Quergehört mit Biznaga, Harker, Heisenberg, Household, Reasonist, Second Guessing, Vi som älskade varandra så mycket, White Stain

Biznaga – “Centro Dramático Nacional” (DIY) [Stream]
Schon wieder eine geniale Band aus Spanien, diesmal aus Madrid. Biznaga existiert seit 2011, hat bereits ‘ne Demo und ‘ne EP am Start, die aber deutlich punkiger ausfallen als das Debutalbum. Soll nicht heißen, dass diese zehn Songs mit Punk nichts am Hut hätten, im Gegenteil. Die vier Jungs rotzen ein supermelodisches Punkalbum runter, die Gitarren kommen kantig, aber auch zuckersüß, der Schlagzeuger baut immer wieder geniale Wirbel ein und gesungen wird in der Landessprache. Die Dead Kennedys hauen den Pixies was auf’s Maul, dazu kommt ‘ne Kelle von At The Drive-In und das alles wird in melodischem Espagna-Punkrock der Marke Accidente verpackt. Ich find’s super.


Harker - “Gasping For Air” (No Panic Records/Shield Recordings) [Stream]
90er Emocore á la The Get Up Kids, Chamberlain oder Favez mischt sich auf der aktuellen 7inch der vier Jungs aus Brighton/UK mit Punkrock-Zeug im Stil älterer Gaslight Anthem Veröffentlichungen. Die zwei Songs gehen echt gut ins Ohr, was v.a. am Sänger liegt, der schon eine ziemliche Ähnlichkeit zu Matt Pryors Organ aufweist. Von der Optik des Albumcovers her passt das mit den Neunzigern übrigens auch ganz gut. Kann man ruhig mal anhören, tut nicht weh.


Heisenberg – “Caporetto” (DIY) [Name Your Price Download ]
Keine Ahnung, ob sich die Italiener nach dem deutschen Physiker benannt haben oder eher Breaking Bad-infiziert sind, jedenfalls rockt der Name. Auf Caporetto sind zwei Songs drauf, darunter ein Cover der italienischen Band Fluxus. Wer auf Screamo/Punk der Marke Raein steht, sollte sich mal Zeit nehmen und sich das Ding anhören oder vom Name Your Price Download Gebrauch machen. Ach ja, gesungen wird übrigens auf Italienisch.


Household – “With or Without” (Blood & Ink Records) [Stream]
Diese neue und v.a. junge Band aus Minneapolis gibt als Einflüsse so Sachen wie Killing The Dream, Shai Hulud und Sinking Ships an und liegt mit den Angaben gar nicht mal so daneben. Von der Qualität und Produktion her kommen die Jungs zwar nicht an die Originale dran, aber mir gefällt die rohe Energie, auch die teils etwas runtergestimmten Gitarren kommen trotzdem schön fett, es scheppert und mosht, poltert und rumpelt, der Drummer zerschmettert seine Crash-Becken, der Sänger blärrt schön am Mikro vorbei in die Leere des Raums. Daumen nach oben!


Reasonist – “Nothing In Common” (koepfenrecords) [Name Your Price Download]
Das Leipziger DIY-Label koepfenrecords veröffentlicht seit ca. einem Jahr Tapes und Vinyl. Die Story hinter dem Label klingt eigentlich ganz interessant: Records, Artworks und Tattoos mit Herz und Hand. Auf der EP der Band Reasonist aus Hamburg und Leipzig, die als Tape erscheint, könnt ihr das Konzept mal etwas bewundern: auf der einen Seite das ungewöhnliche Artwork, auf der anderen Seite rohes und wütendes Punk/HC-Geballer.


Second Guessing – “Cycles of Disappointment” (DIY) [Stream]
Dieses Trio aus Utrecht/Niederlande existiert erst seit 2013 und mit Cycles of Disappointment wird nun die erste EP mit vier Stücken vorgestellt. Musikalisch bewegen sich die Jungs vorwiegend im Post-Hardcore/Screamo, dazu gesellen sich Elemente aus Punk, Emo, emotional HC und Melodic HC. Nicht unbedingt eine Neuerfindung des Ganzen, aber solide umgesetzt. Mir gefallen z.B. die melancholischen Gitarren bei The Wind Picked Up.


Vi som älskade varandra så mycket – “Den sorgligaste musiken i världen” (Zegema Beach Records) [Stream]
Aufgrund akuten Geldmangels konnte ich dieses Album bisher nur auf der Bandcamp-Seite der Band anhören, wie es momentan aussieht, ist die Vinyl-Version auch schon wieder fast vergriffen, was für ein Disaster. Die bisherigen Sachen der Schweden fand ich ja bereits sehr gelungen, dieses Album spielt in der gleichen Liga. Intensivster emotional Screamo/Post-Hardcore, herzzerreißende Schreiausbrüche, gefühlvoll gezockte Gitarren, mal verzerrt, mal akustisch, mal durch das Effektgerät gejagt. Ein absolutes Klangerlebnis der Extraklasse. Unbedingt anchecken und ebenfalls ärgern, falls ihr das Ding nicht mehr auf Vinyl bekommen solltet.


White Stain – “Attached” (No Panic! Records, Waybridge Records, Lost State Records) [Stream]
Das Trio aus Ljubljana/Slowenien bietet auf seinem Debutalbum insgesamt zehn melodische Punkrocksongs, melodische Gitarren treffen auf hymnischen Gesang, welcher mir am Besten gefällt, wenn so richtig kraftvoll in höherer Tonlage gesungen wird. Das ein oder andere Punkrock-Gitarrensolo zaubert mir dann noch ein Lächeln auf’s Gesicht, überhaupt spricht mich die schöne Gitarrenarbeit an, auch der knödelnde Bass passt perfekt. Die Jungs machen einen ähnlichen Sound wie ihre Landsleute Real Life Version, hört da also ruhig mal rein, wenn ihr auf hymnischen und supermelodischen Punkrock mit etwas Hardcore-Einschlag steht.


Videosammlung: Zelf, Kids Insane, A Forest, City Cop, Alumna

Zelf ist eine neue Indie-Band aus Berlin, hier sind Leute der großartigen I Might Be Wrong (<3) mit dabei. Die erste EP “Hey” ist gerade erst erschienen – leider noch nicht gehört – aber hier könnt ihr schon mal das schöne Video zu “Lace Up Your Shoes” begutachten.


Kids Insane aus Israel haben ein buntes Video zum Song “Frustrated” abgedreht. In einer Minute und 35 Sekunden kann man diese Zerrissenheit kaum besser darstellen…


Nach den Videos zu Surfaces und The Shepherd kommt nun mit “My Kite II” der dritte Teil der Video-Trilogie der deutschen Indietronica-Band A Forest. Das Bandsalatmonster geht wieder um.


Hab mir schon fast gedacht, dass der Gitarrist der Screamo-Band City Cop ein wenig durchgeknallt abgeht, wenn man dem ‘ne Akustik-Gitarre in die Hand drückt. Das Video zu “Glass Bones” ruft bei mir nun endgültig den Wunsch hervor, die Jungs mal live zu erleben.


Alumna aus Amsterdam machen auf ihrem Album “Enter” ziemlich putzigen Dream-Pop mit todtraurigen Melodien und etwas Shoegaze und erinnern dabei an eine Mischung aus Lush und Lana Del Ray. Warum die Band sich aber dazu entschieden hat, ausgerechnet zum Song “Life” ein Video zu drehen, verstehe ich wirklich gesagt nicht so ganz. Das bezaubernde “Echoes” wäre meiner Meinung nach die bessere Wahl gewesen.


 

 

Nummerfünf! – “…und Feuer!” (Keine Drogen in Graceland Records)

Das neue DIY-Label “Keine Drogen in Graceland Records” scheint auf Internetauftritte nicht viel zu geben, aktuell finde ich weder eine Homepage, noch irgendeine Info im weltweiten Netz (im Pressezettel steht jedoch was von “Internetpräsenz im Aufbau”), zudem scheint das erste Label-Release nicht als Download verfügbar zu sein, Streaming = Fehlanzeige. Also schon einmal sehr gute Voraussetzungen, die eigene Musik unter das bunte Volk zu bekommen. Warum auch nicht, früher hat das doch auch gut funktioniert. Kann mich noch sehr gut erinnern, dass man in irgend ‘nem kopierten Fanzine von ‘ner Demo gelesen hat und sich das Teil aufgrund der aussagekräftigen Plattenkritik direkt bei der Band per rückfrankiertem Umschlag und beigelegter Kohle (ebenfalls in Form von Briefmarken) bestellt hat. Was war der Überraschungseffekt doch groß, als man in einer Art Zeremonie zum ersten Mal das Tape einlegte und genüsslich  die Wiedergabetaste drückte!

Nun denn, die Band nummerfünf! ist mir bis dato also gänzlich unbekannt gewesen, obwohl bereits eine EP und ein Album veröffentlicht wurde. Daher bin ich über den beigefügten Pressezettel doch ganz glücklich, sonst wär mir diese Info aus den oben geschilderten Gründen verborgen geblieben. Nummerfünf! haben ihren Namen laut den umfangreichen Informationen, die man auf der Facebook-Seite der Band findet, dem Roboter aus dem Film “Nummer fünf lebt” entliehen. Dieser Roboter kam wohl auf die Erde, um die Menschen zu verbessern. Hab den Film glücklicherweise nie gesehen.

Nummerfünf! spielen jedenfalls gerne mit Zahlen:  unerwarteterweise besteht die Band aus fünf Typen. Auf der CD sind fünf Stücke drauf, im Pressetext ist irgendwas von vier Songs plus Bonustrack die Rede und wenn ich richtig rechnen kann, dann ist nächstes Jahr 5-jähriges Bandjubiläum. Wenigstens dauern bei all den Zahlen die Stücke nicht auch noch fünf Minuten, die Spielzeit liegt nämlich im angenehmen Bereich: unter drei Minuten, so soll es sein. Musikalisch schrammeln sich die fünf Siegener Freunde wütend, schnell und garstig durch die Stücke. Die deutschen Texte wecken Assoziationen zu Schrei-Punkbands wie z.B. Frau Potz oder Lygo. Naja, vom Sound her klingt das dann alles ganz nett, manchmal ist mir das Ganze jedoch zu holprig, zudem wird das Rad nicht gerade neu erfunden, wie man so schön sagt. Könnte mir gut vorstellen, dass mich das hier live mehr ansprechen würde, so mit ein paar Bieren im Schädel. Pluspunkte gibt’s dann für das mit Stencil aufgesprühte aufklappbare Pappcover und für die CD in Vinyloptik.

6/10

Facebook

Remedy – “Selftitled” (Schall und Rauch Platten)

Wenn man in der österreichischen Band- und Konzertszene nach Punkrock stöbert, stößt man immer wieder auf den Namen Schall und Rauch Platten, hinter welchem sich ein kleines DIY-Label verbirgt, das liebevoll von zwei Freunden betrieben wird. Seit der Veröffentlichung des ersten Releases Anfang 2012, einer Split 7″ der ebenfalls österreichischen Bands Astpai und Ants! werden die zwei nicht müde und veröffentlichen vorzugsweise auf dem Medium Vinyl oder Tape, obendrein wird noch die heimische Konzertszene belebt.

