Young Mountain – “We’re Drowning In Slowmotion” (Through Love Records)

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber seit meiner Kindheit hab ich Aufkleber lieber in Kisten gesammelt, als irgendwo aufzukleben. Nur die doppelten Exemplare wurden mal wo aufgeklebt, aber auch diese äußerst widerwillig, hätte ja sein können, dass der einzig verbliebene Aufkleber irgendwann mal kaputt geht oder nicht mehr klebt, wenn man ihn mal dringend brauchen sollte. Nennt mich von mir aus zwangsneurotisch, aber anscheinend ist diese Aufklebermacke nicht vererbbar, denn meine kleine Tochter hatte dieser Tage keinerlei Probleme damit, den stibitzten Through Love Records Aufkleber an ihren Schreibtisch zu pappen, während sich bei mir ein zentnerschwerer Kloß im Hals bildete, als ich die ausgezuzzelte Aufkleberhülle entdeckte. Merke: ich darf Aufkleber nicht mehr einfach so rumliegen lassen, sondern muss sie ab sofort in meine geheime und abschließbare Aufkleber-Kiste tun.

Nun denn, switchen wir von den Aufklebern mal zu den Schallplatten. Die Young Mountain 12inch war auch in dem Through Love Records-Päckchen, das mich neulich himmelhochjauchzend jubilieren ließ. Die Platte erscheint als Co-Release mit Zegema Beach Records. Jedenfalls scheint das Hamburger Label einen besonderen Draht nach Schweden zu haben, denn Young Mountain kommen aus Gothenburg und langsam fragt man sich, ob man einfach so mir nichts dir nichts mal ‘nen kurzen Abstecher nach Schweden machen könnte, und dabei pro Trip jeweils zufällig ein bis zwei geile Bands entdecken könnte, die auch noch Bock haben, auf dem Label zu veröffentlichen.  Keine Ahnung, Through Love Records haben jedenfalls diese Begabung. Und was neben dem exzellenten Händchen bei der Bandauswahl zusätzlich zur Faszination beiträgt, ist das hohe Niveau und die erstklassige Qualität der einzelnen Releases. Das Vinyl ist schwer, hat teilweise Siebdruck oder ist wie im Fall der Young Mountain farbig (weiß), das Plattencover ist auf schweren Karton gedruckt, die Innenhüllen sind mit Texten ausstaffiert, was will man mehr, da schlägt das Herz des Vinyl-Liebhabers schneller. Mach’s Dir gemütlich, leg die Platte auf, lümmel Dich in Deinen Sessel und schnapp Dir das Textblatt. Und werde mal wieder überrascht, denn Young Mountain treten Dir mit ihrem emotionsgeladenen Post-Hardcore sämtliche Eingeweide in den Leib, bevor sie Dir diese mit voller Wucht herausreißen und Dich damit strangulieren. Melancholie und Wahnsinn liegen so nah bei einander. Poesie und Aussichtslosigkeit gehen Hand in Hand. Post-Hardcore, Post-Rock, Screamo, Blackmetal und Emo, so würde ich den Sound der Schweden mal beschreiben.

Laut Plattenhülle sind drei Songtitel angegeben, aber letztendlich gibt es zu diesen drei Stücken noch einen Instrumentalsong, den ich jetzt persönlich eher nicht so berauschend finde, der aber zumindest auf der Vinylversion eine atmosphärische Wirkung zeigt. Bei den “richtigen” Stücken gefällt mir, dass sie eigentlich trotz ihrer Intensität sehr reduziert klingen und nicht überladen wirken. Textlich bewegt man sich zwischen den Pfeilern Schmerz, Trauer und Sehnsucht. Wenn ihr auf Bands wie z.B. We Never Learned To Live steht, dann dürftet ihr an  We’re Drowning In Slowmotion  ebenfalls Gefallen finden.

8/10

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Artificial Eyes – “I Just Want A Brand New Revolution” (Riotbike/Artificial Eyes Records)

Gibt es unter euch Lesern/innen noch Leute, die seinerzeit die Fußgängerzonen unserer BRD mit Punkmusik aus stinknormalen Ghettoblastern beschallt haben? Also, ich meine jetzt nicht so die neumodischen Bahnhofpunx, die mit ihren Smartphones über Spotify beispielsweise den Soundtrack zum Untergang auf ihren bluetooth-Lautsprecher streamen und mit ihrer Schnorrerei die  vorbeigehenden Anzugsträger ungeschoren davonkommen lassen, während sie aber ausgerechnet Leute ohne offensichtlichen Geldscheißer um ein paar Euro anhauen. Ich meine eher so richtige Lümmel-Punks wie z.B. mich selbst (hihi), welche einst mit ihren analogen Kasi-Kisten und selbst zusammengestellten Punksamplern unsere grauen Fußgängerzonen belagerten und etwas Farbe in den Alltag brachten.

Ich frag deshalb so scheinheilig, weil ich unter den Vertretern dieser Spezies einige Leute vermute, denen noch die Stuttgarter Band Oi!Genz etwas sagen dürfte. Die Oi!Genz trieben so vor ca 15-20 Jahren ihr Unwesen und waren eine der Oi-Punk-Bands , die damals eben nicht “unpolitisch” waren, sondern ihr Maul aufmachten und klar Stellung gegen rechts bezogen und obendrein soweit gingen, um in der sogenannten Grauzone etwas auszumisten. “Raus aus unserer Szene” war damals ein solches Statement. Mein Spruch zu der damaligen Stimmung war: wenn schon Oi, dann die Oi!Genz oder so Bands wie Psychisch Instabil. Warum ich euch die ollen Kamellen hier auftische, hat seine guten Gründe.  Artificial Eyes, die mit Ex-Mitgliedern von Freiboiter, Produzenten der Froide oder Wärters Schlechte ausgestattet sind und bereits ein Full Length-Album in petto haben, haben nach einigen Line-Up-Wechseln Zuwachs in Form von Tanio, dem ehemaligen Sänger von den legendären Oi!Genz bekommen, die übrigens auch die Antifascist Rock Action (AFRA) ins Leben gerufen haben. Coole und wichtige Sache das. Auch geil: Stuttgarts Punk/HC-Szene ist einerseits so vielseitig, andererseits gibt es aber auch keine Berührungsängste zwischen den einzelnen Splittergruppen. So eine Show mit eigentlich so unterschiedlichen Bands wie Artificial Eyes, Pessimistic Lines und Hell & Back ist daher keine Seltenheit und zeigt einfach mal wieder, dass die Leute einfach wissen, woher sie kommen.

Artificial Eyes haben mir zwecks Besprechung das I Just Want A Brand New Revolution-Album in CD-Form geschickt, mittlerweile ist auch die Vinyl-Version erhältlich. Wenn ihr früher auf euren Dorfplätzen den zusammengemurksten Tapesampler eurer Punk-Kumpels auf deren Kaufhaus X-Kassettenrekordern gelauscht habt und immer in froher Erwartung wart, beim nächsten Song auf den ultimativen Killersong zu stoßen, dann ist dieses Album genau das Richtige für euch. Auf insgesamt 10 Songs wird teils auf deutsch, teils auf englisch mit melodischen Punkgitarren und mit etlichen Oi-Gröhl-Chören gezetert und angeprangert, was das Zeug hält, auch massig Hardcore-Querverweise sind zu finden. In diesem Oi-Punk-Bereich dümpeln ja massig 08-15-Bands vor sich hin, aber Artificial Eyes liefern auf hohem Niveau ab, diese Band sollte man im Auge behalten. Live soll die Band ganz schön ballern. Hier hört man jedenfalls deutlich heraus, dass da Leute mitwirken, die die Szene nicht erst seit gestern kennen und schon viele Trends kommen und gehen gesehen haben. Nehmt nur mal das Thema Gentrifizierung, das längst in der Provinz angekommen ist und nicht nur in einer kleineren Großstadt wie Stuttgart menschenvernichtende Spuren hinterlässt. Ich hab früher mal einige Zeit in Stuttgart gewohnt, aber als ich neulich in die Nordbahnhof-Gegend kam, hätte ich mir ein upgedatetes Navisystem gewünscht. Was hat Stuttgart 21 dieser Stadt nur angetan? Einige Straßenzüge sind komplett vom Erdboden verschwunden, als  ob vor einigen Jahren ein Asteroid eingeschlagen wäre und alles zerstört hätte und danach im Bebauungsplan nur noch glasverspiegelte Bank- und Versicherungsfassaden vorgesehen waren. Anyway, geht in den nächstbesten Club, in dem Artificial Eyes ihr Set runterbolzen und schnappt euch ein Bier, bevor ihr ausgelassen mit ein paar Irokesen-Punks und Antifa-Skins das Tanzbein schwingen lasst und laut “Raus aus unserer Szene” gröhlt. Könnte nämlich sein, dass dieser Club in ein paar Wochen schon durch ein glasverspiegeltes Bürogebäude ersetzt wird.

