, die in ihren 11 Minuten Spielzeit puren Noise kreieren. Und wenn ich “Noise” sage, dann meine ich auch Noise und nicht “Noise-Rock”. Es ist durchwegs elektronisch, experimentell und demnach auch sehr gewöhunungsbedürftig. Während der Opener “Scene Crush” völlig instrumental ist, gibt’s in “Something that satisfies me” geleierte, oft verzerrte Vocals.
Die Flipside der ersten 7inch gehört Mala in Se, die aus der selben Stadt wie das Label kommen. Mala in Se haben nun Gitarren-Power am Start, mit Chugga Chugga-Riffs und befremdlichen Melodien. Allgemein haben sie mehr Punk-Nähe und spielen dann sowas wie eine Mischung aus Postcore und Noise-Rock, alles stark in der Tradition der 90er. Wo bei Aperiodic das Klangexperiment im Fokus stand, da gibt es bei Mala in Se schon sowas wie Song-Progressionen. Etwas, das mir deutlich besser gefällt. Stark sind die atmosphärischen Gitarren im zweiten Song “Cats”.
Mit Joe 4 folgt nun sozusagen der “Exot”, schließlich kommen die Jungs nicht von der amerikanischen Eastside, sondern aus der kroatischen Hauptstadt Zagreb. Im Herzen sind sie mit den anderen vertretenen Bands aber verbrüdert. Joe 4 spielen reinrassigen Noise-Rock, mit klarem Sound und vielen Wiederholungen. Die Kroaten sind schwer inspiriert von Shellac. Der Sänger benutzt etwa in “S.A.L.E.” einen ähnlichen Stil wie Steve Albini, flüsternd, mystisch und sehr ausdrucksstark. In “Sui Generis” klingt das dann schon um einiges böser, u.a. geschuldet durch die kroatische Sprache, die doch etwas harscher rüberkommt. Klasse Band jedenfalls, die man im Auge behalten sollte!
Zurück nach Cincinatti, denn auch die letzte Band im Phratry-Bunde kommt von dort. Knife the Symphony brechen nicht mit der dunklen Atmosphäre und dem unberechenbaren Sound dieser 40 Minuten, sondern fügen ihren Teil hinzu. Knife the Symphony bestehen schon seit 2006 und haben demnach die meiste Erfahrung auf diesem Split. Und das hört man raus. Ihr Noise-Rock/Postcore-Bastard ist aggressiv und berstend, allerdings auch sehr präzise gespielt. Schön, wie bei “Room & Pillar” alles zusammenläuft, sich gnadenlos steigert und dann peau a peau in höchst stimmiger Weise aufgelöst wird.

Abgesehen von Aperiodic, die mir persönlich weniger zusagen, überzeugen mich die restlichen Bands vollkommen. Warum Phratry Records Labels wie Touch & Go, Amphetamine Reptile oder Dischord als Vorbilder nennt, hört man auf diesem Split schnell heraus. Wer also auf diesen alten, aktuell etwas unterpräsenten Sound der 90er steht, der macht mit diesem 4-Way-Split rein gar nichts falsch…

Phratry Records / Aperiodic FB / Mala in Se FB / Joe 4 FB / Knife the Symphony FB / Stream Weiterlesen

Die kleine Nostalgie-Ecke: Flyer-Fotografie Teil 5

Zeit für ein wenig Nostalgie, Teil 5…Wie praktisch doch die handkopierten Flyer seinerzeit waren: man hatte z.B. immer was in der Tasche, um Telefonnummern oder Adressen aufzuschreiben und auszutauschen, dafür brauchte man keinen Strom, Telefone ohne Kabel waren Science Fiction. Wir umweltbewußten Menschen aus der Steinzeit benutzten die Flyer übrigens gerne dazu, um unsere ausgekauten Kaugummis darin einzuwickeln (siehe Bushfire-Flyer, igitt igitt) und steckten sie danach wieder in die Hosentasche (sehr zur Freude der Drogenfahnder, die bei einer Kontrolle jedes Papierchen einzeln aufzwirbelten und sich dabei klebrige Finger holten, hihi).  Für diese Runde hab ich also wieder ein paar angestaubte und teils verklebte Flyer aus den Neunzigern abfotografiert. Ganz beliebt waren damals übrigens auch diese teils handgeschriebenen Sammelflyer, bei denen ich mal vorsichtshalber die angegebenen Telefon- und Faxnummern geschwärzt habe. Und natürlich betone ich auch dieses Mal wieder ausdrücklich, dass es hier in Sachen Urheberrecht sehr schwierig ist, die Gestalter um Erlaubnis zu fragen, da sie mir meist unbekannt sind.

 

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Antpile & Nurture – “Split Tape” (Cohosh Records)

Das in Athens/Georgia ansässige DIY-Label Cohosh Records debütiert mit einem Split-Tape zweier ebenfalls aus Georgia stammender Bands, die beide einen ähnlichen Sound fabrizieren, den ich zwischen den Polen Emo, Post-Hardcore und Screamo ansiedeln würde. Neben der Tapeversion bietet das Label die Songs auch als Name Your Price Download an, gerade für uns Europäer eine tolle Sache.