Der Neuzugang beim Label hört auf den Namen Remedy, existiert seit dem Jahr 2011, kommt aus dem Burgenland und hat vor dem selbstbetitelten Debutalbum bereits eine in Eigenregie veröffentlichte Online-EP auf dem Buckel. Da es Verzögerungen im Presswerk gab, liegt mir momentan leider nur eine CD vor, die aber mit dem originalen LP-Artwork gekleidet wurde, welches in LP-Format sicher besser zur Geltung kommt. Diese Presswerk-Verzögerungen sind aber auch ärgerlich, für alle Beteiligten.

Meine Enttäuschung über das durch die Lappen gegangene Vinyl wird ein wenig größer, als aus meinen Kopfhörern die ersten Klänge des Quartetts problemlos meine Punkrock-Synapsen zum Glühen bringen. Wenn mich die CD schon so in ihren Bann zieht, dann ist das Ding auf Vinyl bestimmt Zucker. Remedy spielen nämlich eine geniale Mischung aus gefühlvollem Punkrock, etwas noisigem Grunge, einer Prise Hardcore und leichtem Bubble-Gum-Indierock, dabei bleiben sie meistens melodisch. Ein Song wie z.B. Friend  brennt sich unweigerlich in mein musikalisches Gedächtnis ein: was ein schönes Gitarrenintro, was für tolle Basslines, was für ein Ohrwurm, einfach super.

Das Label bringt ja im Presseinfo Vergleiche zu Bad Religion, Weezer und Dinosaur Jr., ich höre dazu noch Parallelen zu zeitlosen Bands wie Brand New Unit, The Marshes, Shades Apart, Lifetime, Guy Smiley, Dag Nasty, Lunchbox oder Grey Area heraus, gerade bei den Gitarren ist eine gewisse melodische Hardcore-Edge präsent, das Riff bei How Could Shell Be Any Worse  erinnert z.B. wirklich sehr stark an Grey Areas For Real. Der Basser groovt schön eigenständig durch die Songs, hier hört man wirklich bei jedem der zehn Songs die absolute Spielfreude raus, zudem find ich, dass die Stimme des Sängers echt gut zum Rest passt. Mir gefällt der Gesang am Besten, wenn so richtig schön intensiv in hoher Tonlage geschrien wird. Schaut doch mal nach einem Testlauf bei Schall und Rauch Platten vorbei, die Jungs freuen sich bestimmt über jede Art der Unterstützung.

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Schall und Rauch Platten

Fuck Up The Neighborhood mit Антенна, BHF & Rue Des Cascades

Während sich die Leute andernorts die Köppe einschlagen, verwandeln sich die Städte und v.a. die Vororte unserer westlichen Städte in Oasen mit kaum zu überbietender Weihnachtsromantik. Hat der Nachbar so ‘nen hässlichen Weihnachtsmann an der Fassade kleben, dann muss man sich gleich ‘nen beleuchteten Elch oder besser noch ‘ne ganze Nikolauskutsche mit 6er Gespann in den Vorgarten stellen. Ganze Straßenzüge werden nachts zu Flutlicht-Zonen umgewandelt, die Jahresstromproduktion eines AKW’s geht innerhalb eines Monats drauf. Wenn ihr also eurem Nachbarn  eins auswischen wollt, dann genügt ein anonymer Hinweis bei der Polente, dass ihr am Nachbarhaus gerade einen Einbrecher die Fassade hochklettern gesehen habt.  Lustig ist auch immer wieder, aus einer Lichterkette einzelne Lämpchen etwas herauszudrehen, so dass der Stromkreis unterbrochen ist und die komplette Lichterkette erlischt. Hardliner, die aufgrund der taghellen Beleuchtung nicht pennen können, könnten mit gut isolierter Zwickschere dauerhafteren Schaden anrichten. Wenn wir schon bei den Scherenfetischisten sind: der Rauschebart vom Nikolaus sieht ein wenig ungepflegt aus, verpasst ihm ruhig mal einen neuen Look. In unserer neuen Fuck Up The Neighborhood-Runde soll es diesmal aber nicht um die Weihnachtsdeko in unseren Nachbarländern gehen, heute beschäftigen wir uns mal mit den jährlich gekürten Jugendwörtern, Unwörtern und Wörtern im deutschssprachigen Nachbargebiet. Das aktuelle Wort des Jahres aus Deutschland lautet “Lichtgrenze” und bezieht sich nicht auf den Beleuchtungswahn an Weihnachten, soviel ist schon mal sicher. Ach ja, wie üblich foppen wir in unserer Fuck Up The Neighborhood-Reihe diesmal Deutschland,  Österreich und…natürlich die Schweiz. Wie immer gilt: nicht so ernst nehmen und nicht böse sein.


Антенна – “Demo” (DIY)
Die Deutschen sind wohl am einfallsreichsten, was die Jugendsprache anbelangt. Bei der Wahl zum Jugendwort 2014 hatte man gleich eine Unmenge an Auswahlmöglichkeiten. Läuft bei den Deutschen, würd ich mal sagen. Oder bei den Journalisten, die sich das wahrscheinlich alles ausgedacht haben müssen, da man Jugendliche heutzutage ja seltener beim miteinander sprechen beobachten kann, vielmehr glotzen die ja eher auf ihre Displays. Aber vielleicht sehen wir Menschen, die wir uns gerne bildschirmgebräunt auf Gammelfleischpartys rumtreiben, das ein wenig zu eng. Oder es ist einfach, wie es ist: unsere Jugend ist nun endgültig vorbei, das merkt man spätestens, wenn man auf ‘nem Punk-Konzert gesiezt wird, oder an Texten wie diesen hier. Jetzt muss ich aber mal langsam ‘ne Überleitung finden. Wie wär’s damit: Wir Senfautomaten entsnowden ja gerne die musikalischen Fähigkeiten von Bands, deshalb lassen wir jetzt mal Haare wehen und kommen ohne Umschweife zu Антенна aus Dortmund. Diese machen verschwurbelten Mathrock mit Immatrikulationshintergrund und twerken zu frickeligem Jazzcore, Noiserock und Screamo. Also eher Sound für Leute, die nicht über und über mit Assistempeln vollgetackert sind und lieber so Zeugs wie z.B. Jullander hören und dazu literweise Roibuschtee in sich reinschütten. Hier wird geklimpert, dort scheppert es gewaltig und ganz da drüben wird auch mal gediegen was über das Geflirre gesprochen. Ach ja, hier sind übrigens Leute von Willy Fog, Endnote und Favorit Parker mit dabei, die Texte sind auf Deutsch. Die Demo mit drei Songs gibt’s zum Name Your Price-Download. Gönn Dir! (7/10)
Facebook / Bandcamp


BHF – “September” (DIY)
Die Österreicher sind im Erfinden von Unwörtern irgendwie einfallsreicher, bei den Jugendwörtern werden eher Worte benutzt, die längst von allen Schichten der Bevölkerung zum alltäglichen Sprachgebrauch gehören. Bei den Österreichern dauert halt alles etwas länger. So lautet z.B. das Jugendwort des Jahres 2014 “Selfie”. Whatsappen erweitert halt nicht den Sprachschatz, da schnappt man dann nur Sachen wie z.B. “leider geil”, “liken” oder “Kabinenparty” auf. Auch wenn die Österreicher gerne beim Nachbar Deutschland guttenbergen, so geniale Einfälle, wie z.B. Arschfax würde die Jugend Österreichs pfiffiger aussehen lassen. Vermutlich liegt es aber daran, dass bei der Wahl zum Jugendwort der Österreicher auch tatsächlich Jugendsprache herangezogen wird, beim deutschen Nachbarn wird ja meistens von Journalistenseite nachgeholfen. Aber egal, kommen wir lieber zu BHF aus Wiener Neustadt, die haben nämlich eine neue EP am Start. Sind zwar nur zwei Songs drauf, die haben’s aber in sich. V.a. musikalisch hat sich bei den Jungs einiges getan, seit dem letzten Album. Die zwei Songs klingen härter, der Hardcore-Anteil wurde etwas höher geschraubt, das hymnenhafte, das mich auf Shoplifting At Stock Markets  Bezüge zu Anti-Flag und Strike Anywhere ziehen ließ, ist gänzlich verschwunden. Ich finde, dieser Sound steht den Jungs ganz gut zu Gesicht. Vielleicht liegt die härtere Vorgehensweise am Textinhalt, in den zwei Songs geht’s nämlich um den Staatsstreich in Chile am 11. September 1973.  Wenn ihr euch also beim Obamern dieser Veröffentlichung das nächste Fußpils genehmigen wollt, dann achtet doch bitte darauf, dass ihr nicht in Bürgersteigdeko tretet. Dann steht einem entspannten Hörgenuss nichts im Wege. (8/10)
Facebook / Bandcamp


Rue des Cascades – “Katalepsie” (DIY)
Die Schweiz kocht ja gerne ihr eigens Süppchen, so auch bei der Wahl zum Wort/Unwort/Jugendwort des Jahres. Während es Worte auf die “Wort-des-Jahres”-Liste schaffen, die beim deutschen Nachbarn auf die Unwort-Liste gewandert wären (z.B. Minarettverbot oder Sterbetourismus), schaffen es wiederum Worte auf die”Unwort-des Jahres”-Liste, bei denen man absolut nicht nachvollziehen kann, was daran schlecht sein sollte (z.B. Bio). Hat da auf dem Wikipedia-Eintrag jemand was durcheinander gebracht? Verstehe einer die Schweizer, und ich meine das jetzt nicht rein akustisch. Jedenfalls scheint es in der Schweiz keine Jugendsprache zu geben, was sich anhand der letztjährigen Spitzenreiter erkennnen lässt. Hobbylose Mopfer erfinden gerne Wörter wie “Sbeschtewosjehetsgitz”, um es einmal in der Jugendsprache der Schweizer auszudrücken. Um mal den Bogen zu Rue des Cascades zu ziehen, ohne noch weiter auf den Gefühlen der Schweizer herumzutrampeln: Katalepsie  bedeutet ja soviel wie Starrsucht. Gibt es Katalepsie auch in Bezug auf Sprache und wie klingt dieses Wort wohl auf Schweizerdeutsch? [Cha'taleppsi], hihi. Nun denn, die Band aus Winterthur tönt auf der aktuellen EP, die übrigens im Jahr 2015 auch noch auf Vinyl erscheinen soll, bestimmt alles andere als unbeweglich und starr. Grob gesagt könnte man den Sound der Schweizer unter Post-Hardcore, Punk, Screamo und Metal einordnen. Ziemlich dunkel und schwer, super produziert, mit flirrenden Gitarren, fetten Drums, Blackmetal angehauchten Passagen und fiesem Geschrei. Und das Beste: Ihr braucht keine Angst haben, Rue des Cascades singen nicht in ihrer Landessprache, die zwar düsteren Texte werden sehr poetisch und in englischer Sprache vorgetragen. Sbeschtewosjehetsgitz, was  auch immer das bedeutet! (7/10)
Facebook / Bandcamp


 

 

Morla – “Nur einmal” (Mustard Mustache)

Vor einiger Zeit hat sich Lou Koller auf der Facebook-Seite von Sick Of It All darüber aufgeregt, dass es im digitalen Zeitalter immer noch Bands gibt, die auf dem Medium Tape veröffentlichen. Damals wunderte ich mich ein wenig über dieses Statement, da wir von Zeit zu Zeit echt liebevoll gestaltete Tapes zugeschickt bekommen und man auch Menschen im Freundeskreis hat, die sich über ein selbst bespieltes Mixtape in schick ummantelten Gewand freuen können. Nun, seit ca. einer Woche verstehe ich Lou Kollers Wut ein wenig, da mein geliebtes Tapedeck nach über 20 Jahren treuer Dienste den Geist aufgegeben hat. Ich vermute mal, dass irgendeines der Kinder mit einem Metallgegenstand am Tonkopf rumgespielt hat, jedenfalls hört man nur noch ein dumpfes Rauschen. Naja, blieb mir also nix anderes übrig, als das Tape von Morla auf dem Kinderkassettenspieler meines Nachwuchses anzuhören, was mich nach einem Durchlauf dann doch lieber auf die Digital-Version des Demo-Tapes zurückgreifen ließ, welche es übrigens als Name Your Price Download gibt.