7,5/10

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Barren Land – “Demo” (DIY)

Beim Hören dieses Demos fühle ich mich echt zurückversetzt in Mitte/Ende der Achtziger. Mann, alleine das Bassintro beim ersten Song, dann die mit rausgestreckter Zunge gespielte Gitarre und die ersten Schlagzeugtöne von Drummerin Sonja, die  bei jedem Schlag in die Felle jeden x-beliebigen Schlagzeuglehrer zusammenzucken lassen. Den Schlagzeuglehrer kann ich mir gerade so richtig vorstellen, wie er mit Händen und Füßen herumfuchtelt und versucht, Zeichen zu geben, wie das Schlagzeug korrekt gespielt werden sollte…und dann schlägt die Stimmung schlagartig um und es scheppert plötzlich ziemlich hasserfüllt und extrem angepisst aus den Boxen. Würd das Ganze mal mit dem Titel “rasender HC/Punk” bezeichnen. Gegen alles, gegen jeden. Keine Gnade für den Schlagzeuglehrer. Scheiß Gesellschaft, unliebsame Entwicklungen im sozialen Umfeld, Ungerechtigkeit und kaputte Umwelt lassen Barren Land scheppernd und gallopierend, teilweise etwas (wahrscheinlich gewollt) unkoordiniert nach vorne preschen. Dabei werden  abwechselnd deutsche und ins denglische abdriftende Lyrics eingesetzt. Ich würde der Band empfehlen, in Zukunft nur noch in deutscher Sprache zu wettern, hört sich irgendwie besser an.

Könnt ihr euch eine krachige Mischung aus deutschen Punkbands wie den Boskops, Slime oder Canalterror vorstellen, die sich mit Polit-Bands wie z.B. Man Lifting Banner, Hardcore-Crossover-Kapellen wie Chronical Diarrhoea (Anfangsphase), Inferno, Profax, GBH und SS Decontrol paaren? Das Ganze natürlich authentisch im thrashigen 80er-Hardcore-Proberaum-Flair? Dann solltet ihr unbedingt Barren Land aus dem Ruhrpott anchecken. Die Band existiert erst seit Sommer 2013, diese Aufnahmen, die im April 2014 entstanden sind, sind sozusagen die ersten Aufnahmen der Band. Diese Information habe ich übrigens aus dem handschriftlich verfassten Briefchen, welches dem Päckchen beilag, das ich neulich aus dem Briefkasten fischte. In Zeiten des digitalen Nachrichten-Wahns eine willkommene Abwechslung. Keine Ahnung, wie schick das Demotape gestaltet ist, aber die CD im Pappschuber mit herausgestanztem James-Bond-Loch lässt jedes DIY-Herz höher schlagen.

7,5/10

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Sore Eyelids – “For Now” (Through Love Records)

Als erstes muss ich sagen: Ich find den Bandnamen Sore Eyelids echt klasse, auch wenn ich mich dabei selbst an ein unschönes Ereignis aus meiner Lehrzeit erinnere, als ich mich – anstelle einfach mal blau zu machen – mit ‘ner fetten Bindehautentzündung zur Arbeit geschleppt hatte , nur weil ich abends noch auf ein Konzert einer abgefuckten Hardcore-Punkband aus der Region gehen wollte und ich Bammel hatte, dass mich da oder eher auf dem Weg dorthin jemand von der Arbeit sehen könnte. Ihr Kleinstadt-Punks kennt solche oder ähnliche Situationen sicher. Obwohl der Arbeitstag noch weniger Spaß als sonst bereitete und meine Augen mittlerweile aussahen, als ob mir jemand Tränengas in die Fresse gedonnert hätte, fand ich mich am Abend tapfer und natürlich pünktlich in einer zum Abbruch anstehenden Schule wieder, in welcher teilweise schon der Regen durch das Dach tropfte und das Konzert über die Bühne ging. Dass das mit Schimmelsporen/Asbest durchsetzte feuchte Loch und die dicken Rauschschwaden der Anwesenden Tabak-Freaks nicht den Genesungsprozess beschleunigten, hatte ich in meinem jugendlichen Leichtsinn einfach ausgeblendet, da es immerhin Leute gab, die in dem versifften Drecksloch in der Ecke ihren Rausch ausschliefen. Und dass man mit ungewaschenen Pfoten nicht die Augen reiben sollte, hatte ich mit zunehmendem Alkoholisierungsgrad auch nicht mehr so richtig auf dem Schirm, so dass ich nach dem Wochenende erstmal mit zugeeiterten Augen zum Arzt musste und für ‘ne Woche ‘nen gelben Schein bekam und seltsame Pillen schlucken musste und obendrein weder lesen noch fernsehen konnte. Brrr…gruselig, was man sich so alles einfangen kann…Soviel mal dazu, was der Bandname bei mir für Erinnerungen weckt.

Erstmals wurde ich auf die schwedische Band Sore Eyelids durch ein Split-Release mit der von mir sehr geschätzten Band Trachimbrod aufmerksam, welches ebenfalls via Through Love Records (damals noch unter dem Namen True Love Entertainment) erschienen ist. Die zwei darauf enthaltenen Songs und die Tatsache, dass hier Leute von Suis La Lune mitwirkten, machten mich neugierig, so dass ich auch mal in das 2012er Debut lauschte und sich eine Art Faszination entwickelte. Und wie es der Zufall und das Schicksal will, ist diese schon von außen betrachtet überaus dekorative 12inch mit insgesamt sechs Songs in dem liebevoll verpackten Plattenpaket mit drin, das mich vor einiger Zeit aus dem Hause Through Love Records erreichte.

Das Coverartwork wirkt auf den dicken Plattenkarton gedruckt wie ein im Museum ausgestelltes Kunstwerk, auch die Rückseite der Platte weiß durchaus zu gefallen. Das Vinyl selbst, welches es übrigens in den Farben rot, schwarz und clear gibt, steckt in einer schicken schwarzen Hülle, zudem liegt ein Textblatt bei. Ach ja, hier sind neben Through Love Records noch Tell Wilhelm Records, Protagonist Music und Zegema Beach Records beteiligt.

Sore Eyelids klingen vom ersten Ton an traurig und verträumt, bei den Anfangs-Durchläufen hatte ich sogar ein wenig Probleme, mich mit der Musik einzulassen, zumal ich versucht hatte, die Platte im Wohnzimmer bei Kindergeschrei zu hören. Das geht gar nicht, denn die Musik der Schweden  erfordert schon ein klein wenig Konzentration, nebenbei hören geht sicherlich auch, der aha-Effekt setzt aber erst ein, wenn man das Gebräu aus Emo, Shoegaze, Post-Hardcore und Punk laut und ohne Ablenkung und am Besten über Kopfhörer direkt in den Blutkreislauf einsickern lässt. Neben bedächtigen Passagen und diesen für die Band typischen Leier-Gitarren-Effekten überzeugen die Songs v.a. atmosphärisch mit dichten Soundwänden und mystischem Flair, andererseits können sie auch anders und schleudern mit flottem Drumming und flinken Gitarrenlicks ‘ne Portion Sand in Deine Augen. Hier gilt: nicht blinzeln und keinesfalls reiben, Du könntest sonst was verpassen, denn die Reise an einen verwunschenen Ort sollte man sich gut einprägen, damit man später seinen Enkelkindern davon erzählen kann. Wenn man die Texte der Band so durchliest, dann weiß man, warum die Augen so in Mitleidenschaft gezogen wurden: die unerfüllte Liebe, die zerbrochene Beziehung, zentnerschwere Last auf den Schultern.

Ich kann mich momentan nicht festlegen, welche der beiden Seiten mir besser gefällt. Momentan liegt die A-Seite um eine Nasenlänge vorne. Aber die B-Seite hat auch ihre Reize. Dieses Release ist jedenfalls ein Grower, den man nicht verpassen sollte. Frühe Appleseed Cast treffen auf Shoegaze-Bands wie z.B. Whirr, My Bloody Valentine oder Lush. Dazu gesellen sich die Leier-Gitarren von Beach House und zwischendurch wandern mal The Pine durch die Landschaft.

8/10

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Marfa – “Rollerskate Skinny” (DIY)

Marfa? Kannte ich bis jetzt noch nicht. Wenn man das mal googelt, erfährt man zuerst, dass es irgendwo in der Pampa von Texas ‘ne Stadt mit gleichem Namen gibt, zudem erhält man Verweise zu Dostojewskis Schuld und Sühne. Was mich bei solchen Namensrecherchen im Netz immer wieder fasziniert ist, dass ich völlig unerwartet, egal wonach ich suche, auf etwas stoße, das mich neugierig macht. Die Marfa-Lichter sind z.B. so ein Phänomen, darüber muss ich unbedingt mehr erfahren, ihr doch sicherlich auch?

