Full Collapse – Das Ende

Als Überschrift hätten hier auch gut zig andere Albumzitate stehen können, This Conversation is Ending Starting Right Now, The Day The Sun Went Out  oder The End Of The Ring Wars  hätten zum Ende von Borderline Fuckup auch hervorragend gepasst. Alessandro hat ja eigentlich schon alles gesagt, was gesagt werden musste, daher halte ich es eher kurz. Während ich diese Zeilen hier schreibe und all die vergangenen Erlebnisse, Emotionen und Eindrücke über mich kommen lasse, die ich bei meiner Zeit mit Borderline Fuckup erleben durfte, werde ich schon etwas traurig.  Borderline Fuckup war v.a. im letzten Jahr ein ständiger Begleiter, der zwar sehr viel Zeit und Arbeit in Anspruch genommen hat, aber auch für reichlich positive Erfahrungen, sehr viel Überraschungen und enorm viel Freude sorgte. Man freut sich einfach, wenn man jemanden da draußen mit einem Musiktipp glücklich machen kann, oder wenn man, egal ob von einem Label, einer Band oder irgendeinem netten Menschen liebe Worte zurück bekommt. Während meiner Zeit bei Borderline Fuckup traf ich immer wieder auf angenehme Leute, die ich am liebsten im engeren Freundeskreis hätte, obwohl ich eigentlich eher zurückgezogen die Einsamkeit bevorzuge. Danke, dass ich euch kennenlernen durfte.

Nachdem Alessandro die Seite im Jahr 2005 ins Leben gerufen hat und anfangs das Ding komplett alleine betrieb, kam im Laufe der Zeit Unterstützung durch Victor und meine Wenigkeit hinzu. Nun, gerade Alessandros Abwendung von der Schreiberei über die Musik hat mich schwer getroffen.  Nachdem seine Aktivitäten auf der Seite immer weniger wurden, versuchte ich, das Ding trotzdem irgendwie am Leben zu halten, aber letztendlich war das alles nicht mehr Borderline Fuckup ohne Alessandros Input.  Auch der beste Hinweis auf das absolute Hammeralbum konnte ihn nicht mehr zum Schreiben verführen. Zudem erkannte ich, was an der ganzen Sache so verdammt schwer war: die Seite nahm immer mehr Zeit in Anspruch, irgendwann trat fast schon eine Art Übersättigung ein, v.a. weil man das alles ja nur nebenher und nicht in Vollzeit macht. Trotzdem ist man als Musikliebhaber aber natürlich ständig auf der Suche nach Neuem und klickt sich neugierig durch das Meer von Anfragen durch. Und immer wieder bleibt eine Art schlechtes Gewissen zurück, weil eine nette Anfrage aufgrund des persönlichen Zeitmangels auf der Strecke bleibt. Segen und Fluch liegen halt manchmal ganz schön dicht beieinander.

An dieser Stelle will ich mich deshalb ganz artig bei bei den ganzen Bands, Labels, der DIY-Szene und den Promo-Menschen, die mich während meiner Zeit bei Borderline Fuckup mit Tapes, CD’s, Vinyl und digitalen Speicher-Medien versorgt haben, bedanken. Das Hören eurer Musik hat mir definitiv Freude gemacht. Mein Dank gilt natürlich auch meinen Borderline Fuckup-Mitschreibern Alessandro und Victor, allen anderen Blogbetreiber-Kollegen, allen Unterstützern und ganz besonders natürlich den Leuten, die unser Geschwafel hier bis zum bitteren Ende durchgelesen haben.

Wenn sich eure Lieblingsband aufgelöst hat und die ehemaligen Bandmitglieder fast nahtlos in anderen Bands untergekommen sind, die einen ähnlichen Sound machen, dann habt ihr ja sicher einen kleinen Hoffnungsschimmer, dass die neue Band wenigstens nicht total abkackt. Das Ende von Borderline Fuckup ist zwar echt ein schwerer Schritt, aber aus den o.g. Gründen ist es einfach besser so. In einer Zeit, in der alles auf Fortschritt getrimmt ist und nur noch der Profit interessiert, muss man echt mal neue Wege gehen, auch wenn man eigentlich Veränderung hasst und tendentiell eher faul und bequem ist. Wieder fast bei null anzufangen, hat ja auch irgendwas. Während Alessandro also in nächster Zeit von der Schreiberei Abstand nimmt und Victor irgendwelche geheimen neuen Pläne am Start hat, werde ich in gewohnter Manier unter neuem Namen weitermachen. Deshalb an dieser  Stelle ein wenig Schleichwerbung…hüstel: meine Seite Crossed Letters ist bereits klammheimlich online gegangen, schaut doch mal vorbei oder sagt auf Facebook hallo, wenn ihr Lust dazu habt.