Nachdem die erste Auflage des Tapes innerhalb von zwei Tagen vergriffen war, entschied sich die Band zusammen mit Mustard Mustache zu einer zweiten Auflage, um die Wartezeit auf eine geplante LP zu verkürzen. Bei meinem Exemplar handelt es sich um ein rotes Tape, das in einer Papphülle steckt, die mit einem auf Transparentpapier bedruckten Albumcover umwickelt ist. Damit die Kassette nicht rausfallen kann, wurde sie mit einer Schnur fixiert. Leute mit zwei linken Händen (zu denen ich mich übrigens zähle) sollten sich daher das Bindesystem gut einprägen, bevor sie die Schleife öffnen, sonst könnte das mit dem wiederverpacken schwer werden. Ich musste meine bessere Hälfte anbetteln, welche mir den Kniff in nullkommanichts zeigte. Ach ja, und natürlich gibt es auch ein Textblatt, das gehört ja fast zum guten Ton.

Die vier Berliner, die sich wahrscheinlich nach der Schildkröte aus der unendlichen Geschichte benannt haben, bewegen sich auf ihrer Debutaufnahme grob gesagt in Richtung Screamo mit einer satten Punk/HC-Kante und viel 90er Spirit und gelegentlichen chaotischen Ausbrüchen. Das klingt dann wie italienischer Screamo á la Raein/La Quiete, Funeral Diner oder Portraits Of Past sind sicher auch Einflüsse. In den deutschen Texten schwingt ein wenig Hoffnungslosigkeit/Resignation mit, die Musik ist düster und wütend zugleich, das liegt zum einen an den vielen dissonanten Parts und zum anderen am leidenden Gesang. Ein großer Vorteil ist sicher auch, dass die acht Stücke dieses lebendige Gefühl einer Live-Aufnahme besitzen, zudem wird die zweieinhalb-Minuten-Marke pro Song nicht geknackt.

Alles in allem laufen mir die acht Songs gut rein, live ist das bestimmt ein intensives Erlebnis. Das Stück, das mir dann am Besten gefällt, kommt erst am Ende. “Nur einmal” ist wirklich hammermässig, abgesehen von den Gitarren gefällt mir hier die zweite Stimme, die im Kontrast zur Schreistimme diesen gewissen Gänsehauteffekt rüberschickt. Sowas in der Art würde ich mir in Zukunft von Morla etwas mehr wünschen. Checkt das Ding an, lohnt sich.

7/10

Facebook / Bandcamp


 

Quergehört: 52 Hertz, Atif X Aslam, City Cop, Ksilema, Slander, Summon The Octopi, Viva Belgrado, Wherebirdsmeettodie, Dearest

52 Hertz – “Somnolence.” (Shivery Productions) [Freier Download]
Aus Würzburg kommt dieses Trio und verwöhnt uns mit einer Mischung aus Emo, Punk, Post-Hardcore und etwas Screamo. Die Twinkle-Gitarren sind natürlich von so Bands wie Algernon Cadwallader oder Snowing entliehen, auch die Group-Shouts findet man bei diesen Bands häufig. Mir gefällt jedenfalls, was ich da höre, man spürt die Spielfreude der Band bei jedem der fünf Songs. Zudem ist das Ganze schön abwechslungsreich, hört euch nur mal Kufte an, da könnt ihr die Vielseitigkeit der Jungs entdecken. Wenn ihr mit den bereits genannten Bands vertraut seid und gerne Midwest-Emo-Bands lauscht, dann solltet ihr euch schnell mal diese EP auf die Festplatte zippen oder euch gleich das schicke Vinyl sichern.


Atif X Aslam – Lund Na Khao (DIY) [Stream]
Anfragen von Bands aus Pakistan bekommen wir auch nicht alle Tage, daher besprechen wir diese 3-Song-EP auch, obwohl ich für eine EP jetzt ein wenig mehr Spielzeit als eine Minute und zwölf Sekunden erwartet hätte. Aber für das Genre Powerviolence reicht das ja, deshalb frag ich mich, warum die Jungs nicht mehr Songs aufgenommen haben. Vielleicht ist bei dem Geknüppel das Equipment nach der Aufnahme des dritten Songs an Arsch gegangen, wer weiß…Jedenfalls wird auf Hindi/Urdu gebrüllt, Vorbilder sind laut eigener Aussage so Bands wie ACxDC, Iron Lung oder Man Is The Bastard. Zum Textinhalt kann ich leider nix sagen, irgendwie versagt bei dieser Sprache google translate. Der Sound ist ziemlich rau, grob und 80er-Punk-mässig abgemischt.


City Cop – “Loner” (Flannel Gurl Records) [Stream]
Die Band aus Ohio stach beim sogenannten Screamo-Revival aus der Masse an Bands heraus, da sie sehr experimentell zu Werke ging und diese Flamenco-artigen Akkustik-Gitarren in dem Genre nicht unbedingt üblich waren. Auch auf der neuen EP faszinieren die o.g. Stilelemente, hinzu kommt das fast schon vertraute, herzzerreißende und tief emotionale Geschrei von Sänger und Gitarrist Max Adams, die gesprochenen Parts zeigen auch ihre Wirkung. Die Rhythmus-Arbeit ist ebenso ausgeklügelt und einzigartig, und wenn man sich den Song Glass Bones anhört, könnte man gerade meinen, dass eine wildgewordene Kaki King ihre hochwertige Akkustikklampfe zu Brei schreddert. Fingerpicking extrem. City Cop ist mit dieser fünf Songs starken EP erneut ein Spitzen-Release gelungen, ich würde die Band zu gerne mal endlich live sehen.


ксилема – “Selftitled” (Ruined Smile Records) [Name Your Price Download]
Das kyrillische Alphabet ist für manche ja ein rotes Tuch mit sieben Siegeln, daher beeindrucke ich euch jetzt mal mit etwas, das ich aus dem Begleittext des Labels, das übrigens in Australien beheimatet ist, geklaut habe: ксилема kann mit Ksilema übersetzt werden. Was das wiederum bedeutet? Da muss ich leider passen. Ksilema kommen jedenfalls aus Minsk/Weißrussland und machen eine manchmal hektische Mischung aus Emo, HC, Punk mit etwas Screamo. Auf diesem Release ist die EP, das Demo und ein Song von einer Splitveröffentlichung mit drauf. Gesungen wird in der Landessprache. Klingt in meinen Ohren super, v.a. die fünf Songs der EP rocken gut ab.


Slander – “The Rush” (Trivel Records) [Name Your Price Download]
Beim Intro könnte man gerade meinen, man hätte ‘nen Cro-Mags-Klon zu der Zeit vor sich, als diese ihren rohen HC-Sound mit Metalelementen verunstalteten. Haha, das war jetzt gemein, denn Slander zeigen auf den nachfolgenden vier Stücken, dass sie ‘ne Menge Wut im Bauch haben und ihre Instrumente nicht erst seit gestern beherrschen. Hier vermischt sich moshiger HC mit Thrash, Punk und Pantera-infizierten Metalriffs. Klingt sehr energiegeladen. Die Italiener scheinen derzeit ziemlich angesagt zu sein, da die Erstpressung der EP mit einer 500er-Auflage laut Presseinfo in weniger als drei Monaten restlos vergriffen war.


Summon The Octopi – “Nonversations” (Sober Up Records) [Stream]
Mich kannste ja mit Instrumental-Post-Rock jagen. Nun denn, hinter Summon The Octopi verbirgt sich eine One-Man-Band aus Berlin. Glaubt mir, ich kenne die Vorzüge einer One-Man-Band sehr gut: niemand redet einem rein bei dem, was man macht. Dazu gibt es nur wenige Vertraute und Freunde, die sich trauen, das fabrizierte Zeug als Käse zu bezeichnen. Und selbst wenn, man steht ja hundertprozentig hinter dem, was man macht, drauf geschissen. Will damit sagen, dass sich das Gesamtklangbild von Summon The Octopi ein wenig unstrukturiert und durcheinander anhört. Es wird aber neben dem Hauptakteur sicher noch einige andere geben, die das ebenfalls gut finden, sonst würde das Ding ja wohl kaum auf ‘nem Londoner DIY-Label erscheinen.


Viva Belgrado – “Flores, Carne” (Tokyo Jupiter Records) [Name Your Price Download]
An manche Sachen erinnert man sich ja, als ob es erst gestern gewesen wäre. Meinen Einstand für Borderline Fuckup gab ich nämlich mit der 2013er EP der Jungs aus Andalusien. Damals behauptete ich, dass die Jungs sehr “schwedisch” klängen. Nun, auch beim Lauschen des Debutalbums von Viva Belgrado habe ich das im Hinterkopf. Im Vergleich zur EP hat sich nicht sehr viel am Sound geändert, die zehn Stücke sind leidenschaftlich und astrein produziert, das Songwriting ist schön abwechslungsreich, gerade das über vierminütige Cáncer, Capricornio zeigt dies sehr deutlich. Ich würde sagen, dass insgesamt sehr viel eingängiger gearbeitet und der Post-Rock-Anteil noch ein wenig nach oben geschraubt wurde. Tolle Platte, gefällt mir um Längen besser als die letzte EP. Freunde von Bands wie z.B. We Never Learned To Live sollten unbedingt reinhören. Ach ja, und das Tapeten-Muster-Artwork sieht auf LP-Format sicher auch geschmeidig aus.


Wherebirdsmeettodie & Dearest - “Split” (Shivery.MMXII.Productions) [Stream]
Die Wherebirdsmeettodie EP letztes Jahr gefiel mir schon ganz ordentlich, die zwei Songs des Trios aus Pennsylvania bohren sich ebenso 90er-emo-mässig in die Gehörgänge, v.a. das geniale Acrylic glitzert wie ein Juwel im Mondschein. Geiler Song. Dearest kommen aus Würzburg und machen so ‘ne Mischung aus Screamo und HC mit viel Herzblut. Läuft ebenfalls super rein, die zwei Bands passen gut zusammen, es gilt also: anchecken.