Den Anfang machen Antpile aus Atlanta, die ich bisher noch nicht auf dem Schirm hatte. Und was soll ich sagen: die vier Jungs machen ihren Job so gut, dass ich gleich auch ihre anderen Veröffentlichungen angetestet und für toll befunden habe. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man die Aufnahmen der zwei beigesteuerten Songs irgendwo in den 90ern vermuten. Das Label gibt als Einflüsse On the Might of Princes, Thursday und Portraits of Past an, das kann ich ohne mit der Wimper zu zucken unterschreiben. Mir gefällt die matschig-rauhe Produktion, die aber trotzdem noch jedes Instrument klar heraushören lässt. V.a. der für diese Art Emocore typisch prägnante Bass und die gefühlvoll gespielten Gitarren können mich mitreißen, auch der Gesang, der sich bei manchen Passagen überschlägt, könnte nicht besser passen. Die zwei Songs machen definitiv Appetit auf mehr.

Nurture aus Athens sind auf diesem Release lediglich mit einem Song vertreten. Im Review zur 2013-er EP zog ich Vergleiche zu ganz frühen, etwas krachigeren Thursday, das finde ich immer noch ganz treffend. Der Song beginnt im Midtempo und zieht sich bis knapp über die Hälfte der Spielzeit ein wenig dahin, hat aber bis zu diesem Zeitpunkt bereits etliche Steigerungen und besonnene Momente erfahren, bis im letzten Drittel alles ein bisschen schneller und krachiger wird. Wer ohne Vergleiche nicht leben kann: ich sehe einige Parallelen zu den Engländern von We Never Learned To Live.
7,5/10

Facebook Antpile / Bandcamp Antpile / Facebook Nurture / Bandcamp Nurture / Label


EP-Vierer: From This Day On, Portree, Weak Wrists & Youth Novel

From This Day On – “Postscript” (Fond Of Life Records)
Hier kommt neuer Stoff von den fünf Berlinern in Form einer fünf Songs starken EP, wenn man das Klavierintro weg lässt, dann sind es eigentlich nur vier Songs. Nun ja, vom Debutalbum der Jungs war ich seinerzeit ziemlich beeindruckt, da sich die Songs irgendwie abseits von gängigen Trends bewegten und der Stilmischmasch aus Emo, Hardcore, Grunge, Indie und Post-Punk in dieser Form zwar eigenwillig aber auch ziemlich einzigartig ist. Klar, ein wenig 90er Nostalgie-Feeling ist bei den neuen Songs immer noch vorhanden, ich höre Parallelen zu Bands wie z.B. Bad Trip, Leeway, By A Thread, Majority Of One, Queerfish, Chalkline oder Lunchbox heraus. Die Gitarren kommen sehr gefühlvoll um die Ecke, matschen aber ein paar Sekunden später schon wieder richtig grunge-mässig und ein wenig runtergestimmt vor sich hin, während immer eine zweite Gitarre irgend’ne Melodie drüberzwitschert. Der Bass ballert fett, das Drumming ist präzise und kraftvoll. Was aber den höchsten Wiedererkennungswert hat, ist die starke, aber dennoch gefühlsbetonte Stimme von Sänger Felix, der sein ganzes Herzblut in den Gesang und auch in die tollen Texte mit einfließen lässt, so dass man jedes einzelne Wort mitfühlen kann. Beim ersten Durchlauf ist das Ganze noch ein wenig sperrig, aber spätestens nach der dritten Runde kommt bei mir dieses Gefühl wieder, das ich schon bei der Debutscheibe empfunden habe. Checkt mal den Song Please Let Us Stop  an, der deckt eigentlich die komplette Spannbreite der Band ab, hier ist vom gefühlvollen Midtempo-Part bis zum leidenden Schreiausbruch alles dabei, was einen guten Song ausmacht. 7,5/10
Facebook / Bandcamp / Bandcamp-Stream

Portree – “Demo Tape” (DIY)
Was ist nerviger: eine Band, über die man im Netz fast keine Infos findet oder eine Band, die von jeder vollgeschissenen Unterhose auf Facebook berichtet? Was hör ich da? Ihr sagt tatsächlich, dass das auf die Musik drauf ankommt? Echt jetzt? Ihr würdet es bevorzugen, wenn ihr z.B. getwitterte Kotzpfützen von Mitgliedern der Band At The Drive-In auf euren Rechnern bestaunen könntet (The Day After: Afro-Auskämmen), während ihr ein Foto des selbstgestochenen und entzündeten Pimmelpiercing des Sängers der Räudigen Hinterhofratten oder ein Video über die abgeschnittenen Fußnägel (die sich der Gitarrist der Band Nietenkaiser nach 8-wöchiger Fußnägel-schneide-Schonfrist erstmalig live schneidet) verschmäht? Nun denn, wie dem auch sei, Portree aus Münster haben zwar ‘ne Bandcamp-Seite mit den drei Songs ihres Demo-Tapes, aber das ist auch schon so ziemlich alles, was man über die Band im Netz findet. Klickt man sich durch die einschlägig bekannten Seiten, die sich mit Punkrock und Ähnlichem beschäftigen, erfährt man lediglich, dass bei Portree Leute von Idle Hands, Dramamime und Duesenjaeger mitwirken. Hmmm, Parallelen zu diesen genannten Bands bestehen am ehesten noch zu Dramamine, die sich aber trotzdem viel krachiger anhören, als es Portree tun. Die Jungs klingen auf den drei Songs sehr DC-lastig, der Punkbackground ist allgegenwärtig. Mir gefällt v.a. der nervöse Rhythmus des Schlagzeugs, die verrückt gespielten Gitarren und  die genial verschwurbelten Bassparts.  Der Sänger singt in einer etwas höheren Tonlage (Brian Molko mit mehr Biss), die aber irgendwie zu diesem Sound passt. Vielversprechendes Demo, ich bin gespannt, was da noch folgt. 8/10
Bandcamp