Nun denn, machen wir den Abschied kurz und schmerzlos: ich hab euch alle lieb, vielen Dank für euer entgegengebrachtes Interesse. Up the Punxxx!


 

Rather be dead…

Ohne Dramaturgie und ewig gespanntem Spannungsbogen möchte ich direkt auf den Punkt kommen: Borderline Fuckup ist tot. Die Seite hier wird vermutlich irgendwann im Juni aus dem Netz verschwinden und das für längere Zeit… vermutlich sogar für immer. Eine “Reunion” will ich an dieser Stelle nicht ausschließen, schließlich sind wir nicht At The Drive-In… ähm…

Doch natürlich möchte ich abschließend noch ein paar Worte zu bf und den vergangenen 9,5 (in Worten: NEUNEINHALB!!!) Jahren verlieren. Was für eine lange Zeit!

Das Ende von bf zeichnete sich ja schon letztes Jahr ab oder besser gesagt ziemlich genau vor einem Jahr. Da verlor ich persönlich nämlich so ein bisschen das Interesse an der ganzen Blog-Arbeit. Natürlich ging das Hand in Hand mit dem schwindenden Interesse an der Musik. Ich höre immer noch liebend gerne Musik, doch eine gewisse Übersättigung sorgte wohl dafür, dass ich derzeit eher wie ein “Casual Fan” konsumiere und weniger wie ein “Die Hard”. Hinzu veränderte sich mein Leben dezent. Jahre lang war bf sowas wie “mein Baby”… doch jetzt wo ein echtes Baby auf dem Weg ist, ist’s absehbar, dass die Zeit für bf nur NOCH weniger werden würde. Deshalb habe ich schon vor einigen Monaten beschlossen, dass für mich persönlich Schluss ist…

…Steff führte die Seite im vergangenen halben Jahr im Alleingang weiter und auch das halbe Jahr vor diesem halben Jahr war mein Input eher spärlich. An dieser Stelle schon mal ein Dank an Steff, der mit der gleichen Leidenschaft weitergemacht hat und auch immer wieder probiert hat mir das Schreiben wieder schmackhaft zu machen. Doch das Buch war für mich bereits geschlossen. Nach ziemlich genau 1.000 Posts meinerseits waren alle Worte geschrieben. So ein bisschen erreichte bf 2014 auch seinen Zenit. WO hätten wir mit dieser kleinen Kack-Seite noch hin sollen?

Die Entwicklung von bf ist für mich persönlich… nunja…wie soll ich sagen? Überraschend positiv?! Unvorhersehbar gigangtisch? Oder einfach nur sagenhaft?!? Ich startete die Seite im Oktober 2005 (eine Blogspot-Version ging bereits im August/September online) im Alter von 19 Jahren, weil mir ein Kumpel damals eine Einladung für einen WordPress-Blog zusendete. Unter dem Motto “just for fun” schrieb ich hier und da mal über Musik, über Videospiele und über latent Persönliches… ja, sogar ein paar krude Gedichte traute ich mich zu veröffentlichen! In diesen Anfangswochen/-monaten klickten vielleicht 2,3,4 Leute täglich auf den Blog und selbst das waren immer die selben, nämlich Kumpels aus dem www.

Ich glaub es war Anfang 2007, da wurde das Ganze langsam “ernster”. Sämtlicher Nonsense wurde von der Seite verbannt und so widmete ich mich 100%ig der Musik, sprich Hardcore/Punk/Emo. Da war ich 21 und immer noch ein bisschen in meiner “rebellischen” Phase. Alles was zu großer Mainstream war, war also übelste Scheiße und so postete ich weiter meine Texte ohne großartigen Wert darauf zu legen wer und wieviele Leute meinen Kram lesen. Sowas wie Werbung oder Facebook gab es damals noch nicht… und selbst wenn, ich hätt’s aus purer Ideologie ignoriert!