Icarus – “Ascending // Descending” (lifeisafunnything)

Wieder mal eine Band, die sich nach einer Figur aus der griechischen Mythologie benannt hat. Kurz das Gedächtnis aufgefrischt: Ikarus war der Typ, der sich mit Hilfe von Wachs Flügel anklebte und plötzlich damit fliegen konnte, was ja an sich schon mal echt ‘ne völlige Schnapsidee ist. Dummerweise ignorierte er den weisen Ratschlag seines Vaters, nicht allzu hoch zu fliegen und die Sonne  zu meiden. Und wie auch euch manchmal die gut gemeinten Ratschläge eurer Eltern auf die Nerven gehen, wurde Ikarus also übermütig und flog zu hoch, so dass die Sonne das Wachs zum Schmelzen brachte und somit die Flügel zerstört wurden. Tja, dumm gelaufen, denn Ikarus stürzte ins Meer und wurde zu Fischfutter.

Icarus kommen aus Reykjavik/Island und gründeten sich im Jahr 2012 als Post-Rock-Band. Wie es die Band innerhalb so kurzer Zeit geschafft hat, sich vom Post-Rock zwar nicht komplett zu verabschieden und sich zu einem so räudig-explosiven Post-Hardcore-Monster  zu verwandeln, ist mir ein absolutes Rätsel. Ascending // Descending  ist das erste Release dieser noch sehr jungen Band und erschien im Mai 2014 erstmalig in digitaler Form auf Bandcamp zum Name Your Price Download. Und schwups, etwas über ein halbes Jahr später kommt das Teil mit einer 300er-Auflage dank dem kleinen DIY-Label lifeisafunnything als LP raus.

Anscheinend gibt es wieder  mehrere Farben beim Vinyl, mein Exemplar ist durchsichtig-golden und sieht wirklich sehr schick aus. Das Ding läuft  übrigens auf 45rpm, also Vorsicht…Auch die Verpackung kann sich sehen lassen, das Cover-Foto weiß auf LP-Größe zu beeindrucken, zudem liegt ein schön gestaltetes Textblatt und ein DL-Code bei, welcher bei meinem Exemplar aber fehlt. Macht nix, ich hör das eh viel lieber auf Platte an. Nettes Gimmick übrigens: Die Seiten A und B werden analog zum Albumtitel mit Side Asc und Side Des bezeichnet.

Bei den ersten paar Durchläufen fällt auf, dass Icarus die bisher sperrigste Band ist, die Marcus unter seine Fittiche genommen hat. Ich muss zugeben, dass ich mit dem aufgewühlten Sound nicht auf Anhieb warm wurde. Aber wie das mit diesen sperrigen Alben so ist, öffneten sich nach und nach die Kanäle, so dass mich die Platte letztendlich doch noch gepackt hat. Das liegt zum einen an dem eigenständigen Sound des Quartetts, der sich abseits von jeglichen gängigen Trends bewegt. Zum anderen liegt das an den vielen verschiedenen Einflüssen, die gekonnt arrangiert zu eben diesem eigenständigen Sound führen. Neben fetten Gitarrenparts mit ultra-derbem Schreigesang schimmern immer wieder die bereits erwähnten Post-Rock-Gitarren durch (The Royal Botch, Royale),  neben Highspeed-Drumming und fast schon Blackmetal-mässigen düsteren und flächendeckenden Soundwänden (z.B. bei Tirade ) tauchen immer wieder diese vertrackten Passagen auf, die der Platte insgesamt einen enorm energiereichen Vibe verleihen (Maryland).  Am ehesten passen als Vergleiche noch so schwedische HC-Acts wie z.b. JR Ewing oder Refused – was die Energie anbelangt – oder aber auch New Day Rising – was den Dampfwalzenlevel betrifft -.

Icarus klingen jedenfalls sehr zähnefletschend. Das Album hat in etwa die Wirkung, wie wenn Du gerade in Pamplona von ‘ner Horde wilder Stiere verfolgt werden würdest und Du noch Deine dumme Fresse in einem Selfie verewigen musst, bevor Du – völlig zu Recht – zu Ketchup getrampelt wirst. Mir gefällt mal wieder, wie lifeisafunnything einfach sein Ego-Ding durchzieht und erneut ein hochwertiges Release raushaut, das zwar nicht die breite Masse begeistern wird, aber welches sicher einige neue Freunde und Freundinnen für sich gewinnen wird. Hier kann man eher von aufsteigend als von absteigend sprechen, um mal ein wenig mit dem Albumtitel zu spielen. Und wenn man sich ein beliebiges Live-Video der Band auf Youtube anschaut, dann wird man einer “echten” Live-Show der Jungs ziemlich entgegenfiebern.

8/10

Facebook / Bandcamp / Label


 

Auxes – “Boys In My Head” (Gunner Records/Fidel Bastro)

Kurze Zusammenfassung und ein bisschen Namedropping: Hinter dem Trio Auxes stecken u.a. Musiker von Kommando Sonne-nmilch, Airpeople, Honigbomber, Die Charts und Eniac. Ach ja, fast vergessen, mit Dave Laney ist zudem jemand mit an Bord, dessen frühere Bands Milemarker und Challenger tiefen Eindruck bei mir hinterlassen haben. V.a. Milemarker können mich mit den Platten Frigid Forms Sell, Anaesthetic und Future Isms auch Jahre später immer noch bei Laune halten. Nach dem Split beider Bands zog Dave jedenfalls aus den Staaten weg, wurde in Hamburg sesshaft und gründete die Auxes, die auch schon wieder seit 2009 existieren und vor diesem Album bereits mit zwei starken Alben in Erscheinung traten.

Die bisherigen Releases der Band konnten mich nicht so sehr begeistern, wie das aktuelle Album des Trios. Ich will jetzt die beiden vorangegangenen Releases keinesfalls schlecht machen, aber die Auxes sind auf Boys In My Head  einfach in Höchstform und toppen alles bisher dagewesene. Unter den elf Songs ist echt kein Ausfall zu finden, Langeweile kommt zu keiner Sekunde auf und manche Titel sind richtige Ohrwürmer, die sich nach mehrmaligem Hören in den Gehörgängen einnisten und nur so vor Spielfreude strotzen.

Post-Punk, Post-HC, Punk, Noise und Indie-Rock verschmelzen zu einem melodischen und eingängigen Bastard, der trotzdem noch die unbequemen sperrigen Grundzüge hat, die wir von den früheren Releases kennen. Der treibende Bass und die tollen Gitarren bilden schon mal ein solides Grundgerüst, wenn dann aber Dave Laneys Stimme kurz vor’m Überschlag steht, nur um im nächsten Moment in einem hymnenhaften Chorus zu gipfeln, dann gehen bei mir die Lichter auf.

Verdammt geiles, fesselndes und intensives Release, das eigentlich allen gefallen dürfte, die sich eine Mischung aus diversen Dischord-Bands, den Hot Snakes, frühen Turbonegro, den Wipers, den Pixies und At The Drive-In vorstellen können.

9/10

Facebook / Stream


 

Quergehört: Astpai, Get The Shot, Gifts, Hollow Earth, Kaddish, Rouille, Trophy Eyes, Whirr, Nothing

Astpai – “Burden Calls” (Ass Card Records/ Jump Start Records) [Stream]
Bei Astpai hat sich soundtechnisch nicht arg viel verändert in den letzten Jahren, die vier Wiener Neustadt-Jungs können auf dem neuen und mittlerweile fünften Album immer noch mit melodischem und melancholischen Punkrock begeistern. Im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen klingen die Jungs um einiges “reifer”. Die Vorbilder sind und bleiben Samiam, The Hold Steady, Kid Dynamite und Trial By Fire.  Abwechslungsreiches Songwriting, tolle Melodien und nachdenkliche Lyrics katapultieren dieses Album auf internationales Niveau. (Steff)


Get The Shot – “No Peace In Hell” (Demons Run Amok) [Stream]
Verdammt, das hier ist geiler Metalcore, hier wird den alten Metal-Thrash-Helden ein Opfer gebracht. Und da es in der Hölle keinen Frieden gibt, wird gnadenlos teuflisch gemosht. Die Gitarren erinnern desöfteren an alte Anthrax, Metallica und Slayer. Gerade bei den Solos hab ich Kerry Kings nagelnietengespickten Arm vor den Augen. Natürlich ist das Ganze bombastisch und oberfett produziert, die Gangshouts kommen auch erstklassig und das Albumcover wäre in den 80ern sofort auf den Index gekommen, also alles richtig gemacht! (Steff)


Gifts – “Seven Songs” (DIY) [Stream/Download]
Gifts aus New Jersey haben auf ihrem Mini-Album “Seven Songs” diesen 90er-mäßigen Sound, den viele aktuelle Bands höchstens auf ihrem mies produzierten Demo haben. Da “Seven Songs” aber bereits das 4. Release der Band ist, ist der bescheidene, authentische Sound wohl mehr ein Stilmittel. Die Band spielt eine Mischung aus Indie/Emo, Rock und Pop-Punk und passt somit natürlich perfekt in diese moderne Welle um Bands wie Balance and Composure oder Basement. Das 90er-Jahre-Feeling und der juvenile Gesang lässt mich aber auch stark an The Movielife, vielleicht auch ein bisschen an die Get Up Kids oder Sunny Day Real Estate denken. Eine nette, kleine und ehrlich gemeinte Platte. (Alessandro)


Hollow Earth – “Silent Graves” (Panic Records) [Stream]
Die 2012er EP der Detroit-HC-Band Hollow Earth konnte mich bereits voll und ganz überzeugen, auch auf dem Debutalbum sorgen die fünf Jungs für einen Satz heiße Ohren. Hier sind Leute am Werk, die ihr Handwerk schon etwas länger ausüben (es handelt sich um ex-Members von Shai Hulud). Metallischen HC mit fetten Moshparts kann man wirklich kaum besser machen, das Album wird sicher auf meiner Jahresliste landen. Für Leute, die die alten Poison The Well oder Shai Hulud vergöttern, wird dieses Album wahrscheinlich die Erfüllung sein, ich zähle mich jedenfalls schon mal dazu. Ungefähr bei der Hälfte der Spielzeit (The Funeral Of All)  gibt’s ‘ne kleine Verschnaufpause in Form eines düsteren, fast orchestralen Instrumentalstücks, aber ansonsten regiert die Dampfwalzen-Keule, Melodie und gnadenlose Härte. Bin begeistert. (Steff)


Kaddish – “Thick Letters To Friends” (Make-That-A-Take Records, Black Lake Records, The Ghost Is Clear Records, Boslevan Records) [Stream]
Mit dem neuen Album der drei Schotten wurde ich auf Anhieb warm. Schon die Gitarren beim zweiten Song As Long As Your Life Is Long  jagten mir wohlige Schauer über den Rücken. Überhaupt bin ich von den Gitarren sehr entzückt. Diese variieren von leise bis laut, von schrammelig bis ultraschnell, von chaotisch bis melancholisch, zudem klingen die neuen Aufnahmen im Vergleich zu den bisherigen Sachen einen Ticken besser produziert. Verdammt geiles Screamo-Album. (Steff)