Weak Wrists – “Demo” (DIY)
Stell Dir vor, Du willst bei absoluter Dunkelheit einen völlig unbeleuchteten Bahnübergang überqueren und hast das Demo von Weak Wrists aus Asheville/North Carolina auf Deinem Kopfhörer und wirst dazu noch von irgendeiner unheimlichen und unbekannten Person verfolgt, die sich, sobald Du Dich umdrehst, hinter irgendeinem Baum oder Mauervorsprung versteckt. Schnell rufst Du Dir die Nachrichten des Tages ins Gedächtnis. Es sieht irgendwie nicht gut aus: z.B wurde heute davor gewarnt, bei Dunkelheit irgendwelche Gleise zu überqueren, da derzeit bei allen Zügen aufgrund eines technischen Defekts die Scheinwerfer nicht mehr funktionieren. Zudem wurde vor einem entflohenen, extrem gefährlichen Psychopathen gewarnt, der letzte Nacht in Deiner Gegend beobachtet wurde, wie er völlig out-of-space einem freundlichen Polizeibeamten mit einem Griff von seinem Schnauzbart befreit hat. Nun denn, unter schwachen Handgelenken hat der nicht gelitten, soviel ist sicher. Weak Wrists bolzen euch ein chaotisches Screamogewitter vor den Latz, hier wird mit einer Intensität gekeift und geknüppelt, es ist eine wahre Freude. Zu diesem Sound könnt ihr eure Bude ohne schlechtes Gewissen zerlegen, denn sowas kann unter extremen Emotionen leicht mal passieren. Die angepissten female Vocals alleine sind von solch einer enormen Kraft, das kann ich mit Worten gar nicht beschreiben. Auch das Highspeed Drumming schlägt in die gleiche Kerbe. Und trotzdem ist bei jedem Song diese melodische Emokante präsent. Cryptic Slaughter treffen auf Emoviolence-Geknüppel, dazu werden ein paar extrem crustig gespielte Gitarren untergemischt. Nimm die Power von Asshole Parade, die Intensität von Orchid und das Gefühl von Mahria, dann hast Du eine ungefähre Vorstellung, wie Weak Wrists klingen. Der Song Trail Stained  dauert z.B. nur 1:16 Minuten und eignet sich daher super als Anspieltipp. Wenn ich den Song als Anspieltipp empfohlen bekommen hätte, ich wäre nach spätestens 10 Sekunden angefixt gewesen. 8,5/10
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Youth Novel – “Turned Around Abruptly Beside a Mirror and Jumped at My Own Reflection” (DIY)
Ich habe einige 7inches aus den Neunzigern, die nach dem hier klingen, was die vier Jungs aus Ann Arbor auf ihrer Debut-EP präsentieren. Das Quartett rumpelt sich gekonnt durch vier erstklassig nostalgische Screamo-Post-Hardcore-Songs, die Dir beim Hören Appetit auf Brustklopfen und Knierutschen machen werden. Verdammt, die Gitarren wecken bei mir dieses Gefühl, das bei mir auch schon die Instil/Gray Before My Eyes Split LP oder Bands wie z.B. Portraits Of Past, Orchid oder Saetia ausgelöst haben. Hin und wieder schimmern dann auch Gitarrenparts durch, die mich an das Full Collapse Album von Thursday erinnern, natürlich nicht so poppig, aber schon irgendwie emo. Die Songtitel bestehen aus römischen Zahlen, auf dieser EP sind daher Song I-IV vertreten.  Eigentlich schade, dass die Songs keine richtigen Titel haben, denn die genialen Texte brauchen sich absolut nicht hinter römischen Zahlen verstecken und haben eine ähnliche Intensität, wie die Musik. Für uns Mixtape-Beschrifter schreibt sich zwar ein I z.B. ganz schnell, aber irgendwie befürchten wir, dass da Nachfragen kommen, ob das jetzt ein kleines L, ein I wie Ich oder ein Balken sein soll. Im schlimmsten Fall werden wir als schreibfaule Mixtape-Affen beschimpft, obwohl wir eigentlich alles richtig gemacht haben. Lebenslang leiden (Loxiran). 8/10
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Das Letzte vom Monat (Juni)

Eine Latte voll von liegengebliebenen Platten und offener Anfragen hagelte es im Juni… daher ist “Das Letzte” diesmal noch nährreicher als sonst!