Aber jetzt mal endlich zur Band Marfa, die aus drei Männern und einer Frau besteht und aus Hamburg kommt. Im Presseinfo distanziert man sich irgendwie von Indie-Tiermasken-Träger-Bands (#Furries) und Mainstream-Rockmusik (#Scheiße), außerdem erfährt man, dass die Band bereits einige EP’s und ein Album herausgebracht hat (#???). Die darauf folgende Recherche ergibt, dass das Quartett seit ca. 11 Jahren besteht. Ha, das ist der (bzw. mein) Knackpunkt. Wenn ich nämlich 11 Jahre zurückrechne, dann bestätigt sich – tatatataaaaa- meine beim ersten Anhören aufkommende Vermutung:  hier müssen OC California-Fans am Werk sein. Die Parallelen zu Bands, deren Sound diese TV-Serie so besonders machte, sind nicht von der Hand zu weisen. Hier kann man Querverweise zu Bands wie z.B. Youth Group (hört mal wieder Shadow Land an, absolut geil), Nada Surf oder frühen Killers erkennen, deutsche Indie-Bands wie die frühen Planeausters oder Antiphon dienen ebenso zum Vergleich.

Mir gefallen diese vier Songs außerordentlich gut, denn sie haben diese Verspieltheit und klingen gleichzeitig unangestrengt locker, laid back. Gerade “Leather Pants” ist so ein richtiger Hit, in den man mal reinhören sollte. Einziger Kritikpunkt zur EP: auch wenn man die Texte klar verstehen kann, vermisse ich ein Textblatt. Aber das war’s auch schon mit der Motzerei, alles andere ist toll. Hier sind Leute am Werk, die mit ganz viel Herz bei der Sache sind und nach elf Jahren Bandgeschichte immer noch im DIY verwurzelt sind. Und beim Coverfoto bin ich mir immer noch nicht sicher, ob das eine Fotomontage ist.

7,5/10

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Via Fondo – Efter, Utan Under (Through Love Records)

Vor ein paar Tagen wurde ich an einem einzigen Tag Opfer mehrerer Endorphin-Ausschüttungen. Erst war ich nach langer Zeit mal wieder im Secondhand-Kaufhaus unserer ländlichen Kleinstadt und kam dort dem nervigen Typen zuvor, der in dem Laden zu wohnen scheint und mir schon oft die tollsten LP’s direkt vor der Nase weggeschnappt hat. An diesem Tag scheint er wohl krank gewesen zu sein, die frisch eingegangenen Scheiben gehörten daher endlich mal mir und bescherten eine satte Ausbeute: 9 LPs für ingsesamt unschlagbare 4,50 Euro, darunter Sachen wie DRI, Anthrax, SOD, Jerrys Kids, ne Megadeth-Picture LP und die Mini-LP von den Pistols. Auch wenn ich das Meiste von dem Zeug eh schon besitze, freute ich mich wie ein Schneekönig über den Fang, da wird die Geburtstagsgeschenkekiste für Freunde/innen, die überwiegend Heintje und Freddy Quinn-Platten parat hält, mal wieder etwas aufgepeppt. Tja, und kaum zu Hause, klingelt’s auch schon an der Haustür und die freundliche Postbotin drückt mir ein Plattenpäckchen aus dem Hause Through Love Records in die vor Aufregung zittrigen Griffel. Luftsprung. Neben der bereits besprochenen Trophies-LP (Luftsprung), der ich bei Betrachtung und Belauschung des Vinyls nochmal einen satten zusätzlichen Punkt geben würde, ist auch die neue Via Fondo mit an Bord. Luftsprung.

Gerade die letzte EP von Via Fondo, die ebenfalls auf Through Love Records erschien, hat es mir schwer angetan. Dementsprechend aufgeregt war ich, als ich erfuhr, dass neues Material in Form dieser wundervollen 12inch  folgen sollte. Neben dem mir ans Herz gewachsenen deutschen DIY-Label Through Love Records sind an dem Leckerbissen noch Zegema Beach Records und Tokyo Jupiter Records beteiligt. Via Idioteq konnte man dieser Tage  in einem lesenswerten Interview mit der Band interessante Details zum Album und zum ganzen Drumherum erfahren. Man kann z.B. Labels wie den oben genannten Vertretern für ihren unendlichen Enthusiasmus nur dankbar sein, sonst würden wir DIY-Bands wie Via Fondo nicht in diesem gehaltvollen Rahmen erleben können.

Alleine das detailverliebte, auf schweren Karton gedruckte Albumartwork ist ein Kunstwerk für sich, welches man während des andächtigen Lauschens der Platte ausgiebig betrachten kann, ohne dass der/die Lebenspartner/in einen für bescheuert hält, weil man es stundenlang apathisch anstarrt, als ob man ein Loch in der Wand entdeckt hätte. Einen ersten Interpretations/Denkanstoß bekam ich wiederum durch das Idioteq-Interview: Das Kunstwerk wurde im Zeitraum von 5 Monaten mit einem Tusche-Stift auf eine 1,5m X 1,5m große Leinwand gezeichnet, zentrales Thema dabei ist unsere heutige Gesellschaft, die Gewinner und Verlierer benötigt, um im Gleichgewicht zu bleiben (dieses Thema spiegelt sich übrigens auch in den Texten wieder). Für einen Plattenliebhaber ist so ein Motiv natürlich ein gefundenes Fressen. Und im Innenleben der Platte geht es stilvoll und verkopft weiter: schön gestaltete stabile Papphülle, neben den schwedischsprachigen Lyrics findet ihr auch noch die Texte in der englischen Übersetzung, zudem lädt ein Zahlencode-Quadrat zu erneutem Starren ein. Was steckt hinter der Zahlenreihe? Abtippen und bei google eingeben? Bin misstrauisch, da ich mich eher zu den Verlierern dieser Gesellschaft zähle und der eingetippte Zahlencode vielleicht den PC zerstören könnte? Also lieber mal analog weitertüfteln. Auf dem Vinyllabel wiederum geheimnisvolle Zeichen/Symbole, die beim magischen Starren während des Plattenspielerbetriebs zu eigenartigen Mustern verschwimmen, wenn die Augen vor Rührung wässrig werden (>siehe letzter Abschnitt #Musik).

Ach ja, und die Musik…über die will ich eigentlich gar nicht soviele Worte wie um das Drumherum verlieren, denn: Via Fondo packt Dich am Kragen, würde ich mal sagen. Der Songaufbau ist erstmal nicht eindeutig vorhersehbar. Sturm und Drang Post-Hardcore, leidenschaftlicher Screamo mit Post-Rock und Punk-Elementen, so könnte man den Stil der Band ein wenig mit Worten umschreiben. Via Fondo arbeiten viel mit Dissonanz und wechselnder Rhythmik, im Gegenzug kommen dann aber auch liebliche Klänge zum Einsatz, die aber nüchtern betrachtet dann letztendlich doch ziemlich traurig/sentimental klingen (z.B. Var Inte Rädd, Min Vän  oder Mörker). Mir haben es in erster Linie mal wieder die gefühlvoll gespielten Gitarren angetan, die einfach nur Gänsehaut sind. Das mit der Gänsehaut wird dann noch intensiver, wenn bei Jag vill ändå vakna  der weibliche Gast-Gesang einsetzt. Schlagzeug, Bass und intensiv leidender Gesang geben mir dann den Rest. Auch wenn ich die Band leider bisher noch nicht live erleben durfte, hab ich schon gewisse Vorstellungen, wie das ablaufen könnte:  Band auf Augenhöhe aber mit dem Rücken zum Publikum, verratzter Perser-Teppich mit etlichen undefinierbaren Flecken auf dem Floor (damit niemand ausrutscht), brustklopfender Fan in der ersten Reihe, der in den falschen weil unhippen Klamotten steckt und das Ohr direkt an der Lautsprecherbox kleben hat (das bin dann wohl oder übel ich, hehe).

9/10

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Quergehört: Batièn, Capacities, Daily Riot, Scars Come Clean, Disembarked, Replica, Tausend Löwen unter Feinden, Test Of Time, Widower

Batièn – “Frammenti del mio flusso che insieme sono un puzzle, divisi i continenti” (DIY) [Download]
Wenn die Italiener ihre Zähne in ihr Gelato reinhauen können, dann sind sie wahrscheinlich die glücklichsten Menschen auf der Welt. Es sei denn, sie haben kälte- und schmerzempfindliche Zähne. Mit schrecklichem Zahnweh kann man nämlich weder leckere Pizza noch schmackhafte Soja-Spaghetti essen, also macht man so Mucke, wie sie diese vier Herren hier aus Bologna auf ihrer Debut-EP verzapfen. Verzweifelter Screamo/Punk mit massig Emo-Anteil, schmerzerfülltem Zahnweh-Gesang und herrlich verschwurbelten Policy Of Three-Gitarren.