Rouille – “On Tue Ici” (Walking Is Still Honest Records) [Name Your Price Download]
Hier haben wir es mit einer neuen Band aus Spanien zu tun, die von Leuten gegründet wurde, die vorher in so Bands wie Amanda Woodward und Interlude gezockt haben. Bei Rouille wird ebenfalls dem französischsprachigen Screamo gehuldigt. Mir sagt das Ganze jedoch nicht so zu, ich find die Songs ein wenig eintönig und unstrukturiert, zudem sind die Gitarren irgendwie schrottig abgemischt. So ein Gitarrensound mag vielleicht bei Berurier Noir toll sein, aber Rouille klingen dadurch nach drittklassiger Proberaumcombo. Das kunstvolle Albumartwork gefällt mir hingegen. Checkt die Band also trotzdem mal an, ihr wisst ja: die Geschmäcker sind verschieden. (Steff)


Trophy Eyes – “Mend, Move On” (Hopeless Records) [Stream]
Nach der EP, die mir eigentlich auch schon ziemlich gut gefiel, folgt nun also das Debut-Album der Melodic-Hardcore-Punks aus Newcastle/Australien. Und das ist richtig gut geworden. Die Gitarren kommen messerscharf und fett aus den Boxen, der Sänger krächzt wirklich schön über die energiegeladenen Songs drüber, das Schlagzeug kommt verdammt treibend und druckvoll und trotzdem bleibt die Melodie im Vordergrund.  Wenn ihr euch ‘ne Mischung aus frühen Thrice und Lifetime vorstellen könnt und ihr so Sachen wie z.B. Hell & Back abfeiert, dann ist dieses Album was für euch. (Steff)


Whirr & Nothing - “Split” (Run For Cover Records) [Stream]
Die zwei Bands, die sich diese Split teilen, passen vom Sound her hervorragend zusammen. Beide Bands sind sehr gitarrenlastig und haben neben neo-Grunge auch ganz viel Shoegazer-Elemente, dabei bleiben sie schön melodisch, da kommt ein gewisses Neunzigerjahre-Feeling auf. Nothing haben mir eigentlich auf dem Guilty Of Everything Album besser gefallen, die zwei Stücke auf dem aktuellen Release sind zwar schon gut, aber die zwei Whirr-Songs gefallen mir irgendwie um einiges besser. Trotzdem ein schönes Release, das man sich ruhig öfters anhören kann. (Steff)


Ahuizotl – “Integrity is overrated” (Tumbleweed)

Das/Der/Die Ahuizotl ist ein Fabelwesen der aztekischen Mythologie. Die vierköpfige Band dahinter klingt aber wesentlich bodenständiger als ihr Name vermuten lassen möchte. Die Band aus Köln gründete sich vor über 10 Jahren und veröffentlichte in dieser Zeit ein paar Demos, eine EP und zwei Alben… seit kurzem ist nun das dritte draußen, dass den schönen, simplen, doch irgendwie auch verwirrenden Titel “Integrity is overrated” trägt. Wie meinen die das nur?!

Wie die das mit der Musik meinen, stellt sich nach wenigen Minuten heraus. Ahuoizotl spielen einen Crossover (darf man das heute noch schreiben?) aus Post-Punk und Indie-Rock, beide fest in den 90ern verwurzelt. Mir kommen Bands wie Dinosaur Jr., Barra Head, Sebadoh oder Hüsker Dü in den Sinn.

Die Stimmung ist dabei relativ entspannt, was aber nicht heißt, dass Ahuizotl einfache Musik machen. Die Songs sind durchwegs verspielt und vollgestopft mit Einfällen. Gut fügt sich auch das Keyboard in den Sound ein. Und selbst die Balance aus instrumentalen und gesugenen Parts funktioniert prächtig. Sänger Barry’s rauchige Stimme ist äußerst charmant und angenehm. Das hat Ähnlichkeiten mit den entspannteren Sachen (dem Solo-Kram oder diverse Rival School-Songs) von Walter Schreifels… und das ist immer gut.

Selbst wenn das jetzt doof klingt, aber “Integrity is overrated” ist eine schöne Platte für die besinnliche Zeit.

7/10

Facebook / Bandcamp

Quergehört: Dark Hansen, Forget The Hate, Forgotten Generation, Morning Sun, Slow Bloom, Typesetter, Ura, When There Is None

Dark Hansen – “Schluessel” (Tief in Marcellos Schuld) [Stream]
Manchmal wird man vom Bandnamen ja schon etwas abgeschreckt, so ging es mir zumindest mit den vier Flensburgern von Dark Hansen. Den Namensbackground hab ich jetzt mal nicht recherchiert, lieber hörte ich mir aufmerksam das Debutalbum der Jungs an, das nach der 2012er EP die zweite Veröffentlichung der Band ist. Auf dem Album bekommt ihr fünf deutschsprachige Songs mit ordentlich Schmackes. Den Stil würde ich als einen Bastard aus Hardcore, Metal, Punk, Sludge und etwas 90er Bremer Schule umschreiben, lustigerweise kam mir die Band Angstzustand in den Sinn, nach etwas Recherche im Netz erfuhr ich, dass hier Ex-Leute von eben dieser Band mitmischen. Da das Vinyl so gut wie ausverkauft ist, hat sich die Band entschlossen, die Songs in digitaler Form auf Bandcamp anzubieten. Kann man sich schon ärgern, denn den Fotos im Netz nach zu urteilen, schaut die liebevoll gestaltete Vinylversion echt schick aus. Um die verschiedenen Facetten Dark Hansens zu überblicken, eignet sich am Besten der Opener Ausgemacht.


Forget The Hate – “The Mind and the Matter” (DIY) [Stream]
Nach einer EP und diversen Songs gibt es nun das erste Album der Straight Edger aus Oklahoma. Wenn ihr auf Posi-Melodic Hardcore steht, der mit fetten und geilen Gitarrenmelodien und leidenschaflich herausgebrüllten Vocals versehen ist, die auch gerne mal in Cleangesang abdriften, dann solltet ihr das Teil echt mal anchecken. 10 Songs voller Energie, da möchte man sich gerade in den nächsten Circle Pit stürzen. Im Vergleich zu dem meiner Meinung nach absolut hässlichen Albumcover kann mich die Musik der Jungs ziemlich mitreißen. Mich erinnert der Sound ein wenig an die Australier von Day Of Contempt zur The Will To Live-Phase, auch Bands wie Gateways oder Hundreth kommen mir in den Sinn.


Forgotten Generation “Mirrors” (DIY/Deadbeat Records) [Name Your Price Download]
Eins vorweg: So einen Hit wie Why Can’t You Breathe  auf der letzten EP sucht man hier vergeblich. Blendet man mal das Intro aus, das nicht wirklich notwendig gewesen wäre, dann bleiben drei Songs, die aber trotzdem ganz nett anzuhören sind. Am hitverdächtigsten ist eigentlich der letzte Song Same Day.  Die Neuseeländer klingen im Großen und Ganzen sehr nach Jahrtausendwenden-Emocore, mir gefällt weiterhin, dass sie sehr energiegeladen zu Werke gehen. Die Songs haben schöne Melodien und können mit schönen Chören punkten, zudem wissen die Gitarren zu gefallen. Das Ding gibt’s als Name Your Price Download, also nix wie ran an die Buletten.


Morning Sun – “2014 Tape” (DIY) [Name Your Price Download]
Das Albumcover ist ja einerseits ganz lustig, aber andererseits zeigt es auch, was bei DIY alles rauskommen kann. Ich find’s eigentlich fast schon wieder cool. Jedenfalls passt es zur Musik des Trios aus Stockholm/Schweden. Im Presseinfo ist zu lesen, dass sich die zwei Herren und die Dame aus Mitgliedern der Bands Anchor und No Omega zusammensetzen und die Einflüsse von Bands wie Jawbreaker, Mineral und Dinosaur Jr stammen. Ich füge noch Texas Is The Reason dazu und kann dem nur zustimmen, das hört sich nach gitarrenorientiertem, etwas traurigem Emo mit ganz viel 90′s Indie-Rock-Kante an. Vom Instrumentalen her gibt’s nix zu meckern, was mich persönlich etwas stört, ist die dunkle Stimme des Sängers, der sich eher an Ian Curtis oder Morrissey orientiert, aber das ist Geschmacksache.


Slow Bloom – “Selftitled” (DIY) [Name Your Price Download]
Mitglieder von State Faults und Strike To Survive haben sich zusammen getan und haben die ziemlich neue Band Slow Bloom gegründet. Wie schnell das heutzutage geht, das ist verrückt. Naja, jedenfalls wurden kurzerhand diese drei Songs im Proberaum eingeprügelt, so wie sich die Aufnahmen anhören hört sich das wie live aufgenommen an. Will sagen: viel Energie, perfekt abgemischt. Stilistisch bewegen sich die vier Jungs im Bereich Hardcore, Punk, Post-Hardcore. Klingt ziemlich oldschoolig, teilweise kommen Surf und Grunge-Einflüsse dazu. Nicht schlecht, geht gut ins Ohr, v.a. Deep Space  ist ein kleiner Ohrwurm.


Typesetter – “Wild’s End” (Black Numbers) [Stream]
Hey, ihr 90′s verliebten Emo-Punker und Mediendesigner, hier kommt das Debutalbum der Shoegaze-Emo-Punks aus Chicago. Nach zwei starken EP’s verwöhnen euch die vier Jungs mit zwölf Songs, die den bisherigen Veröffentlichungen in nichts nachstehen. Wenn ihr auf die alten Hot Water Music schwört und Iron Chic abfeiert, dann solltet ihr den Jungs ‘ne Chance geben, ihr werdet nicht enttäuscht werden. Manchen Stellen klingen vielleicht ein wenig zu glattgebügelt, im nächsten Moment wird das aber durch ein paar Rückkopplungsgeräusche ausgeglichen, zudem ist der Punkbackground des Quartetts im Vordergrund (haha, Background/Vordergrund). Ich persönlich find ja den Song Sunday Best  ganz schnuckelig.


Ura – “Selftitled” (DIY) [Name Your Price Download]
Ura kommen aus dem Baskenland und machen ziemlich geilen DIY-Vegan-Polit-HC-Crustpunk, natürlich wird in der Landessprache gekeift. Nach einem atmosphärischen Instrumental-Intro folgen vier düstere Songs, die Dir ordentlich die Gehörgänge freipusten. Herausragend finde ich den polternden Bass, zudem hat die Sängerin eine unglaublich gute Keifstimme, die zu dem restlichen Gebolze außerordentlich gut passt und dem Ganzen einen Hauch von Apokalypse gibt.


When There Is None – “Warpaint” (Rockstar Records) [Stream]
Drei Akkorde, Aschenbecherstimme und massig Melodie im Gepäck, so präsentieren sich die vier Jungs auf ihrem mittlerweile zweiten Album. Auf Konserve kann mich das Ganze zwar nicht so richtig vom Hocker hauen, live würde ich mir die Aachener jedoch sicher anschauen, wenn sie mal in die Nähe kämen. Wer neben Leatherface, Hot Water Music oder Hüsker Dü ständig auf der Suche nach ähnlichem Sound ist, sollte hier ruhig mal reinhören.