Die “Arbeit” (damals weit weniger als später hinaus!) zahlte sich dennoch aus. Mittlerweile veröffentlichte ich halbwegs regelmäßig (1-2 Post pro Woche) Reviews, die doch den ein oder anderen angesprochen haben. So ein bisschen hatte die langsame, aber stetig positive Entwicklung von bf etwas von der oldschooligen “Mund-zu-Mund-Propaganda”, denn sonderlich aktiv war ich weder in der Blogosphäre noch in diversen Musik-Foren.

In dieser Zeit entstand glaube ich auch das damalige Motto “no pictures. no bullshit. no ideas.” Besonders strikt wurde ersterer Teil umgesetzt – denn in dieser Hinsicht wollte ich mich von den völlig überladenen Websiten, mit 1.000en (teils sich bewegenden) Bildern, absetzen. Mich kotzten diese Seiten an und so legte ich viel Wert auf die Schlichtheit, die bf bis zum Schluss verfolgt hat. Es wurden also KEINERLEI Bilder gepostet! NIE! Auch nicht zu Weihnachten!!!

Bei dem “no bullshit”-Teil spiegelte sich dann die besessene Ideologie meinerseits wieder… denn ich wollte mit den Textwüsten tatsächlich nur die Die-Hard-Fans ansprechen, die sich die Arbeit machen sich mit einer Platte UND einem Text auseinanderzusetzen. Apropos Texwüsten: Auf Absätze wurde ebenso verzichtet! Das Ding mit “no ideas” war dann eher ironisch gemeint, weil 99% des Contents eine Art Review war… dementsprechend gab es in den Anfangsjahren wenig Abwechslung!

2008 begann dann der “Aufstieg” der Seite. Von Monat zu Monat hatte ich mehr Leser, mehr Kommentare und allgemein, mehr Zuspruch auf das was ich tat. Ende 2008 suchte das Print-Mag FUZE Schreiberlinge und so probierte ich mal mein Glück und bewarb mich… der damalige Chef Thomas war dann von meinem großen Refused-Special zum 10-Jährigen von “The Shape of Punk to come” so begeistert, dass er mich sofort mit ans Bord holte. Natürlich profitierte davon auch bf – ich kam früher an diverse Platten ran (Bandcamp spielte noch keine Rolle und “Free Downloads” waren so gut wie NONEXISTENT) und bekam diverse, hochkarätige Interview-Partner. Der Höhepunkt davon war wohl das Interview mit Refused-Bassist/Gitarrist Kristofer Steen im Jahr 2010, das bf extrem viele Clicks brachte… soweit ich mich erinnern kann, sorgte genau DIESER Post für den damaligen “Clicks-pro-Tag”-Rekord!

2009 kam ich auch mit Michael Päben in Kontakt, der eine eigene Website hatte und Chef-Redakteur des damaligen “Stardust”-Print-Zines war. Hier werkelte ich bei zwei Ausgaben mit, bevor das Ganze dicht gemacht wurde…. und NEIN, ich war nicht Schuld daran! Bei all den Engangements für andere Projekte, blieb bf das Zentrum meiner Schreiberei (Ende 2013/Anfang 2014 stieg ich beim FUZE deswegen auch aus) – im selben Jahr kam nämlich sowas wie Kontinuität in das Ding rein. Es gab in jedem Monat Beiträge und das sogar bis zu 15, also im Abstand von 2 Tagen. Schön langsam hatte bf seine Nische gefunden und wuchs in dieser ständig heran. Ja, von 2009 weg bis hin zu 2014 hatten wir von Jahr zu Jahr mehr Leser. Und DAS erstaunte mich Jahr für Jahr für Jahr für Jahr. Schließlich dachte ich schon 2011/12, dass die Spitze erreicht sei…

2009 war auch deswegen wichtig, weil ich im August diesen Jahres das allererste Testmuster erhielt, das exklusiv für die Seite gedacht war. Die (leider längst vergessene) Band It all takes place sendete mir damals eine schicke CD zu – umso schöner war, dass das Ganze in kleiner, selbstnummerierter Auflage erschien und DIY as fuck war. Genau DA sah ich mich mit bf mittlerweile nämlich stark verwurzelt!