Capacities – “Selftitled” (Middle-Man Records, Square of Opposition Records, and Hydrogen Man Records) [Name Your Price Download]
Hektisch, brachial, krachig, manchmal chaotisch, dann wieder bedächtig mit verträumten Basslines und verspielten Gitarren, abartigen Drumparts, Rückkoplungen und verzerrten Bassintros. Ich hab bestimmt noch nicht alle Feinheiten dieses zwar nicht einzigartigen, aber dennoch beeindruckenden Albums aufgezählt. Würd ich eher gesagt lieber live sehen, in der Dunkelkammer kann ich mir das nicht allzu oft anhören. Wenn ihr aber auf dissonanten Screamo mit Emo-Violence-Tendenzen steht, dann ist das hier genau das Richtige für euch.


Daily Riot & Scars Come Clean - Gegen die Tradition / Hold Fast Split (Mistletree Records)  [Stream]
Wie kommt denn sowas? Lou Koller singt auf einmal deutsch? Das könnte man beim ersten hinhören schonmal denken…Daily Riot hören sich an, als ob Freddy Madballs fieser Stiefbruder zusammen mit den Baffdecks ein paar Frösche mit ‘nem Rohr aufbläst und dazu ein bisschen Biohazard zum emotionalen Abstumpfen reinsemmelt, you know Motherfucker?  Scars Come Clean gefielen mir auf dem 2013er-Release The World To Me ja ziemlich gut, deshalb ließ mich Song Nummer eins ziemlich dumm aus der Wäsche glotzen, erst beim zweiten Song konnte ich den Vibe spüren, der mich auch schon damals packen konnte. Treibender Sound, melodische Gitarren, ein Schlagzeuger mit Tourette-Syndrom und Melodien, zu denen man sich ohne groß zu überlegen sofort kopfüber in den nächstbesten HC-Moshpit stürzen kann.


Disembarked – “Nothing’s Wrong Here” (Dog Knights Productions) [Stream]
I Do Nothing But Regret The Fact That I Left schlug bei mir im Jahr 2013 ja ziemlich gut ein, dementsprechend gespannt war ich auf das Debut-Album der Schweden. Soundtechnisch hat sich bei den Jungs eigentlich gar nix verändert. Screamo meets emotional Post-Hardcore. Der Sänger schreit sich durch die Songs, egal ob gerade im Hintergrund ein Orkan tobt, oder die Lehrerin in der Klasse um Ruhe bittet. Schade eigentlich, denn mit ein wenig mehr Abwechslung im Gesang wäre die Mucke von Disembarked noch ein wenig…hmmm…abwechslungsreicher? Aber wenn man sich mal die Texte zu Gemüt führt, dann ist einem das eigentlich letztendlich völlig wurscht. Denn solche negativen Erlebnisse und Enttäuschungen müssen förmlich herausgeschrien werden, alles andere wäre nicht echt.


Replica – “Beast” (Prank Records) [Stream]
Wenn ihr auf female-fronted Highspeed-Oldschool-Power-Geknüppel á la Punch abfahrt, dann solltet ihr unbedingt die Mädels von Replica aus Oakland antesten. Erfahrungen wurden bereits in Kapellen wie No Statik, Infect (<3), x’s x’s und Duck and Cover gesammelt. Jedenfalls wird hier mit Wut und Sabber nicht gegeizt, ich kann’s nur empfehlen. Sieben Songs in etwas über acht Minuten, da weiß man, was man bekommt: Erstklassigen Beast Coast Hardcore-Punk.


Tausend Löwen Unter Feinden – “Licht” (Let it burn Records) [Homepage]
Was mich als erstes an den sechs Songs gestört hat, war der Gesang, der sich vom ersten Ton an irgendwie gedoppelt angehört hat, vielleicht haben die Jungs aber auch im Studio mit zuviel Echo auf der Gesangspur gearbeitet. Deshalb versteht man von den deutschen Texten beim ersten Durchlauf auch nicht allzuviel, wenn man nicht gerade die Texte vor der Nase hat.  Soundtechnisch geht das ganze in die Cro-Mags-goes-Metal-Richtung, Madball und Terror zählen bestimmt auch zu den Einflüssen. Die Stuttgarter ex-Sidekick-Jungs von Empowerment könnten auch  große Vorbilder sein.  Am Song Immer und Ewig gibt’s von meiner Seite ausnahmsweise mal nix zu meckern. Ach ja, hier sind übrigens Leute von Settle The Score mit dabei und ‘ne Bandcamp-Seite sucht man bisher vergebens, dafür gibt’s etliche Videos zu beglotzen.


Test Of Time – “By Design” (Bridge Nine) [Stream]
Youth Crew Straight Edge nennt man das, was euch die Jungs aus Boston auf ihrem Debutalbum in die Fresse schleudern. Hab in diesem Genre lange nicht mehr so viel Lust verspürt, mich in den Pit zu werfen, wie bei diesem Release. Go! Fette Gitarren werden mit einer satten Emokante und meistens sehr melodisch runtergezockt. Dazu ein Sänger, der seine Texte zu leben scheint. Frühe Ignite, Chain Of Strength, In My Eyes, Count Me Out, The Nerve Agents und Speak 714 kommen mir in den Sinn, also so Zeugs, zu dem man sich Anfang der Neunziger die Holzkette um den Hals geschnallt und schwarze Kreuze auf den Handrücken gemalt hat. Hört euch mal die geile zweite Gitarre bei dem Song Threshold  an, und dann anschließend das geile Bassintro von Addendum.   Ach ja, Test Of Time haben sich Ende 2014 leider aufgelöst.


Widower – “World of Hate” (DIY) [Name Your Price Download]
Gleich beim ersten Song musste ich schnell mal den Lautstärke-Regler um einiges nach rechts drehen. Melodic Hardcore/Metalcore, wie ihn Widower spielen, muss ich mir einfach entweder live reinpfeifen, oder eben die Lautstärkeregler voll aufdrehen. Die Bomben-Produktion gefällt mir hier ausnahmsweise enorm gut, die Gitarren blasen ordentlich, dazu gesellt sich immer wieder eine melodische zweite Gitarre, die die Mosh-Parts umso heftiger erscheinen lässt, der Schlagzeuger crasht ordentlich auf seinen Becken rum und bolzt seinen Hass ins Kit, der Sänger grollt und leidet. Vom Tempo ist zwischen schleppend, midtempo bis hin zu Abgeh-Parts alles dabei. Wer auf klassischen Melodic Hardcore steht, der sollte diese EP unbedingt anchecken.


 

 

Fuckup Awards 2014: Teil 2 (Alessandro)

Da ich 2014 nicht ganz so detailliert verfolgen konnte/wollte, gibt’s hier meinen verkürzten Jahresrückblick. Im Vergleich zu denen davor ist das fast kümmerlich… aber nunja, mehr gibt’s nicht zu sagen. 2014 war für mich persönlich das Jahr, in dem ich das Interesse an Musik dezent verloren habe – was zum einen an einer gewissen Übersättigung samt Zuschüttung diverser Bands und Labels (No Offense!) liegt und zum anderen an der Tatsache, dass im HC/Punk/Emo-Bereich nicht mehr sonderlich viel Innovatives passiert. Aber vielleicht ist das nur mein Empfinden. Wie auch immer, es gab im vergangenen Jahr dennoch ein paar starke Releases. Hier sind nun einige davon:


 

Top 10 Alben


10 // Human Abfall // Tanztee von unten
(Review)

Bewusst holperiger, angeschrägter Post-Punk mit ebenso angeschrägten, deutschen Texten und Mut zum Experiment.


09 // Bane // Don’t wait up (Review)

Bane’s Schwanengesang wuchs mit den Wochen und Monaten so gut, dass ich es mittlerweile als mein Lieblingsalbum der Band bezeichnen möchte. Man bekommt hier alles wofür Bane schon immer bekannt waren + sehr gelungene Ausflüge Richtung Midtempo + den besten Sound in ihrer Karriere, der zwar fett ist, sich aber noch ein paar ehrliche Kanten bewahrt. Die Platte macht einfach Spaß!