Asthenia – “4 Songs” 10inch (DIY)

Japanischer Hardcore/Screamo hat mich irgendwie schon immer fasziniert. Das begann irgendwann in den 90ern, als ich die Band Bloodthirsty Butchers entdeckte und deren selbstbetiteltes Album in einem kleinen örtlichen Plattenladen käuflich erwarb. Mitte der Neunziger und um die Jahrtausendwende herum war ich natürlich der Band Envy verfallen, durch das Internet tauchte ich danach öfters mal in die japanische Szene ein, die mir bis heute exotisch, geheimnisvoll und mystisch erscheint und mich auch unbekanntere Bands wie z.B. Swipe oder Kulara entdecken ließ. Vor einiger Zeit erschien nun jedenfalls eine tolle 5-Way-Split (Co-Release von Time As A Color, Stereo Dasein, SNCL, Red Panda, Mom Says; Be Polite!, Désertion), auf welcher ein verdammt geiler Song der mir bis dato völlig unbekannten japanischen Band Asthenia vertreten war. Fortan machte ich mich auf die Suche nach weiteren Songs der Band und bemerkte, dass es extrem schwierig sein kann, an die bisherigen Veröffentlichungen der Japaner irgendwie ranzukommen. Alles, was ich im Netz fand, waren irgendwelche Live-Mitschnitte auf Youtube, sowie einen weiteren Song auf der Bandcamp-Seite der Band, der mich noch hibbeliger werden ließ, siehe weiter unten.

Nun denn, in meiner Verzweiflung kontaktierte ich also Hiroshi Sasagawa, seines Zeichens Sänger bei Asthenia sowie bei der chaotic HC/Emo/Black-Metal-Band Umberlite. Dadurch erfuhr ich, dass die 10inch für den europäischen Markt momentan lediglich beim britischen DIY-Distro Strictly No Capital Letters zu bekommen ist. Da Japanimporte ganz schön teuer sind, bleibt zu hoffen, dass sich irgend jemand berufen fühlt und das Teil auch bald in irgendeinem deutschen Mailorder zu bekommen ist. Fürs Erste war Hiroshi jedoch so freundlich, mir die Songs in digitaler Form für ein Review zur Verfügung zu stellen, was natürlich den Appetit auf die Vinylversion noch mehr wachsen lässt, weil die vier Songs nur erahnen lassen, wie viel  zusätzliches Herzblut im Artwork zum Cover und im Textheftchen stecken.

Den ersten Song der 10inch mit dem Titel 踏み絵 kann man übrigens auf der Bandcamp-Seite streamen, dieser Song besitzt so eine tiefe Intensität, hier explodieren die Emotionen wie ein mächtiges Feuerwerk, da wird mir gleichzeitig kalt und warm. Die Gitarren sind einfach göttlich und spätestens, wenn die zweite Gitarre einsetzt und die leisen Passagen mit dem halb gesprochenen Gesang sich ruckartig zu einem Gefühlsausbruch mit sich überschlagendem Schreigesang und genial verzwirbelten Gitarren steigern, dann grinse ich äußerst zufrieden vor mich hin. Was für eine Gefühlsgranate von Song. Das erinnert vom Stil her an die großartige Split der beiden US-Bands Instil und Gray Before My Eyes, die mir sehr viel bedeutet. Das ist 90er Emocore vom Feinsten, wenn ihr Indian Summer, Parades End, Native Nod oder Bob Tilton zu euren Lieblingen zählt, dann werdet ihr sicher auch ruckzuck Asthenia in euer Herz schließen.

Die nachfolgenden drei Stücke sind ebenso intensiv wie Hölle, man merkt den Songs die Herzlichkeit und die Zerbrechlichkeit an, die gefühlvoll gespielten Gitarren, das leidenschaftlich, manchmal vertrackt und arhytmisch gespielte Schlagzeug, die zweite Schreistimme, die noch schrecklicher leidet…hier stimmt einfach alles. Und wenn sich die ersten Klänge des letzten Songs  チェック項目 mantra-artig in Deine Eingeweide einnisten, dann machst Du die Augen zu und stellst Dir vor, wie Du direkt im Proberaum oder in einer anderen kuscheligen Location zum Sound von Asthenia auf Wolke sieben schwebst. Außerdem hoffst Du insgeheim, dass dieser Mantra-Part niemals vorübergeht, flippst aber trotzdem total aus, wenn der  Song an Intensität gewinnt, die Gitarren lauter werden und das Chaos ausbricht. Auch wenn ich von den Texten kein Wort verstehe: Asthenias Musik berührt mich zutiefst. Ich bin mir sicher, ich würde ‘ne 10 springen lassen, wenn ich die 10inch in den Händen halten würde.

9/10

Bandcamp / Homepage


 

MNMNTS & Withers – “Split 7inch” (Fear Of Heights & Moment Of Collapse)

Manche Labels oder Bands stellen Zwangsneurotiker wie mich auf unglaublich harte Proben. Jetzt plaudere ich mal ein wenig aus dem Nähkästchen, damit ihr meine furchtbaren Qualen auch etwas nachvollziehen könnt. Also, hin und wieder kommt es vor, dass Wochen vor dem Release-Termin eines Tonträgers ‘ne Anfrage reinkommt, für die man dann auch prompt Interesse signalisiert. Täglich wird nach Zusage des Versenders der Postbote drangsaliert, stündlich der Briefkasten gecheckt. Nichts, Nada, Niente. Das geht Wochen so weiter, man grübelt, macht sich Gedanken: hat der Postbote etwa was verbummelt, hat einer der Junkies aus dem Nachbarhaus das Päckchen aus dem Briefkasten geklaut? Beim Absender nachzufragen getraut man sich dann doch (noch) nicht, man will sich ja nicht als kleinlichen Spießer outen. Das Ding bleibt anschließend so lange auf dem Noch-zu-Erledigen-Board kleben und sticht bei jeder Anmeldung auf der Seite blinkend ins Auge, man erleidet Höllenqualen. Man spielt mit dem Gedanken, die Anfrage einfach zu löschen, besinnt sich aber dann und fragt vorsichtshalber mit ganz schlechtem Gewissen doch mal direkt beim Versender nach…

…und erhält natürlich prompt die Antwort, dass es leider Verzögerungen im Presswerk gab. Hauptverzögerungsgrund war wohl laut Aussage des Labels der fucking Record Store Day im April, die Pre$$werke waren mit schrottigen und überteuerten $onderpre$$ungen beschäftigt, die wahrscheinlich mittlerweile ungehört in irgendwelchen Plattenregalen verschimmeln. Ein gefühltes halbes Jahr später halte ich nun also dieses Release endlich in den Händen und alles, was mir in diesem Moment durch den Kopf geht, ist, endlich die verdammte Anfrage vom Noch-zu-Erledigen-Board zu löschen. Boah, ich bin so scheiße unentspannt in solchen Dingen, ich könnt meterweit kotzen, das sind echt schwerwiegende Probleme.

Die 7inch rausgefriemelt und die MNMNTS-Seite behutsam auf den Plattenspieler bugsiert, komm ich bei den ersten Klängen des vierminütigen MNMNTS-Songs so gut drauf, dass ich mich frage, wie verdammt schwer es wohl eigentlich für die beteiligten Bands und das Label war, auf dieses Release so lange zu warten. So etwas zermürbt unheimlich. Zudem ist es ungewiss, ob es von MNMNTS in Zukunft weitere Aktivitäten geben wird. So wie es aussieht, verabschiedet sich die Band nach sechsjähriger Bestehenszeit mit diesem Song und widmet sich neuen Aufgaben. So ist das Solo-Projekt Perfect Youth von Sänger Philipp mittlerweile zur Band angewachsen, zudem entstand die Band ANTISØHN. Aber zurück zum Song: Im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen gibt’s keine einschneidenden Veränderungen, hier bekommt ihr emotionalen 90er Emo-Post-Hardcore mit hammermässigen Gitarren und verdammt intensiven Lyrics, die auf dem Backcover der 7inch mit ausdrucksstarker Handschrift zu Papier gebracht wurden. Ich liebe handgemachte Handschriften.

Mit dem Stil der österreichischen Band Withers wurde ich bis jetzt persönlich nicht warm, aber der etwas über einer Spielzeit von zweieinhalb Minuten liegende Song Delusions Of Grandeur läuft mir überraschenderweise ziemlich gut rein, da er weniger chaotisch strukturiert ist und mit flirrenden Gitarren flott nach vorne flutscht. Zudem klingt das hier weniger nach Metal sondern mehr nach HC-Punk und D-Beat mit unterschwelligen Melodien. Obendrein passen die beiden Bands musikalisch sehr gut zusammen. Wer auf 90er Emo-Bands wie Shotmaker, Cave In oder Ghostlimb kann, ist bei diesem Release genau richtig.

Kommen wir zum Schluss noch zum einzigen Kritikpunkt, und das wäre die knappe Spielzeit von gerade mal 6:36 Minuten. Da bleibt wenig Raum für den Hörer, sich über die Bands anhand nur eines Songs ein Urteil zu bilden. Das ist aber auch schon alles, was ich zu bemängeln habe und angesichts der zwei tollen Songs in zwar düsterer, aber ansprechender Verpackung, schaue ich über diesen klitzekleinen Makel schleunigst weg.

8/10

MNMNTS Bandcamp / Withers Bandcamp / Fear Of Heights


 

Quergehört: Clique, Fossil, The Gifthorse, Healing Powers, Pacman, Plough Lines, Sheer Terror, Somerset Thrower

Clique – “Selftitled” (Kat Kat Records) [Name Your Price Download]
Seid ihr auf der Suche nach wunderschön entspanntem, zurückgelehntem Emo? So Zeugs, das man gern im Hintergrund laufen hat, während man sich einen Kräutertee aufsetzt? Dann solltet ihr mal die Debut-LP der vier Jungs aus Philadelphia antesten, welches auf dem ebenfalls aus Philadelphia stammenden DIY-Emo/HC/Punk-Label Kat Kat Records erschienen ist. Bisschen Midwest, etwas Rock, ein wenig Indie und heraus kommt eine Platte, die auch gut und gerne vor 15 Jahren oder so erscheinen hätte können.


Fossil – “Cold Side Of The Pillow” (Driftwood Records) [Name Your Price Download]
Mit zwei Sachen kann ich mich auf Anhieb anfreunden: zum einen ist das die von der Band selbst gewählte Bezeichnung “Spaghetti-Punkrock” (hmmm, lecker…) für die Musik der vier Jungs, zum anderen ist es der schöne EP-Titel, weil ich selbst ein permanenter Kissenumdreher bin, der nur auf der kühlen Seite des Kopfkissens einschlafen kann. Obwohl ich kein Hitzkopf bin, bevorzuge ich die kühle Seite des Kopfkissens, zudem sollte ein Kopfkissen schön plauschig sein. Ihr ahnt es, neben mir zu nächtigen ist kein Spaß, ständiges Wursteln, andauerndes Umdrehen und Aufschütteln, irgendwie zappelig alles, an ruhigen Schlaf ist nicht zu denken. Genauso aufgekratzt ist der Sound des sympathischen Quartetts aus Ontario. Stellt euch eine Mischung aus melodischen Touché Amore und frühen Gatherer vor, zu welcher sich ein paar Algernon Cadwallader-Gitarren gesellen. Falls ihr nach der Band im Netz sucht, solltet ihr aufpassen, dass ihr keine dieser komischen Uhren bestellt.