* Bettyoetker – “Barricades”-EP [Stream]
Teils moshigen, teils noisigen, teils vertrakten New School-Hardcore gibt’s von Bettyoetker aus Hamburg auf ihrer Debüt-EP. Interessant ist, dass das Teil von Nils Wittrock (The Hirsch Effekt) und Rene Pablotzky (Grey) aufgenommen wurde. So ein bisschen klingt das dann auch wie bei Grey, nur etwas geradliniger und melodischer. Gute EP jedenfalls, nur sind mir persönlich die Songs allesamt zu lang geraten… (A)

Biff Tannen – “Antitektur”-EP [Stream]
Wie haben sich Biff Tannen wohl ihren Bandnamen ausgedacht? Könnte mir vorstellen, dass die Jungs besoffen nach ‘ner Captain Planet-Show beschlossen haben, ‘ne Band zu gründen. Als einer der Bandmitbegründer dann angebracht hat, dass man sich ja Captain Future nennen könnte, wurde das natürlich aufgrund der Nähe zu Captain Planet schnell wieder verworfen. Da man aber bereits das Wörtchen “Future” ins Auge gefasst hatte, war für zehn Minuten der Name “Zurück in die Zukunft” der Top-Favorit, bis ein total besoffener Nerd des Weges kam, sich in die Diskussion einmischte und den Namen Biff Tannen in den Raum brachte, bevor er torkelnd weglief und in die nächstbeste Hecke kotzte. (S) Weiterlesen

Old Soul & Nic (We Don’t Have A Name) – “Split 12inch” [Pike Records]

Wenn man an einem Wochenend-Samstag mit den Vögeln um kurz vor fünf Uhr aufgewacht ist und den ganzen restlichen Tag sinnlos im Freien unterwegs war, obwohl man lieber untätig im stillen Kämmerlein auf die Nacht gewartet hätte, dann ist man eigentlich ziemlich erfreut, wenn man bei der Heimkehr von dem qualvollen Höllentrip ein Päckchen in Schallplattengröße vor der Haustür findet. Wenigstens eine Sache, die an diesem Tag nicht aus dem Ruder gelaufen ist. Hätte ja auch sein können, dass ich an das Päckchen erst am Montag drangekommen wäre, weil niemand im Haus das Ding hätte entgegen nehmen wollen. Das hatte ich schon öfters, da spielt man dann echt mit dem Gedanken, die Nachbarn zu piesaken (Fuck Up The Neighborhood kommt nicht von ungefähr) oder bei der Post einzubrechen und sich sein rechtmässiges Eigentum zu holen.

Während sich also der Großteil der Bevölkerung mit der Fußball-WM beschäftigt und sinnlos hupend durch die Gegend fährt, die Vögel beim Brüten und die Babys beim Schlafen stört und das Bild des modernen Deutschlands gründlich in den Dreck zieht, widme ich mich den wunderschönen LP’s, die mir Axel von Pike Records zugeschickt hat. Die Trembling Hands-LP (<3) und die Øjne EP (<3) waren im Paket, diese Schönheiten haben wir ja bereits ausführlich beschrieben.

Heute wird über die Split-LP der Bands Old Soul aus Michigan/USA und We Don’t Have A Name/Nic aus Plzeň/Tschechien berichtet, um es im Fußballjargon auszudrücken. Hier haben wir es wieder mit einem Co-Release zu tun, neben Pike Records erscheint das Ding auf folgenden Labels: Maniyax Records, ifbrecords, Dingleberry Records, Zegema Beach Records, Mosh Potatoes und Suspended Soul Tapes Records. Beide Bands sind übrigens seit Mitte Juni bis Ende Juli in Europa auf Tour, vielleicht habt ihr ja das Glück, das Package irgendwo live zu sehen (z.B. beim CMAR oder so).

Old Soul sind längst keine Unbekannten mehr, seit 2011 erschienen bis dato drei Veröffentlichungen mit jeweils vier Songs. Alle, die jetzt behaupten, dass man nahezu  kein Talent benötigen würde, um jedes Jahr vier Songs auszuscheißen, sollten sich mal vor Augen führen, dass die Band eigentlich erst seit 2010 existiert und unter den veröffentlichten Songs absolut keine Ausfälle zu verorten sind. Klar, wer mit düsterem Sound nichts anzufangen weiß, ist hier fehl am Platz, aber allen Menschen, die sich z.B. eine Mischung aus New Day Rising und frühen Appleseed Cast mit ein wenig dissonanten Postrock/Posthardcore/Screamo-Klängen vorstelllen können, kann ich die zwei Songs der Platte nur empfehlen. Die Band beschreibt ja ihren Sound als Dreamo, passt irgendwie. Unter dem facettenreichen Opener Lens  kann man diese Musikrichtung noch nicht so optimal begreifen, der Song gefällt mir aber unheimlich gut und nach mehreren Durchläufen ist das sogar mein Favorit auf der Old Soul-Seite. Hier wechseln sich Midtempo-Parts mit Highspeed-Blackmetal, Screamo und Post-Hardcore ab. Danach geht’s mit dem Song Emerald auf eine längere Reise von über 12 Minuten, hier wird jedem klar, was mit Dreamo gemeint ist. Verdammt intensiv, ein Feuerwerk, ein Vulkanausbruch, eine Sonnenfinsternis.