08 // Renounced // The Melancholy we ache (Review)

Die Briten bieten die volle Ladung an Nostalgie-Metalcore! Das ist dieser typisch melancholisch-melodische Metalcore wie er Ende der 90er sehr beliebt war. Am stärksten erinnert das an Bands wie Poison the Well, 7 Angels 7 Plagues und This Day Forward. Viel mehr kann man zu “The Melancholy we ache” gar nicht sagen. Es ist ein Tribut an diese Zeit und die 2014er-Version davon. Das aber auf eine extrem ehrliche und fundierte Art und Weise. Weiterlesen

Fuckup Awards 2014 Teil 1 (Steff)

Schon wieder ein Jahr vorüber? Betrachtet man rückblickend auf das Jahr 2014 den desolaten Zustand unserer Welt mit ihren zahlreichen unerfreulichen und beängstigenden Ereignissen und Entwicklungen, dann wird einem geradezu schlecht. Deshalb überspringen wir den Teil mit Tod und Vernichtung und widmen uns lieber den schöneren Dingen. Es wird ja behauptet, dass turbulente Krisenzeiten den kulturellen und künstlerischen Bereich beleben. Nun denn, da ich Best-Of-Listen irgendwie nicht so gut kann, hab ich neben einer kleinen Liste mit 2014er-Dauerbrennern (#Lucky 23) auch noch ein paar meiner musikalischen Highlights 2014 zum direkten Anhören zusammengestellt (das wäre übrigens ‘ne schöne Compilation), natürlich ist dabei sicherlich auch das eine oder andere tolle Release durch das Raster gefallen, das man dann irgendwann in zehn Jahren wieder entdeckt. Zudem gibt es ja immer wieder so Zwischen-den-Jahren-Situationen, daher kann es auch mal sein, dass in dieser Compilation etwas auftaucht, was eigentlich schon im Jahr 2013 erschienen ist (z.B. We Never Learned To Live). Ach ja, Platzierungen sucht ihr bei mir vergeblich, ich bevorzuge die praktische alphabetische Sortierung.

Aber bevor es losgeht, möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bei den Labels und Bands bedanken, die uns physische Tonträger zugeschickt und uns mit Promo-Download-Links versorgt haben. V.a. das mit den physischen Tonträgern wissen wir wirklich sehr zu schätzen, tausend Küsse dafür (<3). Natürlich verbeugen wir uns auch bei den ganzen Bands, die ihr Zeug auf Bandcamp zum Name Your Price Download bereit stellen, das ist eine großartige Sache für uns abgebrannten und ewig an der Privat-Insolvenz nagenden Musikliebhaber. Ein riesiges Dankeschön geht natürlich raus an alle Leser (<3), an alle Kommentierer, Verlinker, Teiler bzw. Liker und an alle, die uns in irgendeiner Form unterstützt haben oder mit uns in Kontakt getreten sind. Wir freuen uns Löcher in den Bauch, wenn wir in irgendeiner Form Rückmeldungen bekommen! Hab ich noch jemanden vergessen? Ich hoffe natürlich nicht. Zu guter Letzt noch tausend Dank an alle befreundeten Schreiber-Kollegen und natürlich an Alessandro und Victor (<3).


Die Lucky 23-Liste aus 2014:

Andalucia – “There Are Two of Us” (zum Review)
Asthenia – “Selftitled” (zum Review)
Auxes – Boys In My Head (zum Review)
Aviator – “Head in the Clouds, Hands in the Dirt” (zum Review)
Barren Hope – “Anaffa” (zum Review)
Diana Lagarto – “Selftitled” (zum Review)
Everybody Row - “The Sea Inside” (zum Review)
Fluten – “Splitter” (zum Review)
Frontier(s) – “White Lights” (zum Review)
Hell & Back – “Heartattack” (zum Review)
Hollow Earth – “Silent Graves” (zum Review)
Monochrome – “Unita” (zum Review)
Notwist - “Close To The Glass” (zum Review)
Perfect Future – “Manifesto” (zum Review)
Pianos Become The Teeth – “Keep You” (zum Review)
Praise – “Lights Went Out” (zum Review)
PSSGS – “Selftitled” (zum Review)
The Tidal Sleep – “Vorstellungskraft” (zum Review)
Trembling Hands – “Selftitled” (zum Review)
Via Fondo – “Fast” (zum Review)
Weak Wrists – “Demo” (zum Review)
Willy Fog – “Harlekin Geisterpfeifenfisch” (zum Review)
Yumi – “Epicureans” (zum Review)


Und hier kommen neben den Top-Songs aus den Lucky 23-Releases noch 40 andere Songs, die mich im Jahr 2014 tief berührt haben. Wäre wirklich eine schöne Compilation, schade, dass man bei Bandcamp keine Playlisten erstellen kann. Und da Bane (zum Review) keine Bandcamp-Seite haben, fehlt mit Wrong Planet ein wichtiger Song. Ebenso fehlt aus gleichem Grund I Dare You  von den Senior Allstars.

63-Top-Songs aus 2014:


Ahuizotl - “Integrity Is Overrated” (zum Review)


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Quergehört: Bikini Jesus, Cut Teeth, The Daydream Fit, Donnie Brasco, Eldstad, Lint, Stepson, Wallflower

Bikini Jesus – “Demos” (DIY) [Stream]
Dieses Quartett aus Berlin muss ich mal im Auge behalten, hauptsächlich fasziniert mich der Song Under A Spell  mit seinen tollen Bass-Lines und The Cure-Gitarren, der Gesang von Sängerin Eva geht ebenfalls unter die Haut. Und das geht bei Reading In Bed  auch so weiter. Klingt irgendwie so, als ob I Might Be Wrong ein wenig mit Surf und New Wave experimentieren würden. Das Primitives-Cover am Ende ist allerdings irgendwie käsig, aber es zeigt, woher die Einflüsse stammen.


Cut Teeth – “Night Years” (Topshelf Records) [Stream]
Stop And Go-Hardcore kombiniert mit Rock’n'Roll-Punk nennt man das wohl, was Cut Teeth auf ihrem Debutalbum so machen. Die Jungs wirkten früher bei so namhaften Bands wie z.B. The Felix Culpa, Stay Ahead of the Weather, Red Knife Lottery und Monday’s Hero mit, Erfahrung ist also reichlich vorhanden. Das Ganze klingt dann wie eine Mischung aus These Arms Are Snakes, neueren Refused, NoMeansNo und Drive Like Jehu. Hört euch mal Christmas On Easter Island  an, da habt ihr auf der einen Seite dieses zappelige Stop’n'Go-Zeugs und auf der anderen Seite diese tolle Rock-Melodie im Refrain. Eine Platte, die anfangs unscheinbar wirkt, aber mit jedem Durchlauf wächst.


The Daydream Fit – “Traveling” (DIY) [Name Your Price Download]
Die Debut-EP aus dem Jahr 2013 dieses Quartetts aus Enschede finde ich ja immer noch extrem super, nun kommt endlich mal Nachschub, allerdings sind hier nur zwei Songs drauf. Ursprünglich sollten diese in Form einer Split 7inch erscheinen, aber irgendwie klappte das wohl nicht. Daher entschieden sich die Jungs dazu, die Songs einfach mal digital zu veröffentlichen, gute Entscheidung. Der Song Travelling  berührt mich ebenso, wie es die Songs der EP schon getan haben. Wunderschöner 90′s Emo mit gefühlvoll gespielten Gitarren, tuckerndem Schlagzeug und zerbrechlichem Gesang, einfach toll. Auch der zweite Song versprüht Magie. Meine Forderung an die Band: Nehmt endlich mal ein ganzes Album auf.


Donnie Brasco – “Lost Youth” (Rocore Records) [Stream]
Manche Bands sind ja so geschickt, den Bandnamen so zu wählen, dass man immer das Gefühl hat, die Combo würde seit Ewigkeiten existieren. Das geht zumindest mir so, bestes Beispiel ist die Band Charles Bronson. Nun, Donnie Brasco kennt man zumindest vom Hörensagen und weiß, dass der Typ irgendwas mit der Mafia zu tun hatte, das wurde glaub ich sogar verfilmt. Das google ich jetzt aber mal nicht, man muss nicht immer gleich alles wissen. Die Band Donnie Brasco ist hingegen meiner Vermutung aber erst ein paar Jahre unterwegs, die erste EP erschien im Jahr 2012, danach folgte eine zweite EP und nun kommt das erste Album. Wer von Bands wie Defeater, Touche Amore oder Have Heart nicht genug bekommen kann, sollte die Jungs ruhig mal antesten.


Eldstad – “Att hata livet men älska att leva” (Snapping Fingers Snapping Necks) [Stream]
Das Debutalbum der vier Jungs aus Göteborg ist mit 13 Songs vollgepackt und wirkt auf mich auf den ersten Blick etwas überladen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich mir mit den schwedischen Texten etwas schwer tue, denn Eldstad spielen Emotional Screamo/Post-Hardcore mit ausschließlich schwedischen Lyrics. Normalerweise stört mich das nicht so, bei Bands wie z.B. Vi som älskade varandra så mycket finde ich das eher reizvoll. Aber egal, gewöhnt man sich an die gurgelnde Sprache, dann bekommt man ein schönes Brett geboten. Und wenn dann bei Visst är livet underbart?  die zweite melodische Gitarre einsetzt, dann ist alles wieder vergessen.