The Gifthorse – “Give My Body To This Town” (Poison City Records) [Stream]
Australien war im Punkrock/HC-Bereich in den letzten Jahren immer wieder außerhalb meiner Aufmerksamskeitsspanne, in letzter Zeit stieß ich jedoch permanent auf interessante Bands, denkt nur mal an die Paper Arms, an die Blind Girls, an Perspectives und Endless Heights. The Gifthorse ist ein Quintett aus Brisbane und entzückt durch geilen Emo-Pop-Punk amerikanischer Prägung, ich entdecke Parallelen zu Bands wie z.B. Samiam, Jimmy Eat World, Dag Nasty/Down By Law oder Knapsack. Ich könnte mich in die tollen Gitarrenmelodien reinsetzen, zudem freue ich mich über die Gitarrenarbeit, die permanent in Richtung Midwest-Emo rübredriftet. Die neun Songs zaubern mir jedenfalls ein fettes Grinsen in die Fresse und ich frage mich, warum es nicht mehr Bands dieser Richtung gibt, die einfach ihr Ding machen und nicht über irgendwelche Trends sinnieren. Abgesehen vom Bandnamen, welcher etliche Web-Suchergebnisse unterschiedlicher Bands dieses Namens hervorruft, kann ich nichts Negatives über die Band schreiben. Dicke Empfehlung.


Healing Powers – “Selftitled 7inch” (Get Into It Records) [Name Your Price Download]
Aus dem Nordosten Englands, genauer gesagt aus Durham, kommen die Jungs der Band Healing Powers. Seit 2012 ist die Band am Start, von Anfang an war dieser gewisse Emo-Vibe mit an Bord, der auch auf dem aktuellen Release meine Daumen nach oben zeigen lässt. Wären die Jungs live im örtlichen Juze am Start, dann würd ich spätestens beim Song Weirdos At Work ein paar ignorante Smartphone-glotzende Leute in den Arsch treten.


Pacman – “Girlfriends” (DIY) [Name Your Price Download]
Vier Jungs aus Hannover, die anscheinend zuvor unter dem Namen Girlfriends unterwegs waren, heißen aktuell nun Pacman und präsentieren auf ihrem Debutrelease eine Mischung aus krachigem Post-Punk/Emo-HC/Grunge und Noise. Der Opener Staub lässt mich jedenfalls sofort aufhorchen: Vertrackter Sound mit deutschen Texten, der sicher diverse Dischord- und Grunge-Bands zum Vorbild hat und mit einem Fugazi-ähnelnden Refrain zu begeistern weiß. Beim zweiten Song gesellt sich dann eine gewisse 80er-Deutschpunk -Attitüde dazu, Boskops/Inferno & Co lassen grüßen. Vom Instrumentalen her gibt’s nichts zu meckern, ich persönlich würde begrüßen, wenn die Jungs in Zukunft ausschließlich deutsche Texte verwursten würden, denn die englischsprachigen Songs klingen im Gegensatz zu den deutschen recht dürftig.


Plough Lines – “Selftitled” (Wolftown DIY/Barely Regal Records) [Stream]
Auf der mittlerweile zweiten EP der Emopunk-Band aus Manchester bekommt ihr drei wunderschöne Songs, der Schwerpunkt liegt hier bei 90er Emo á la Sunny Day Real Estate, Mineral oder Boilermaker, auch werde ich manchmal an die ersten Sachen von Appleseed Cast oder an Bands wie The Cherryville erinnert. Also eher alles im Midtempo-Bereich gehalten, schön laid-back und mit geilen Gitarren und ‘ner Menge Herzblut. Für’s Mixtape würde ich mal Further Still empfehlen. Sehr schönes Release.


Sheer Terror – “Standing Up For Falling Down” (Reaper) [Stream]
Nach 18 Jahren Albumpause veröffentlicht die NYHC-Legende eine dermaßen explosiv geladene Platte, nach deren Hörgenuss sich junge Hardcorebands vorkommen dürften, als ob Ihnen von Paul Bearer himself ein Stück Fleisch aus den Waden herausgebissen und ins Gesicht gespuckt worden wäre. Im Jahr 1992 war das Ugly And Proud-Album sicherlich neben der Shinebox von Yuppicide meine meistgehörte NYHC-Scheibe, unvergessen bleibt auch der Gig von Sheer Terror zu dieser Zeit in der Stuttgarter Röhre. Die Band hat ihre Wut und Energie noch nicht verloren, überzeugt euch selbst.


Somerset Thrower – “Falling Swingers” [Stream]
Warum hab ich diese EP nicht schon im Hochsommer entdeckt? Was wäre es schön gewesen, mit diesen Ohrwürmern hier am Badesee abzuhängen oder sich beim Skateboardfahren die laue Sommernachtsluft durch die lichten Haare wehen zu lassen. Naja, ich kann mich da drüber eigentlich gar nicht aufregen, da man diesen Sound eigentlich das ganze Jahr über abfeiern kann. Obwohl die vier Songs echt mal catchy as hell rüberkommen, bleibt die dreckige Note immer präsent. Das Ding wär der Renner gewesen, als Nirvana mit Nevermind am Start waren. Somerset Thrower packen mich ohne Ende mit ihrer Mischung aus Emo, Grunge und Punk. Wenn ihr Down By Law, Favez zur Gentlemen Start Your Engines-Phase, Samiam, Minor Threat, The Marshes und Brand New Unit zu euren Lieblingen zählt, dann ist das hier so gut, wie vier Richtige im Lotto.


Diana Lagarto – “Selftitled” (La Agonía de Vivir)

Wer zur Hölle ist Diana Lagarto? Das darf man sich angesichts des Bandnamens schon  mal fragen, oder? Auch wenn ich jetzt die Energie der ununterbrochenen Jahresleuchtkraft von zehn Glühbirnen bei meinen verschiedenen Suchanfragen beim googeln verbraten habe, so weiß ich jetzt wenigstens, dass Diana Lagarto die Hauptfigur in der 80er-TV-Serie “V – Die außerirdischen Besucher kommen” war und von der US-Schauspielerin Jane Badler gespielt wurde. Nebenbei habe ich übrigens auch noch erfahren, dass Jane Badler im Jahr 1972 zur Miss New Hampshire gewählt wurde  und heutzutage eine Schönheitsfarm in Florida unterhält.

Aber genug gestalkt, kommen wir zu der Band Diana Lagarto, die ich definitiv um einiges spannender finde als die schauspielerische Leistung von Jane Badler. Die vier Jungs kommen aus dem Baskenland, genauer gesagt aus Bilbao und haben sich im April 2013 gegründet. Die Bandmitglieder sind zum Teil schon bei anderen namhaften Bands wie Inserta, 5000 rpm oder Neila in Erscheinung getreten, was man auf der Debutscheibe durchaus hören kann. Diese Bands gingen logischerweise in eine ähnliche Richtung und lagen musikalisch zwischen Post-Hardcore, Indierock, Doom, Punk, Sludge und Progressive. Bei Diana Lagarto wurden diese Stile nun experimentell vermischt, so dass auf dem Album acht extrem spannende und ausschließlich in der Landessprache vorgetragene Stücke zu finden sind, die mich absolut in ihren Bann ziehen können.

Da ich der spanischen/baskischen Sprache nicht mächtig bin, musste ich also erneut die Energie der ununterbrochenen Jahresleuchtkraft von ca. 3 Glühbirnen verbraten, um bei google translate einen ungefähren Eindruck zu bekommen,  mit welchen Themen sich die Jungs in ihren Texten befassen. Aufgrund des Übersetzungsvorschlags würde ich mal behaupten, dass wir es hier mit sehr intelligenten Texten zu tun haben, die nicht mal eben kurz bei der Aufnahmesession im Studio geschrieben wurden.

Diana Lagarto gehen energiegeladen und experimentell zur Sache, die Songs sind astrein produziert und machen Lust darauf, die Band in irgendeinem besetzten Haus oder Juze schwitzend live zu erleben, denn Diana Lagarto müssen definitiv eine sehr geile Liveband sein. Diesen Eindruck wecken jedenfalls die vor Spielfreude strotzenden Songs bei mir, zudem hört man dem Sänger an, dass er sein ganzes Temperament in die Songs reinpackt. Die Musik würde ich mal unter rockigem Posthardcore verbuchen, zudem kommen da noch massig experimentelle Einsprengsel dazu, die von Crust über Emo bis hin zu Punk und Post-Rock reichen. Schönes Artwork und sehr geiles Album.

8/10

Facebook / Bandcamp / Name Your Price Download


 

 

Quergehört: Eklat, Hightower, Lizards Have Personalities, Pianos Become The Teeth, Prawn, Sierra, Riviera, We Had A Deal, Coma Regalia

Eklat - “Selftitled” [Name Your Price Download]
Zwar bereits 2011 aufgenommen, aber immer noch toll und zudem erstmals seit ein paar Tagen auf Bandcamp zu hören und dann auch noch als Name Your Price Download zu bekommen: das Debutalbum der deutschsprachigen Emo-Post-Hardcore-Band Eklat aus Hamburg. Sänger Helge war ja zuvor bei Escapado aktiv, bei Eklat geht es jedoch viel harmonischer zur Sache. Bisher waren lediglich zwei der Songs auf der tollen Split-7inch mit Yachten zu hören, wer diese schicke 7inch noch nicht entdeckt haben sollte, kann nun zumindest die Eklat-Songs als Sicherungskopie auf den Rechner ziehen.


Hightower – “Sure. Fine. Whatever.” (Knives Out Records) [Stream]
Die Pariser Band existiert seit 2013 und pfeffert uns auf ihrem 12 Songs starken Debutalbum schönen melodischen Hardcore-Punk amerikanischer Prägung vor den Latz. Der Sänger hört sich an, wie der Typ von Kid Dynamite, auch das Drumherum erinnert desöfteren an die Jungs aus Philadelphia, auch Lifetime können als Referenz herhalten. Lustigerweise ist das Album von Steve Evetts produziert, der auch bereits eben erwähnte Bands produziert hat. Schnelle, hochmelodische Punkrockparts treffen auf rotzigen Gesang und hymnenhafte Refrains, auch die Texte sind alles andere als belanglos. Ich mal mir gleich zwei gekreuzte Baguette-Brötchen in Form eines “X” auf den Handrücken, so geil ist das. Schönes Ratten-Cover-Artwork übrigens.


Lizards Have Personalities – “Selftitled” (DIY) [Name Your Price Download]
Das US-Screamo-Trio aus Kansas segnet nach fünfjähriger Bestehenszeit das Zeitliche und verlässt die Bühne mit einem letzten Album. Traurige Sache, jedenfalls stehen die Jungs ja für traurigen und melancholischen Screamo, die zehn Abschieds-Stücke dürften bei Fans von Suis La Lune, The Saddest Landscape, Tristan Tzara und Sed Non Satiata feuchte Augen hervorrufen. Schön rauh produziert, manchmal fast übersteuert bolzen die Songs nach immer wieder ruhigen und bedächtigen Post-Rock-Passagen den ganzen angestauten Weltschmerz heraus.