Mann, wie lang hab ich rumprobiert, um diesen abgefahrenen Bandnamen hier darzustellen, ohne Copy&Paste wäre ich echt zu doof dafür. ██████.  Nic/We Don’t Have A Name machen mit den zwei auf der Split vertretenen Songs genau da weiter, wo sie beim 2013er Demo aufgehört haben, nämlich bei Song V und VI. Der erste Song ist über 14 Minuten lang und dürfte eigentlich jedem Schwarzkittel die mühsam aufgetragene Corpsepaint vom Gesicht fräsen. Dieser Song hat einfach alles, die diabolische Atmosphäre, das Höllenfeuer, die Sehnsucht, das Geheimnisvolle. Schon seltsam, als ich so ungefähr 14 Jahre alt war, und das erste mal  mit Blackmetal Bekanntschaft machte (Venom, Bathory, Possessed), hatte ich beim Lauschen der Klänge (v.a. bei Bathory) immer den Film Excalibur vor Augen. Die Szene mit dem Vogel, der das Auge von so ‘nem aufgespießten und vergammelten Toten rauspickte, war für mich die bildliche Umsetzung der Musik, das hatte für mich Pubertierenden irgendwas Mystisches. Und ausgerechnet 28 Jahre später erinnere ich mich an diesen Eindruck aus meiner Jugend. Lustig irgendwie, wenn man Excalibur heutzutage anschaut, hat man das Gefühl, irgend ‘ne RTL2-Vorabendserie zu konsumieren. Egal, ich werde mit dem nachfolgenden Song VI jedenfalls ziemlich schnell aus meinen Träumereien rausgerissen. Hier werden nämlich keine Gefangenen gemacht. Das Teil beginnt mit einem Tempo, wie man es von einem ICE her kennt, jedoch macht ein ICE nicht annähernd so viel Lärm. Und wie ihr bestimmt schon erahnen könnt, ist dieses Stück dann auch mein Favorit auf der Nic-Seite.

Alles in allem ist dieses Split-Release sehr düster ausgefallen, angefangen vom Artwork, bis hin zu den Texten. Auf der Haben-Seite gibt es Pluspunkte, weil die tschechischen Lyrics von Nic in der englischen Übersetzung vorliegen und natürlich, weil ein Downloadcode dem Release beiliegt.

8/10

OS Facebook / OS Bandcamp / Nic Facebook / Nic Bandcamp / Pike Records


Sometimes Go – “How To Destroy This City Within A Minute” (DIY)

Wer kratzt denn da an meinem Nostalgie-Kästchen? Sometimes Go, das sind vier Jungs aus Gießen, um die es lange Zeit ziemlich ruhig war, zumindest habe ich seit der 2008-er EP nichts mehr von der Band mitbekommen, bis neulich die EP-Anfrage zu How To Destroy This City Within A Minute  im Postfach gelandet ist.

Und irgendwie hat sich am Sound der Jungs seit der letzten Veröffentlichung nicht arg viel geändert, was aber jetzt nicht negativ gemeint ist. Mir gefallen die sechs Songs nämlich außerordentlich gut. Dass hinter Sometimes Go ein paar ältere Hasen stecken, die vor der aktuellen Band schon in anderen Bands wie z.B. Dear Diary, Shadowpainter, Colourful Grey oder The Bleech ihre nötigen Erfahrungen gesammelt haben, kann man den Stücken jedenfalls an allen Ecken und Enden anhören.  Das Songwriting könnte für diese Art von Musik nicht ausgefeilter sein, mir gefällt z.B. ganz gut, dass die Songs trotz der emotionalen Intensität niemals ins Weinerliche abdriften und immer noch genügend Schmackes mit im Gepäck haben. Gerade die melodische Gitarrenarbeit und das kraftvolle Schlagzeugspiel bilden hier meiner Meinung nach das nötige Grundgerüst und werden vom gegenspielenden Bass und dem markanten Gesang von Sänger Dennis optimal vervollständigt. Und wenn mich nicht alles täuscht, klingt das am Ende von Fall Again irgendwie wie ein Flügelhorn.

Sometimes Go sind mit ihrem Sound irgendwo um die Jahrtausendwende herum hängen geblieben, daher das eingangs erwähnte Nostalgie-Kästchen. Gerade auch in Deutschland gab es damals einige Bands, die mich an Soemtimes Go erinnern. Da wären z.B. A Modest Proposal, Three Minute Poetry, Ambrose, Lockjaw, Reno Kid oder Tupamaros, um ein paar davon zu benennen. Aber auch internationale Vorbilder dürfte es genügend geben. Der Gesang von Dennis erinnert mich z.B. das ein oder andere Mal an den Sänger von Midvale/Homage To Catalonia, die Band selbst gibt als Einflüsse Braid, Small Brown Bike, Appleseed Cast, Promise Ring und Jawbreaker an, ich füge noch Mid Carson July, Favez zur Gentlemen Start Your Engines-Phase und ein wenig frühe Boy Sets Fire hinzu. Ach ja, und bei A Song for a Seven Inch  wirkt dann bei einer Strophe auch noch der City Light Thief-Sänger mit. Ich kann euch nur empfehlen, die EP schleunigst anzuchecken.