Lint – “We Surrender!” (DIY) [Stream]
Als ich noch zur Schule ging, da war in der Parallelklasse dieser Typ, dessen Frisur aussah,  als ob die Haare seit der Geburt rausgewachsen wären ohne dass er sie jemals geschnitten hätte, ziemlich fusselig halt. Bei meinen Mitschülern hatte er den Kosenamen “Wasserleiche”, was auf seine ungesunde Gesichtsfarbe zurückzuführen war, weil er literweise Kaffee in sich reinschüttete. Naja, wie das so ist, freundeten wir uns ziemlich schnell miteinander an und tauschten selbstaufgenommene Tapes aus. Während er von mir eine Lektion in Sachen Grindcore/Crust bekam, lernte ich durch ihn die aufregende Welt des Indierocks und PopPunks kennen. Die kanadische Band Lint wäre genau nach seinem Geschmack gewesen: die Pixies treffen auf Pavement und die Couch Potatoes, dazu kommt noch eine gute Portion Punk, ein bisschen Emo á la The Anniversary und massig tolle Slacker-Melodien.


Stepson – “Broken Bottles / Drunken Hearts” [Name Your Price Download]
Dieses Melodic Hardcore-Ding scheint in Australien ein ziemlicher Renner zu sein, zumindest schießen dort momentan die Bands dieses Genres wie Pilze aus dem Boden. Liegt wohl am Ozonloch. Junge Männer verarbeiten vielleicht auf diese Weise ihren Welt- und Herzschmerz, das kommt mir zumindest so vor, wenn ich mir die Texte der Band durchlese. Als Einflüsse nennen die fünf Jungs so Bands wie Title Fight, Hundredth und Counterparts, man könnte auch noch ein bisschen frühe Underoath, Newborn oder Bridge To Solace hinzufügen. Was mir ganz gut gefällt, ist der knarzige Bass, den man ab und an aus den dichten Gitarrenwänden raushört.


Wallflower – “Summer Daze” (DIY) [Name Your Price Download]
Hier bekommen wir eine ziemlich schnuffige Debut-EP einer neuen Band aus South London zum Name Your Price Download geboten. Wer da nicht auf Download klickt, der verpasst ernsthaft etwas, ich bin gespannt, was wir von Wallflower nach dieser vielversprechenden EP noch in Zukunft hören werden. Vier tolle Songs mit erstklassigen Melodien, eigentlich ein altmodischer Mischmasch aus Emo und Grunge mit etwas Hardcore. Freunde von By A Thread dürften ebenso Gefallen daran finden, wie Anhänger neuerer Kapellen wie z.B. Client.  Meiner Meinung nach klingen Wallflower nicht annähernd nach dem Charakterbild des Mauerblümchens. Anspieltipp: Skin. Absoluter Geiheimtipp!


 

 

Exit Verse – “Selftitled” (Damnably)

Was war ich damals traurig, als sich Karate irgendwann im Jahr 2005 wegen Gehörproblemen ihres Sängers Geoff Farina aufgelöst hatten. Obwohl sich die Band im Laufe ihres Bestehens immer weiter vom Emo der Anfangstage hin zum Jazz orientierte, wurde die Band meinerseits zu einem treuen Begleiter. Die beiden Platten The Bed is in the Ocean  und Unsolved  zählen bis heute zu meinen All-Time-Lieblingen. Unvergessen bleibt neben diesen Platten auch ein bierseliges Konzert im Friedrichshafener Nimmerland/Bunker, das wohl für immer eingebrannt bleibt. Hätte ich eine Bar, dann wäre genau das die Musik, die meine Gäste Tag für Tag auf die Ohren bekommen würden.

Nach dem Ableben Karates gab es verschiedene Aktivitäten Geoff Farinas zu verzeichnen, so trat er zwischendurch solo auf und seit ein paar Jahren gibt es auch die Band Glorytellers, hier wird die Vorliebe zu amerikanischer Country- und Folkmusik ausgelebt. Aber diese Formation schaffte es nicht, mich so zu berühren, wie es Karate seinerzeit gemacht haben.  Was ich bei den Glorytellers irgendwie vermisst habe, hab ich jetzt aber bei Exit Verse staunend wiedergefunden.

Irgendwann im Jahr 2013 wurden Exit Verse ins Leben gerufen, neben Geoff Farina ist noch John Dugan (Chisel, Edsel) und Pete Croke (Brokeback, Tight Phantoms) mit an Bord. Mit dem selbstbetitelten Album legt das Trio mit insgesamt neun Songs ein Debut auf die Matte, welches bei mir Erinnerungen an die alten Karate-Zeiten erweckt. Gerade die Songs Chrome, Seeds, Perfect Hair, Fiddle & Flame  und Sparrow  hätten auch auf den oben genannten Alben sein können. Unverkennbar wärmt die Stimme von Geoff Farina, Gitarre und Bass ergänzen sich perfekt und jammen gegenseitig verspielt um die Wette, dazu kommt das locker gespielte Schlagzeug, das an den passenden Stellen glitzernde Akzente setzt. Insgesamt gehen Exit Verse rockiger und punkiger zur Sache, als es Karate getan haben, hier kommen Elemente aus dem US-College-Indierock der Neunziger genauso zum Zug wie Prä- und 77er-Punk, ein bisschen Emo darf dabei natürlich auch nicht fehlen. Und wenn ich bei einem Song wie z.B. Seeds  die Augen schließe, dann sehe ich mich mit einer handvoll Leute wieder im Bunker in Friedrichshafen am Bühnenrand stehen, während ich mit bewunderndem Blick den wundervollen Klängen Karates lausche und dabei beschwipst mit dem Fuß wippe. Eine tolle Platte, die mit jedem Durchlauf wächst und sicher den ein oder anderen Karate-Fan zufrieden schnurren lässt..

8/10

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Perfect Future – “Manifesto” (Count Your Lucky Stars)

Perfect Future sind in Emo-Kreisen ja längst keine Unbekannten mehr, nach zig Releases – darunter zwei tolle Full Length-Alben und ein paar Splits – gibt es seit Kurzem ein weiteres Album der East-Coast-Emo-Band, und das übertrifft sogar meine Erwartungen, ich halte “Manifesto” bis dato für Perfect Futures gelungenstes Werk.

Bereits der Opener weiß mit wunderschönen Emo-Gitarrengeklimper und softem Gesang zu überzeugen, das hört sich an, wie ein kalter, windiger Herbsttag mit niemals enden wollendem feuchtkalten Nieselregen. Bevor ich zur Musik komme, muss ich aber noch ein paar Worte zu den genialen Lyrcis verlieren. Der Titel des Albums ist selbsterklärend, Perfect Future waren schon immer eine Band mit politischem Bewusstsein. Die Texte sind vielschichtig und beschäftigen sich tiefgehend mit den negativen Auswüchsen unserer Gesellschaft, zeigen uns aber auch philosophische Sichtweisen und Gedanken auf. Der klare Blick auf die Dinge wird mit trauriger Bitterkeit und Wut, aber auch mit einem Funken Hoffnung dargestellt, so dass uns im Gesamten ein politisches Manifest vorliegt, welches verpackt in musikalisch-künstlerischem Mantel mit ebendiesen gemischten Gefühlen vorgetragen wird. Als Konstante taucht in den Texten immer wieder der Moloch auf, welcher als das metaphorische Monster des Kapitalismus gilt.

Insgesamt bekommt ihr auf den zehn Songs 90er-Emo in seiner rohen und traurigen Ur-Form zu hören. Mehr so oldschool-Emo mit hohem Punk- und Hardcorefaktor und gelegentlichen Wutausbrüchen, mit viel Klimpergitarrenanteil, soliden Bassparts und melancholischen Gitarren, die auch schonmal dissonant oder kompliziert daher kommen.  Der Schlagzeuger variiert von vertrackt und arhythmisch bis verträumt und präzise. Und über allem thront der zerbrechliche Gesang von Sänger Brendan. Leute, das ist der wehmütige Stoff, den man weinend in der Ecke kauernd bei ein paar verrotzten Taschentüchern am Besten genießen kann. Verregnete Sonntage werden mit dieser Platte noch trister, alles ist so vergänglich, die Welt steht kurz vor dem Untergang…Stellt euch eine Symbiose aus Emo-Bands wie z.B. Sleepytime Trio, June of 44, Christie Front Drive, 400 Years, Indian Summer, I Hate Myself und Mineral vor und nehmt euch mal vier Minuten Zeit und hört euch Our Best Years  an, das ist nämlich einer der Songs, die von laut bis leise alles mit drin haben. Manifesto ist die richtige Platte, um das Jahr 2014 mit all seinen unschönen und beängstigenden Ereignissen und Entwicklungen gebührend auslaufen zu lassen.