Ein Jahr drauf folgten weitere Meilensteine. Anfang 2010 ging bf auf Myspace und war somit das erste mal in einem sozialen Netzwerk vorhanden, was den ein oder anderen zusätzlichen Kontakt brachte. Im Oktober 2010 feierte die Seite dann ihren 5. Geburtstag… und quasi als knapp verspätetes Geburtstagsgeschenk erhielt ich mit Victor einen Kollegen! Ich weiß gar nicht mehr wie ich mit Victor konkret in Kontakt gekommen bin, aber soweit ich weiß war er vorher schon ein (halbwegs regelmäßiger) Leser von bf. Ich hatte dann glaub ich schon Kontakt mit ihm, tauschte mich mit ihm aus und ging mit ihm auf diverse Konzerte in München. Nach einiger Zeit fiel mir auf, dass Victor einen guten Musik-Geschmack hat und ein schlauer Zeitgenosse ist, mit dem man tiefgründig über Musik quatschen kann… ich fragte ihn, ob er bei bf miteinsteigen möchte und er sagte “Ja, ich will! Für immer und ewig!”

Victor tat von nun an genau drei Sachen, die wichtig für bf waren: 1. machte er für mich das Ganze wieder spannender und motivierte mich zusätzlich, 2. brachte er einen eigenen Schreibstil und eine andere Meinung mit auf die Seite (besonders die 4-Ohren-Reviews, die wir anfangs hatten waren coole Scheiße!) und 3. nahm er mir etwas Arbeit mit den Testmustern ab. Denn auch wenn’s ca. ein Jahr nach dem ersten Muster nicht DIE Masse von heute war, war die Tendenz in dieser Hinsicht steigend.

2011 war dann sowas wie ein Jahr der “Festigung”. Wir schrieben weiterhin Texte, hatten weiterhin Spaß dabei und folgten unserer Marschrichtung. Die Seite wurde dabei facettenreicher und bunter, doch genauso festigten wir uns noch stärker in der DIY-Szene und verbandelten uns immer stärker mit kleinen Labels und Bands. Im selbigen Jahr trauten wir uns bei den Texten unverschämterweise sogar Absätze einzufügen!!! Obendrauf gingen wir Anfang 2011 auf Facebook, selbst wenn wir uns lange dagegen weigerten. Der Ausverkauf von bf war hiermit also besiegelt…

…Schmarrn. Großer Schmarrn! Denn 2012 ging’s in ähnlicher Manier voran. bf wuchs weiter. In diesem Jahr postete ich ein Interview mit einem meiner persönlichen Stars: Chris Hannah von Propagandhi! Kurz davor ging mein persönliches Lieblings-Interview online, nämlich das mit Tom Schlatter. Derart detailliert und offen habe ich mich bis dato mit noch keinem Musiker unterhalten! Apropos Lieblings-Artikel und so… Ende 2012 kam einer davon: Nämlich der erste Teil der 2000er-Jahre-Retrospektive. Ich mag die Serie nicht nur, weil sie viele persönliche Erinnerungen beinhaltet, sondern auch deswegen, weil extrem viel Arbeit und Herzblut da reingeflossen ist. Nach dem umfassenden Rückblick auf 2000, folgten noch die Jahre 2001 und 2002… bis die Serie dann leider nicht mehr fortgesetzt wurde. Der “Blog-Alltag” war schon arbeitsreich genug! Ach ja, 2012 hatte auch den “click-reichsten” Tag von bf EVER. Genauer gesagt war’s der 28. Dezember 2012.

2013 geschahen grundlegende Veränderungen bei bf. Wir waren der Meinung, dass die Seite mittlerweile einen derartigen Stellenwert besitzt, dass sie sich ihre eigene Domain redlich verdient hat. Aus borderlinefuckup.wordpress.com wurde also borderlinefuckup.com. Der Umzug brachte einige Verbesserungen für bf. Neben einem cooleren Design (aus der Feder von Alex von Miss the Stars), bot bf ab sofort mehr Lese-Freundlichkeit, bessere Navigation und… Bilder!!! Das mit dem “no pictures” gehörte nun also auch der Vergangenheit an.

Mal abgesehen von neuen Kategorien und neuem Look, blieb vieles beim Alten… zumindest bis zum April 2013! Dort gab Steff nämlich sein bf-Debüt. In einer Phase in der das Ding mit den Testmustern immer massiver wurde und Victor immer weniger Zeit für die Seite fand, schaute ich mich nach einem neuen Kollegen um. Und DAS war gar nicht so einfach! Beim Durchstöbern einiger Musik-Blogs stieß ich dann auf eine Seite namens allbirdsaredinosaurs. Ich las mir die Texte ein paar Tage durch und fühlte mich prächtig unterhalten. Zudem erinnerte mich das Ganze ein bisschen an meine Anfänge – die Seite war klein, hatte wohl nicht sonderlich viele Leser und war (ebenso wie bf anfangs) “just for fun”. Ich schrieb Betreiber Steff also an und er zeigte vom ersten Moment an Interesse an der Mitarbeit.