8/10

Facebook / Bandcamp


EP-Vierer: Klotzs, Safe and Sound, Stoop Kids & Ultra Mare

Klotzs – “Schwarzer Planet” (Tumbleweed)
Obwohl sie schon seit 1996 bestehen, zogen Klotzs bisher sang- und klanglos an mir vorbei. Die Presse-Info sagt, dass die Band ursprünglich als Noise-Punk-Trio mit englischen Texten gegründet wurde und sich 2 Jahre später zur jetzigen Formation zusammenschrumpfte. Als Duo mit Sänger/Gitarrist Ingo und Drummer Sascha. Der erste Gedanke der mir nach dem Lesen dieser Zeilen kam war: “Wahnsinn, wie frisch die klingen”. Spielend leicht verbindet die Band aus Siegen “klassische” mit modernen Komponenten. Klotzs spielen Post-Punk, der allerdings in alle möglichen Richtungen ausschlägt. Überhaupt ist es die Differenziertheit dieser 6 Songs, die die gesamte EP so verdammt stark macht. Jeder Song bringt etwas Neues auf den Tisch und steht für sich alleine. Schwer beeinflusst ist das Ganze natürlich vom deutschen Post-Punk der 80er und 90er. Allen voran kamen mir EA80 in den Sinn. Und ja, all das ist kein Zufall. Immerhin teilte man sich 2000 eine Split mit den Mönchengladbachern. Klotzs-Drummer Sascha war mit Martin von EA80 sogar in der relativ kurzlebigen Band Pechsaftha. Diese leicht dunkle, melancholische Note schwingt bei Klotzs ebenso mit – am stärksten rauszuhören beim getragenen “Schwarzer Planet #II”. Das 2-Gespann auf diesen Stil festzunageln ist aber nicht möglich. Denn dafür zeigen sie in den anderen Liedern zu viele verschiedene Facetten. Während der Opener “Kopfpunk”, dem Titel zum Trotz, relativ direkt und einfach gehalten ist, wird’s in “Schwarzer Planet #1″ schon düsterer und eindringlicher. “Drehtür” ist dann unglaublich poppig, positiv, fast schon hymnisch und samt ultra-eingängigem Refrain – das Teil erinnert glatt an Tocotronic! Im kurzen “Der neue Stille” wird das Gemüt beibehalten, reduzierte Post-Punk-Motorik trifft auf mitsingtauglichen Chorus. Nach dem bereits erwähnten, zweiten Teil vom Titeltrack folgt dann der absolute Überhit: “Fliehkraft”. Was für ein Riff! Ein Riff, dass dir Tage, ja wochenlang hängenbleiben wird – gleichermaßen kraftvoll wie melancholisch. Ein perfekter Abschluss für diese EP, die man gehört haben sollte, wenn man etwas mit deutschem (Post-)Punk anfangen kann. 9/10
Facebook / Titel-Track-Stream

Safe and Sound – “The Tides” (Life to Live)
Amerikanischer Hardcore ist in den letzten Jahren langweilig geworden, gerade auf der “großen Ebene”. Bridge 9 und Deathwish sind nicht mehr das, was sie mal waren und die Youth Crew-Wiederbelebungs-Welle ist schon längst abgeebbt. Da ist’s schon fast traurig, dass eines der besten Releases aus diesem Bereich von einem Dino wie Bane kommt, die ja kürzlich ihren Schwanengesang unter’s Volk brachten. Eine junge, frische Band wie Safe and Sound überrascht einem bei der derzeitigen Lage fast etwas. Die Gruppierung aus Tacoma/Washington hat eigentlich alles, das sie vor 8-10 Jahren zu Superstars dieser Sparte gemacht hätte. Es gibt einen energiegeladenen Shouter, der alles reinwirft, was seine Stimme hergibt, es gibt ordentliche Tempo-Parts, es gibt eingängige Melodien, mitsingtaugliche Crew-Shouts, moshiges Riffing, markante Bass-Linien und ein durchwegs überzeugendes, weil kurzweiliges Songwriting. Und so ist “The Tides” ein unheimliches ausgereiftes Stück Youth Crew-Hardcore, das prompt Lust auf mehr macht! Da heißt’s Daumen drücken, dass es dazu auch kommt und die Jungs nicht gleich wieder von der Bühne verschwinden. Ich höre bei Safe and Sound neben den bereits erwähnten Bane auch Einflüsse von Paint it Black, Champion, alten Verse oder Klassikern der Marke Youth of Today und Gorilla Biscuits raus. Richtig starke EP, jedenfalls! 8/10
Facebook / Bandcamp

Stoop Kids – “Growing Pains” (DIY)
Die Jungs aus Kalifornien fahren auf ihrer Debüt-EP die derzeit so angesagte Balance and Composure-Schiene. Elemente aus Indie/Alt-Rock, 90er-Emo und Pop-Punk werden gleichermaßen zu einem Sound vermischt, mit dem die Stoop Kids zwar keinen Innovationspreis gewinnen, aber vom ersten bis zum letzten Ton schwer überzeugen. Es ist beinahe erschreckend, wie gut und wie ausgreift dieses Debüt klingt. Die Produktion ist warm, hat jedoch auch ihre Kanten sowie den nötigen Druck. Hinzu kommen der bekannt melancholische-hoffnungsvolle Gesang, persönliche Texte, eine gekonnte Instrumentierung und ein starkes Händchen für eingängige Refrains. È voila: Fertig ist eine der besten Scheiben, die 2014 aus diesem Genre entsprungen ist. Wer eben Balance and Composure, ältere Brand New oder junge, frische Bands wie Former States und Mountains to Move ins Herz geschlossen hat, der MUSS sich “Growing Pains” unbedingt runterladen. Zumal das Ganze für lau zu haben ist! 7,5/10
Facebook / Bandcamp (Name Your Price Download)