8/10

Facebook / Bandcamp


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Trophies – “There Will Be No Light” (Through Love Rec., HoboRec, Prejudice Me)

Seit 2009 existiert diese Band aus Malmö und hat in den Jahren des Bestehens bereits neben einer EP und einem Album einige Europa-Touren absolviert. Schon seltsam, dass man auf manche Bands erst aufmerksam wird, wenn eine Review-Anfrage reinschneit und sich auch noch ein geschmacksicheres Label wie Through Love Records der Sache annimmt. Das zweite Album der Schweden erscheint auf Vinyl als Co-Release mit HoboRec (Schweden) und Prejudice Me (UK), mir liegt momentan jedoch nur die digitale Version vor. Den Fotos auf der Through Love-Seite nach zu urteilen, kann das Teil mit einem wunderschönen Albumartwork überzeugen, zudem sieht das farbige Vinyl äußerst schnuffig aus.

Auf insgesamt 13 Songs wird dem Hörer ein ziemlich fettes Emo-Mosh-Gewitter geboten, die Gitarren kommen richtig satt aus den Boxen, dazu gesellen sich immer wieder unterschwellige Melodien und ein Sänger, der verdammt intensiv leidet, ab und zu kommt ein wenig Clean-Gesang dazu. In den Schreipassagen fühle ich mich ein wenig an Nathan von Boy Sets Fire erinnert und manchmal wird fast in Heavy-Metal-Tonlage kreischt (z.B. bei Barkthroat ), was dem Ganzen seinen eigenen unverkennbaren Stempel aufdrückt. Überhaupt ist der Gesang sehr vielseitig, so vielseitig, dass ich nicht drauf kommen will, an welche Sänger mich das neben beispielsweise dem Temperance-Frontmann alles sonst noch so erinnert. Erwähnen sollte man natürlich auch das geniale Drumming, das richtig Saft in den Sound bringt. Der Schlagzeuger kann irgendwie alles und spielt recht abwechslungsreich, mal wird auf’s Gaspedal gedrückt oder in Blackmetal-Geschwindigkeit drauflosgerattert, dann wird ein arhythmetischer Beat eingeworfen oder eben stampfend gemosht.

Ach ja, und natürlich ist das nebenbei auch noch alles entsprechend super produziert. Die Band selbst nennt übrigens als Einflüsse so Sachen wie z.B. Converge, Meleeh, Trap Them, Killing the Dream oder From Ashes Rise. Mir kommen noch so Jahrtausendwenden-Bands wie z.B. die göttlichen Blue Skies Burning, Life In Your Way oder Beauty To Ashes in den Sinn. Also, Emo-Mosh mit fetten Hardcoreanteilen bezeichnet den Sound der vier Schweden eigentlich ganz gut. Textlich schwingt einiges an Gesellschaftskritik mit, der Blick in den düsteren Abgrund der Hölle ist dabei keine Seltenheit. Zwölf Songs sind mit englischen Texten ausgestattet, der einzige in der eigenen Landessprache gesungene Titel Söndra ist dann auch gleichzeitig einer meiner persönlichen Favoriten. Checkt das Album unbedingt an.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec.


Reason To Care – “Evyn” (Through Love Rec., Koepfen Records, Shivery Productions, Lacklustre Records)

Irgendwie habe ich die Brandenburger Band in den letzten Jahren aus den Augen verloren, obwohl mir die bisherigen Releases sehr gut gefielen. Seit dem letzten Album Dear Liv Ivy  sind nun auch schon wieder vier Jahre ins Land gezogen, eine Zeit, die die fünf Jungs nutzten, um weiter an ihrem Sound zu feilen. Ich bin beeindruckt, wie perfekt die Band mittlerweile klingt, zudem steckt hinter Evyn  eine fiktive aber rührende Geschichte: nachdem vor drei Jahren seine Bezugsperson in Form des geliebten Bruders verschwand, schnappt sich der  mittlerweile vierzehnjährige Protagonist Evyn seine Patchworkdecke – ein Geschenk des Bruders zu seinem neunten Geburtstag – und macht sich auf eine Reise, auf welcher diese Decke einziger Begleiter und Trostpflaster zugleich sein wird.

Verschiedene Phänomene führen Evyn zu unterschiedlichen Orten, unter einigen positiven Erfahrungen wird der Junge auch mit vielen sozialen und politischen Missständen konfrontiert, so macht er z.B. in einem Küstenort mit der sinnlosen und brutalen Tradition der Einheimischen Bevölkerung Bekanntschaft, bei welcher Hunderte Grindwale in Volksfestmanier zu Tode massakriert werden, selbst Kinder wirken bei diesem Schlachtfest mit. Schockiert von dem Blutbad versucht er, mit jeder einzelnen Person  Augenkontakt  herzustellen und erhebt seine Stimme mit den Worten des verschollenen Bruders. In einem weiteren Kapitel erfährt er in einem syrischen Dorf die Gastfreundschaft einer Familie und lernt dort, die einfachen Dinge des Lebens zu genießen. Er ist zufrieden, dass er etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen hat, bis in der vierten Nacht der Sohn der Familie durch eine Bombenexplosion schwer verletzt wird. Durch diesen Vorfall erlebt er die Ungerechtigkeit und Unerbitterlichkeit des Krieges, zudem wird er zur Weiterreise gezwungen. Die Reise geht weiter und weiter – manchmal hastig, ab und zu müde, oft melancholisch und nachdenklich, aber immer spannend und lehrreich, bis er am Ende seiner Reise in ein altes Dorf gelangt, in welchem er sein Ziel erreicht sieht und sich vorstellt, dass sein verschollener Bruder ganz in der Nähe sein muss.
Musikalisch wird die Geschichte mit melodischem Hardcore hinterlegt, zudem treten häufig Post-Hardcore-Elemente in Erscheinung, gerade die leiseren Passagen steuern eine ordentliche Portion Melancholie und Traurigkeit bei, die Gitarren bewegen sich permanent im gefühlvollen Bereich, es scheint, als hätten die Jungs all ihr Herzblut in die Aufnahmen gesteckt. Hört euch nur mal den gesprochenen Part von Dream  an, welcher die Steigerung des Songs bis zum letzten Ausbruch nur noch intensiver erscheinen lässt.

Dass das Album insgesamt sehr durchdacht ist, zeigt sich daran, dass es in sich stimmig ist und sowohl als Ganzes als auch mit einzeln herausgepickten Songs in unterschiedlicher Reihenfolge super funtioniert. Mir liegt momentan leider nur die digitale Version vor, aber rein vom Artwork her macht das Album auf LP-Größe sicher optisch ordentlich was her, zudem gibt es das Ding in türkisem oder schwarzem Vinyl. Evyn  erscheint übrigens als Co-Release, beteiligt sind neben dem phantastischen Label Through Love Records noch die DIY-Labels Koepfen Records, Shivery Productions und Lacklustre Records. Tolles Konzept-Album, das euch wahrlich auf eine spannende Reise mitnehmen kann.

8/10

Facebook / Bandcamp / Through Love Rec


 

Quergehört mit Biznaga, Harker, Heisenberg, Household, Reasonist, Second Guessing, Vi som älskade varandra så mycket, White Stain

Biznaga – “Centro Dramático Nacional” (DIY) [Stream]
Schon wieder eine geniale Band aus Spanien, diesmal aus Madrid. Biznaga existiert seit 2011, hat bereits ‘ne Demo und ‘ne EP am Start, die aber deutlich punkiger ausfallen als das Debutalbum. Soll nicht heißen, dass diese zehn Songs mit Punk nichts am Hut hätten, im Gegenteil. Die vier Jungs rotzen ein supermelodisches Punkalbum runter, die Gitarren kommen kantig, aber auch zuckersüß, der Schlagzeuger baut immer wieder geniale Wirbel ein und gesungen wird in der Landessprache. Die Dead Kennedys hauen den Pixies was auf’s Maul, dazu kommt ‘ne Kelle von At The Drive-In und das alles wird in melodischem Espagna-Punkrock der Marke Accidente verpackt. Ich find’s super.


Harker - “Gasping For Air” (No Panic Records/Shield Recordings) [Stream]
90er Emocore á la The Get Up Kids, Chamberlain oder Favez mischt sich auf der aktuellen 7inch der vier Jungs aus Brighton/UK mit Punkrock-Zeug im Stil älterer Gaslight Anthem Veröffentlichungen. Die zwei Songs gehen echt gut ins Ohr, was v.a. am Sänger liegt, der schon eine ziemliche Ähnlichkeit zu Matt Pryors Organ aufweist. Von der Optik des Albumcovers her passt das mit den Neunzigern übrigens auch ganz gut. Kann man ruhig mal anhören, tut nicht weh.