Pianos Become The Teeth – “Keep You” (Epitaph) [Stream]
Vermutlich wird es dieses Album bei den bisherigen Pianos Become The Teeth-Fans schwer haben, da die Band auf “Keep You” mit ihrem gewohnten Stil bricht und anstelle des screamolastigen Sounds eher mit harmonischeren Klängen experimentiert wird. Ich finde die Platte aber echt spannend und bin der Meinung, dass im fast schon ausgelutschten Screamo/Post-HC-Sektor genau solche Experimente frischen Wind aufkommen lassen. “Keep You” ist jedenfalls ein sehr emotionales Album, mit jedem Durchlauf sagt mir der “neue Stil” der Band mehr zu als das, wofür die Jungs bisher standen, auch wenn das hier mehr Mainstream ist. Mehr weinerliche Emo-Einflüsse á la Appleseed Cast und Circa Survive, weniger Screamo á la Touché Amore und La Dispute.


Prawn – “Kingfisher” (Topshelf Records) [Stream]
Von der neuen Prawn-Scheibe war ich anfangs irgendwie ein wenig enttäuscht. Das gibt es ja manchmal: man ist nicht in der Stimmung oder hat schlechte Laune, hört in dieser schlechten seelischen Verfassung in ein Album rein, das einen aber nicht sofort auf andere Gedanken bringt, worauf man dann ohne Gnade die Scheibe rauskickt und so lange sucht, bis man einen entsprechenden Tonträger findet, der dazu in der Lage ist, die Stimmung wieder anzuheben. Tja, ein paar Wochen später sieht dann die ganze Sache ganz anders aus: Die Laune spielt heute keine Rolle und man stößt zufällig auf diese eine Scheibe, von welcher man zum damaligen Zeitpunkt fast schon angenervt war. Verdammt, wie geil ist das denn? Seit diesem Zeitpunkt des ersten positiven Zusammentreffens zwischen Tonträger und Mensch sind zwar auch schon wieder ein paar Wochen verstrichen, trotzdem hat man das Gefühl, so eine Art Geheimtipp entdeckt zu haben, den man sofort der ganzen Welt mitteilen will. Also, falls irgendwer von euch Emo-verliebten Menschen da draußen hiervon noch nicht erfahren haben sollte, dann ist jetzt die Zeit gekommen, sich mit Prawn anzufreunden. Starten könnt ihr mit dem Song Dialect Of…, welcher mit den besten Schrammel-Emo-Gitarren der letzten Jahre beginnt.


Sierra – “Reality Redefined” (DIY) [Name Your Price Download]
So wie die Engländer von More Than Life in Europa etliche Leute begeistern können, hat auch Australien eine emotional-melodische Hardcore-Band, die mittlerweile auf über 11 000 likes bei Facebook kommt. Normalerweise stoßen mich solche Informationen eher ab, aber bei Sierra ignoriere ich das einfach mal. Die fünf Jungs aus Mount Gambier sind seit 2009 zusammen und veröffentlichten im September mit Reality Redefined ihr bisher bestes Release. Geile Produktion, fette und doch super melodische Gitarren, kriegserklärendes Schlagzeug und der Sänger hat echt ‘ne coole Schreistimme. Super auch die Gangshout-Chöre. Kennt jemand noch die 90er Emo/Hc-Band Temperance? Keine Ahnung, Temperance waren jedenfalls nicht so abartig bombastisch produziert, aber den Sound von Sierra würde ich mit einer Mischung aus eben dieser Band mit neueren Refused, alten Death By Stereo und ganz frühen Stretch Arm Strong umschreiben. Die neue More Than Life stinkt gegen das hier echt mal ab. Ich feier’s ab!


Riviera – “Selftitled” (Fallodischi) [Stream]
Die fünf Italiener bauen auf ihrem Debutalbum den Sound aus, den man auch schon auf den ersten zwei EP’s geboten bekam. Ich bin entzückt, hier wird auf höchstem Niveau dem Emopunk ein Ständchen gespielt, zudem ist das Ganze recht eigenständig und mit italienischen Texten ausgestattet. Die oft eingesetzten Bläser passen einfach super, die frickeligen Gitarren, die mich teilweise an frühe At The Drive-In erinnern, könnten auch nicht besser gespielt sein. Stellt euch eine fröhliche Mischung aus frühen Monochrome, Algernon Cadwallader und Appleseed Cast vor. Das Ding ist so genial, dass sich zahlreiche DIY-Labels (Black With Sap, Cause Care, Fight Or Fight!, Neat Is Murder, No Routine Records, Strigide Records, To Lose La Track, Trivel Records, Upwind Records) gefunden haben, die die Platte veröffentlichen. Ich muss zugeben, dass ich dieses Album gerne auf Vinyl hätte, und das nicht nur aufgrund des ungewöhnlichen und spitzenmässigen Albumcovers. Verdammt geiles Debutalbum!


We Had A Deal & Coma Regalia – “Split 7inch” (Middle Man Records) [Stream]
Die DIY-Screamo Band Coma Regalia liebt bekanntlich das Split-Format, seit der Split mit den Stuttgartern We Had A Deal ist übrigens erneut eine 4er-Split auf dem bandeigenen Label Middle Man Records erschienen. Nun, der Song von Coma Regalia, der aus drei verschiedenen Teilen besteht, ist gewohnt intensiv und zeigt alle Seiten der Band. We Had A Deal steuern zwei geile Stücke bei, irgendwie hat diese Band die Gabe, mich von vorne bis hinten zufriedenzustellen. Leider hab ich die Songs bisher nur im Bandcamp-Stream genossen, ich habe jedoch gehört, dass diese Split äußerst schön gestaltet sein soll. Also, Augen beim in der Distro-Kiste-wühlen offen halten. Ach ja, wer We Had A Deal noch nicht entdeckt haben sollte: die bisherigen Veröffentlichungen gibt’s alle zum Name Your Price Download bei Bandcamp. Dicke Empfehlung.


Beaver – “Cold Hands” (lifeisafunnything)

Im Rahmen der Fuck Up The Neighborhood-Reihe konntet ihr bereits im Zusammenhang mit der letztjährigen EP eine phantasievolle Geschichte zur Namensherkunft der polnischen Band Beaver lesen. Ich habe sie mir gerade nochmals durchgelesen und musste wirklich schmunzeln, eine haarsträubende Story, unter welchen Medikamenten bin ich denn beim Verfassen dieses Textes nur gestanden? Ich hoffe, die Jungs haben den Text damals nicht übersetzen lassen, haha. Falls ihr nachlesen wollt, hier geht’s zum Artikel. Aber jetzt mal Spaß beiseite, ich freute mich wie ein Schneekönig, als mir Marcus von lifeisafunnything vor einiger Zeit die Nachricht sendete, dass er die neue EP der Jungs als 7inch veröffentlichen wird. Es ist schon lustig, wie klein die Welt letztendlich doch ist und wie die Bands auf lifeisafunnything absolut meinem Geschmack entsprechen.

Kaum sind also ein paar Wochen des Wartens vergangen, trudelt auch schon ein liebevoll verpacktes Stück Vinyl aus Hof bei mir ein. Das lässt meinen Teint dann doch wieder etwas rosiger aussehen, denn nach einer Woche übler Rotzelei sehe ich momentan eher aus wie eine aufgedunsene Leiche, die man eine Woche nach dem Selbstmord aus dem Fluss gezogen hat. Freude also, denn Beaver rufen bei mir dieses tiefe Nostalgie-Gefühl hervor, das ich vorwiegend aus der geilen Zeit Mitte der Neunziger kenne, als ich in irgendeinem verqualmten Juze irgend ‘ne sagenhafte Band gesehen habe, die mich total umgeblasen hat. Fünf Bier im Schädel und ab in den Pit.

Auf der 7inch, die übrigens als Co-Release mit dem französischen Label Anarchino Records erschienen ist, sind insgesamt vier Songs drauf, über den beiliegenden Downloadcode bekommt ihr zu diesen vier Songs noch zwei weitere Stücke dazu, perfekt. Gleich mit dem ersten Song Hopeless  jagt mir ein nicht krankheitsbedingter Schauer über den Rücken, nachdem der herzzerreißende Gesang einsetzt und der absolut geile Bass im Hintergrund zu den genialen Gitarren in höheren Tonlagen rumwerkelt, ist es ab ca. Spielminute 0:35 um mich geschehen. Was für ein Auftakt. Auch das darauffolgende Cold Hands  überzeugt durch die tolle Gitarrenarbeit, manche Bands verbraten für sowas zwei Gitarristen, wodurch der Bass ja auch oftmals verschluckt wird. Mich erinnert diese instrumentale Vorgehensweise ein wenig an die alten Sachen von Ignite, die mich seinerzeit tief berührt haben. Ach ja, und der Schlagzeuger hat auch mächtig Power. Die zwei Songs der B-Seite schlagen vom Stil her in die gleiche Kerbe, hier sticht v.a. der schleppende Schlussteil von Outsider  ins Ohr. Heutzutage ordnet man so ‘nen Sound berechtigterweise unter dem Begriff Emotional Hardcore ein.

Natürlich liegt der 7inch auch ein Textblatt bei, auf welchem die Lyrics der vier Songs der Vinyl-Version als auch der zwei Bonus-Download-Songs nachzulesen sind. Die Texte sind sehr persönlich gehalten und behandeln Themen wie z.B. der anhaltenden Leere in uns, Verlust und Freundschaft. Auch das grausame Albumcover mit dem am Stock hängenden toten Raben hält unserer verrückten und an Verrohung nicht zu überbietenden Gesellschaft den Spiegel vor Augen. Zur Erklärung: es kommt leider immer wieder vor, dass diese für Rabenvögel abschreckende Sauerei von Landwirten angewandt wird, um die Ernte vor anderen Artgenossen zu schützen. Wenn man bedenkt, dass dabei 90 Prozent der angebauten Maisfläche nicht als Nahrung dient, sondern hauptsächlich in Biogasanlagen landet, während andere Menschen auf der Welt hungern, dann wird einem echt schon wieder kotzübel. Hab jetzt keine Ahnung, mit welchem Hintergedanken dieses Foto ausgewählt wurde, mich hat es jedenfalls zum Sinnieren gebracht, zudem hab ich die Anlage zornig etwas lauter als üblich gestellt.

Fazit: Man muss nicht nur US-Bands abfeiern, auch in Europa gibt es tolle Bands, die es wert sind, Unterstützung zu bekommen. Diese Veröffentlichung dürfte daher für einige von euch interessant sein, falls ihr gerne Emotional-HC, Melodic HC, oder Modern HC hört, der auch ab und an mal mit ein paar Screamo-Einlagen aufwarten kann. Eine weitere spitzen-Veröffentlichung auf lifeisafunnything. Die kleinen Scheibchen gibt’s übrigens in drei verschiedenen Ausführungen (schwarz, weiß, clear mix). Unterstützt den verrückten Kerl und bestellt euch das Ding.

8/10

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