Ultra Mare – “Epithelium” (DIY)
Die mir zuvor unbekannten Freiburger ließen seit 2011 (da erschien ihre erste EP) nichts mehr von sich hören und sind nun zurück mit “Epithelium”, einem 6-Tracker, der auf Tape gebracht wurde. Über das Kassetten-Format lässt sich ja ausführlich streiten, doch in diesem Fall muss man zumindest sagen, dass die in schwarz-weiß gehaltene Aufmachung äußerst stilsicher ist. So oder so, mich sprachen Ultra Mare vom ersten Eindruck weg wegen ihres Sounds an. Das ist erfrischend eigenständig, so, dass man sich schwer auf eine Band als “Referenz” einigen kann. So, dass man die Breisgauer nicht gleich einordnen kann. Nix mit “Schublade auf und wieder zu”! Ich sag mal so: 90er-Post-Hardcore/Noise, am ehesten Richtung Touch & Go, vermischt sich mit Prog- bzw. Postrock. Irgendwo auf einem Flyer stand unter dem Bandnamen der Begriff “Post-Krach”, was ziemlich treffend ist. Die Songs sind durch die Bank experimentierfreudig, energiegeladen, ja, explosiv, dabei jedoch immer sehr präzise gespielt. Trotz aller Windungen bleibt die Band unheimlich dynamisch! Es gibt die (fürs alte Noise-Genre) so signifikanten Wiederholungen, es gibt allerdings auch coole Progressionen und zig Überraschungen. Genau diese gewisse Unberechenbarkeit, dieses mysteriöse Element sorgt dafür, dass “Epithelium” eine hohe Halbwertszeit garantiert ist. Die teils bis zu 5 Minuten langen Tracks bieten einfach viel zum entdecken! Passend sind die spärlich eingesetzten Vocals, die dumpf und unverständlich gekeift im Hintergrund laufen und zur dunklen, bedrohlichen Atmosphäre der EP ihr Häufchen beitragen. Ich bin angetan und hoffe, dass Ultra Mare ihren Weg weitergehen… 7,5/10
Facebook / Bandcamp (Name Your Price Download)


   
  
 

Show-Review: Mötte34-Fest am 07./08.06.2014 im Jugendhaus Ravensburg

In meiner Kindheit gab’s ja diese seltsamen Abstandhalter fürs Fahrrad, die ausgeklappt gerade mal 20 cm Sicherheitsabstand brachten. Ich frage mich, ob’s die heutzutage immer noch gibt, hab nämlich schon länger keine mehr gesehen. Vielleicht sind sie mittlerweile auch länger oder gar verboten geworden. Nun denn, wie dem auch sei, Sicherheit wird immer wichtiger, auch auf friedlichen „Massenveranstaltungen“ wie z.B. dem Mötte34-Fest. Als wäre die sengende Hitze nicht schon lästig genug gewesen, wurde man bei jedem Zugang zum Hofgelände des Jugendhauses auch noch ordentlich gefilzt, selbst meine Kaugummiprodukte wurden in Augenschein genommen, das Mädchen hinter mir musste sogar ihre Kontaktlinsentropfen verteidigen. Hätte ja sein können, dass wir daraus Sprengstoff hätten bauen können, hehe. Das abgetrennte Gelände erinnerte durch diese Barriere und die umliegenden Zäune ein wenig an den Innenhof eines Gefängnisses, so wie man es häufig in ARD-Fernsehfilmen präsentiert bekommt. Jedenfalls fand nicht nur ich diese Sicherheitsmaßnahme überzogen, da hätte man lieber mal für zwei Abende die Getränke-Flaschenausgabe auf Plastikbecher umgestellt, da ja auch einige Besucher/innen aufgrund der Hitze barfuß unterwegs waren. Klar, in den letzten Jahren gab es weniger Konzerte dieser Größenordnung im Jugi und vielleicht war dem ein oder anderen Verantwortlichen noch ein unschönes Ereignis Ende der Achtziger/Anfang der Neunziger im Gedächtnis, als nach einem Punk-Konzert der Bands Hard-Ons und Bomb Disneyland das Jugendhaus von einer Horde Naziskins gestürmt wurde und einige Besucher schwer verletzt und fast getötet wurden. Damals wurde in den Medien stark über den Ravensburger Skinhead-Prozess berichtet, die ZDF-Dokumentation habe ich immer noch auf Video. Im Netz gibt es noch ein paar Infos zu dem Thema, z.B. hier im Spiegel. Aber gegen so einen Angriff hätten die paar Security-Leute auch alt ausgesehen.