Heisenberg – “Caporetto” (DIY) [Name Your Price Download ]
Keine Ahnung, ob sich die Italiener nach dem deutschen Physiker benannt haben oder eher Breaking Bad-infiziert sind, jedenfalls rockt der Name. Auf Caporetto sind zwei Songs drauf, darunter ein Cover der italienischen Band Fluxus. Wer auf Screamo/Punk der Marke Raein steht, sollte sich mal Zeit nehmen und sich das Ding anhören oder vom Name Your Price Download Gebrauch machen. Ach ja, gesungen wird übrigens auf Italienisch.


Household - “With or Without” (Blood & Ink Records) [Stream]
Diese neue und v.a. junge Band aus Minneapolis gibt als Einflüsse so Sachen wie Killing The Dream, Shai Hulud und Sinking Ships an und liegt mit den Angaben gar nicht mal so daneben. Von der Qualität und Produktion her kommen die Jungs zwar nicht an die Originale dran, aber mir gefällt die rohe Energie, auch die teils etwas runtergestimmten Gitarren kommen trotzdem schön fett, es scheppert und mosht, poltert und rumpelt, der Drummer zerschmettert seine Crash-Becken, der Sänger blärrt schön am Mikro vorbei in die Leere des Raums. Daumen nach oben!


Reasonist – “Nothing In Common” (koepfenrecords) [Name Your Price Download]
Das Leipziger DIY-Label koepfenrecords veröffentlicht seit ca. einem Jahr Tapes und Vinyl. Die Story hinter dem Label klingt eigentlich ganz interessant: Records, Artworks und Tattoos mit Herz und Hand. Auf der EP der Band Reasonist aus Hamburg und Leipzig, die als Tape erscheint, könnt ihr das Konzept mal etwas bewundern: auf der einen Seite das ungewöhnliche Artwork, auf der anderen Seite rohes und wütendes Punk/HC-Geballer.


Second Guessing – “Cycles of Disappointment” (DIY) [Stream]
Dieses Trio aus Utrecht/Niederlande existiert erst seit 2013 und mit Cycles of Disappointment wird nun die erste EP mit vier Stücken vorgestellt. Musikalisch bewegen sich die Jungs vorwiegend im Post-Hardcore/Screamo, dazu gesellen sich Elemente aus Punk, Emo, emotional HC und Melodic HC. Nicht unbedingt eine Neuerfindung des Ganzen, aber solide umgesetzt. Mir gefallen z.B. die melancholischen Gitarren bei The Wind Picked Up.


Vi som älskade varandra så mycket – “Den sorgligaste musiken i världen” (Zegema Beach Records) [Stream]
Aufgrund akuten Geldmangels konnte ich dieses Album bisher nur auf der Bandcamp-Seite der Band anhören, wie es momentan aussieht, ist die Vinyl-Version auch schon wieder fast vergriffen, was für ein Disaster. Die bisherigen Sachen der Schweden fand ich ja bereits sehr gelungen, dieses Album spielt in der gleichen Liga. Intensivster emotional Screamo/Post-Hardcore, herzzerreißende Schreiausbrüche, gefühlvoll gezockte Gitarren, mal verzerrt, mal akustisch, mal durch das Effektgerät gejagt. Ein absolutes Klangerlebnis der Extraklasse. Unbedingt anchecken und ebenfalls ärgern, falls ihr das Ding nicht mehr auf Vinyl bekommen solltet.


White Stain – “Attached” (No Panic! Records, Waybridge Records, Lost State Records) [Stream]
Das Trio aus Ljubljana/Slowenien bietet auf seinem Debutalbum insgesamt zehn melodische Punkrocksongs, melodische Gitarren treffen auf hymnischen Gesang, welcher mir am Besten gefällt, wenn so richtig kraftvoll in höherer Tonlage gesungen wird. Das ein oder andere Punkrock-Gitarrensolo zaubert mir dann noch ein Lächeln auf’s Gesicht, überhaupt spricht mich die schöne Gitarrenarbeit an, auch der knödelnde Bass passt perfekt. Die Jungs machen einen ähnlichen Sound wie ihre Landsleute Real Life Version, hört da also ruhig mal rein, wenn ihr auf hymnischen und supermelodischen Punkrock mit etwas Hardcore-Einschlag steht.


Videosammlung: Zelf, Kids Insane, A Forest, City Cop, Alumna

Zelf ist eine neue Indie-Band aus Berlin, hier sind Leute der großartigen I Might Be Wrong (<3) mit dabei. Die erste EP “Hey” ist gerade erst erschienen – leider noch nicht gehört – aber hier könnt ihr schon mal das schöne Video zu “Lace Up Your Shoes” begutachten.


Kids Insane aus Israel haben ein buntes Video zum Song “Frustrated” abgedreht. In einer Minute und 35 Sekunden kann man diese Zerrissenheit kaum besser darstellen…


Nach den Videos zu Surfaces und The Shepherd kommt nun mit “My Kite II” der dritte Teil der Video-Trilogie der deutschen Indietronica-Band A Forest. Das Bandsalatmonster geht wieder um.


Hab mir schon fast gedacht, dass der Gitarrist der Screamo-Band City Cop ein wenig durchgeknallt abgeht, wenn man dem ‘ne Akustik-Gitarre in die Hand drückt. Das Video zu “Glass Bones” ruft bei mir nun endgültig den Wunsch hervor, die Jungs mal live zu erleben.


Alumna aus Amsterdam machen auf ihrem Album “Enter” ziemlich putzigen Dream-Pop mit todtraurigen Melodien und etwas Shoegaze und erinnern dabei an eine Mischung aus Lush und Lana Del Ray. Warum die Band sich aber dazu entschieden hat, ausgerechnet zum Song “Life” ein Video zu drehen, verstehe ich wirklich gesagt nicht so ganz. Das bezaubernde “Echoes” wäre meiner Meinung nach die bessere Wahl gewesen.


 

 

Nummerfünf! – “…und Feuer!” (Keine Drogen in Graceland Records)

Das neue DIY-Label “Keine Drogen in Graceland Records” scheint auf Internetauftritte nicht viel zu geben, aktuell finde ich weder eine Homepage, noch irgendeine Info im weltweiten Netz (im Pressezettel steht jedoch was von “Internetpräsenz im Aufbau”), zudem scheint das erste Label-Release nicht als Download verfügbar zu sein, Streaming = Fehlanzeige. Also schon einmal sehr gute Voraussetzungen, die eigene Musik unter das bunte Volk zu bekommen. Warum auch nicht, früher hat das doch auch gut funktioniert. Kann mich noch sehr gut erinnern, dass man in irgend ‘nem kopierten Fanzine von ‘ner Demo gelesen hat und sich das Teil aufgrund der aussagekräftigen Plattenkritik direkt bei der Band per rückfrankiertem Umschlag und beigelegter Kohle (ebenfalls in Form von Briefmarken) bestellt hat. Was war der Überraschungseffekt doch groß, als man in einer Art Zeremonie zum ersten Mal das Tape einlegte und genüsslich  die Wiedergabetaste drückte!

Nun denn, die Band nummerfünf! ist mir bis dato also gänzlich unbekannt gewesen, obwohl bereits eine EP und ein Album veröffentlicht wurde. Daher bin ich über den beigefügten Pressezettel doch ganz glücklich, sonst wär mir diese Info aus den oben geschilderten Gründen verborgen geblieben. Nummerfünf! haben ihren Namen laut den umfangreichen Informationen, die man auf der Facebook-Seite der Band findet, dem Roboter aus dem Film “Nummer fünf lebt” entliehen. Dieser Roboter kam wohl auf die Erde, um die Menschen zu verbessern. Hab den Film glücklicherweise nie gesehen.

Nummerfünf! spielen jedenfalls gerne mit Zahlen:  unerwarteterweise besteht die Band aus fünf Typen. Auf der CD sind fünf Stücke drauf, im Pressetext ist irgendwas von vier Songs plus Bonustrack die Rede und wenn ich richtig rechnen kann, dann ist nächstes Jahr 5-jähriges Bandjubiläum. Wenigstens dauern bei all den Zahlen die Stücke nicht auch noch fünf Minuten, die Spielzeit liegt nämlich im angenehmen Bereich: unter drei Minuten, so soll es sein. Musikalisch schrammeln sich die fünf Siegener Freunde wütend, schnell und garstig durch die Stücke. Die deutschen Texte wecken Assoziationen zu Schrei-Punkbands wie z.B. Frau Potz oder Lygo. Naja, vom Sound her klingt das dann alles ganz nett, manchmal ist mir das Ganze jedoch zu holprig, zudem wird das Rad nicht gerade neu erfunden, wie man so schön sagt. Könnte mir gut vorstellen, dass mich das hier live mehr ansprechen würde, so mit ein paar Bieren im Schädel. Pluspunkte gibt’s dann für das mit Stencil aufgesprühte aufklappbare Pappcover und für die CD in Vinyloptik.

6/10

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