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Pessimistic Lines – “Overcome” (Cobra Records)

Im Verlauf eines Lebens macht man ja so manche Experimente. In der Kindheit z.B. versucht man, so lange wie möglich die Luft anzuhalten oder so lange wie möglich nicht zu blinzeln. Später wird das abgelöst durch das Experiment, wieviel Bier man in sich reinschütten kann, ohne zu kotzen, was zugegeben einiges an hartem Training erfordern kann. Experimente dieser Art mögen den Jungs  von Pessimistic Lines aus Stuttgart sicherlich bekannt sein, musikalisch jedoch wird hier nicht lange gefackelt und herumexperimentiert, die Stuttgarter machen auf ihrer Debut-LP mit ihrem rohen, angepissten und wütenden Hardcore genau da weiter, wo sie  bei der No Future-EP aufgehört haben, und das ist auch gut so. Man könnte sagen, dass die Jungs absolut resistent gegen neumodische Trends sind,  so wie z.B. Lindenstraßen-Gung gegen das Erlernen der deutschen Sprache (es ist unglaublich, ich habe das Gefühl, sein Deutsch wird von Folge zu Folge sogar schlechter). Was ich damit eigentlich ausdrücken will: Ich versteh manchmal den Wirbel nicht, den manche PC-Gamer um das neueste hochglanzpolierte Tennis-PC-Derby  mit 3-D-Optik machen, ein rechteckiger Ball und zwei Striche, die sich mit dem Joystick auf und ab bewegen lassen, tun’s doch auch und bringen obendrein den besseren Spaß.

Nun denn, die nach einem Bad Religion-Song benannten Pessimistic Lines bolzen sich präzise durch zwölf Songs, und dafür brauchen sie gerade mal 16½ kurzweilige Minuten. Dass die Jungs sich teils schon Jahrzehnte in der Szene tummeln und schon in etlichen, nicht gerade unbekannten HC/Punk-Kapellen wie z.B. Comecloser, Regret, Chaos Is Me oder No End In Sight mitgewirkt haben und ihre Instrumente mittlerweile fast am Körper festgewachsen sind, hört man an allen Ecken und Enden der fett produzierten Aufnahmen. Gerade am Songwriting lässt sich erkennen, dass hier alte Hasen am Werk sind, denen die ganze Sache sehr viel bedeutet.

Pessimistic Lines klingen sehr nach US-Oldschool Hardcore, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich bei einem “Blinddurchlauf”  tatsächlich eine US-Band hinter den Aufnahmen vermuten. In der Zeit von 1988-1998 war dieser Stil ja äußerst populär in der Szene und hier sind auch die Bands zu verorten, an welche mich der rohe, wütende und angepisste mit viel Punk-Attitüde angereicherte Hardcore der vier Stuttgarter erinnert. Pessimistic Lines tönen nach Youth Crew, Rucksackbier-Straight Edge (hab ich von der Bandcamp-Seite geklaut, haha), einfach nach klassischem, nach vorne gehendem Oldschool-Hardcore mit unterschwelligen Melodien und fetten Gangshouts. Druckvolles Drumming mit viel Crashbecken, die sicher für viel Wind im Proberaum sorgen und schnelle, sauber auf den Punkt gespielte Gitarren, die mich das ein oder andere Mal an Strife zur One Truth-Phase erinnern, ein bollernder Bass und Stimmband-zerstörenden Aggro-Vocals, das ist der Stoff, aus dem gute Hardcorealben gemacht sein sollten. Die Lyrics sind anprangernd und gesellschaftskritisch und beschreiben sehr gut diese Leere in uns, die wir alle kennen und die sich oftmals in Resignation und Wut gegen das System verwandelt, weil man machtlos mit ansehen muss, welche Ungerechtigkeiten auf dieser Welt geschehen. Kleines Songtitel-Zitat gefällig? “Fuck Flag Waving.” Gerade während der kommenden vier Wochen wird dieser Song wahrscheinlich so ewtas wie mein persönlicher Anwärter auf die inoffizielle Hymne der Fußball-WM 2014.

Fans von Ami-Kapellen wie z.B. Count Me Out, American Nightmare, No For An Answer, Floorpunch, Youth Of Today, Nerve Agents oder deutschen HC-Combos wie Miozän oder Just Went Black sollten die Band ruhig mal anchecken, sei es live in irgend ‘nem abgefuckten Juze oder eben auf dem liebevoll gestalteten Tonträger, den es via Cobra Records auf Vinyl und über Mustard Mustache auf Tape gibt. Mein Bemusterungs-Exemplar sieht übrigens echt schick aus, blau gesprenkeltes, durchsichtiges Vinyl verpackt in dickem Karton. Das Albumartwork mit der Zahnradoptik ist auch edel anzusehen. Es ist doch immer wieder schön, eine Platte aufzulegen, das auf stabilen Karton gedruckte Textblatt rauszufischen, darin zu lesen, daran zu schnuppern und die Credits zu durchstöbern und nach dem kurzweiligen Durchlauf zu merken, dass es sich um eine einseitig bespielte LP handelt. Da fällt mir doch noch was Passendes zum Abschluss ein: falls ihr mal wieder von euren vinylophilen Freunden dazu verdonnert werdet, beim Umzug in eine neue Wohnung zu helfen, dann packt euch einfach die Overcome auf die Kopfhörer, damit habt ihr ein wenig Energie, um die vielen Plattenkisten vom 5. Stock (Altbau, kein Aufzug) in den 6. Stock (ebenfalls Altbau, kein Aufzug) zu schleppen. Am Besten gefallen mir das Titelstück Overcome  und das knapp einminütige Carry The Weight Of Consequences.

8,5/10

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