Als ich Steff dann näher kennenlernte, merkte ich, dass er mehr Kredibilität hat als ich jemals besitzen werde. Er spielte in diversen Bands, engagierte sich jahrelang in seiner lokalen Musik-Szene, veröffentlichte über sein kleines Label diverse Sampler und werkelte bei Fanzines mit. Nebenbei ist Steff ein extrem netter Mensch, der mir echt ans Herz gewachsen ist. Mit seinem Eifer entfachte er auch bei mir neues Feuer um bf weiter nach vorne zu treiben…

…2013 war für mich persönlich dann auch sowas wie der Höhepunkt der Seite. Nicht nur weil Steff mitmachte und wir einen neuen Look hatten… nein, auch weil in diesem Jahr viele erinnerungswürdige Dinge passiert sind. Mit der Leitkegel-Tour präsentierten wir etwa zum ersten mal eine Tour… noch besser wurd’s wenige Monate später, als wir eine weitere Tour mitpräsentieren durften: Nämlich die von Kazimir. Diesmal sogar mit Verewigung auf einem Tour-Poster!!! Nebenbei durften wir Marc von Schallhafen (einen weiteren, netten Kollegen den man über die Jahre so kennenlernte) und Adde von Radio F.R.E.I. Interviews geben. Ja, Adde widmete sogar einen größeren Teil seiner Sendung unserer Seite, weil er auch Songs von Bands spielte, die wir kürzlich besprochen hatten. Wie cool war DAS denn? Obendrauf gab’s zum Ende hier noch ein Interview mit den grandiosen Monochrome!!! Allerdings passierte 2013 auch ein tragisches Ereignis, als Nino Kühnis von der Band The Rabbit Theory aus dem Leben gerissen wurde. Nino war ein superfreundlicher Mensch, den ich durch bf und die Musik (zumindest virtuell) kennenlernen durfte…

…davon gab’s allgemein viele! Viel zu viele, um alle aufzuzählen. Grad Label-technisch wird mir Moment of Collapse für immer in Erinnerung bleiben. 2008 besprach ich die allererste MoC-Scheibe ever, den liebevoll gestalteten “Connections”-Sampler. Es war glaub ich eines der ersten, wenn nicht überhaupt DAS erste Review dazu… und weil die Jungs bei MoC davon SO begeistert waren und wir uns mit ihren frühen Releases fast immer identifizieren konnten, entstand ein wundervoller Kontakt zu den Jungs. Bis zum Schluss versorgten sie uns mit ihren Platten und DAS obwohl MoC in den letzten Jahren eigentlich viel zu groß für eine Seite wie unsere geworden ist. Apropos “zu groß” und so – nicht schlecht staunte ich auch darüber, dass bf auf den Radar von 6131 Records gekommen ist… immerhin ein Label, das Platten von Kalibern wie Touche Amore, Gallows oder Bane veröffentlicht hat!

Aber auch zu diversen Bands entwickelte ich netten Kontakt – hier denke ich u.a. an die Jungs von Man the Change oder I Refuse, die sich zwischendrin immer mal wieder meldeten und das obwohl es ewig lange Funkstille gab, in der wenig bis nix passierte…

Doch zurück zu meiner Retrospektive. Wir waren glaube ich bei 2014?! Dem letzten, vollen Jahr von bf. Ein Jahr, das zwar ebenfalls stark war und Spaß machte, aber auch ein Jahr, das für mich im Zeichen der Übersättigung und des “Burn-outs” stand. Die Seite war mittlerweile größer geworden, als ich das eigentlich wollte und so schneiten pro Woche gefühlte 5-7 Anfragen rein. Man probierte dem Ganzen gerecht zu werden, doch es war ein Teufelskreis. Einer der auch dafür sorgte, dass man sich für diverse Releases nicht genügend Zeit nahm. Aus dem simplen “ich schreib mal über die Platte die ich jetzt schon so lange höre bzw. über die letzte Platte, die ich mir gekauft habe” von den bf-Anfangstagen wurde ein “ich muss die noch besprchen und die noch und die sollte ich mir auch zumindest mal anhören” oder ein “Steff, willst du die machen oder soll ich? Oder sollen wir’s sein lassen…?”.

All das wurde immer mehr zur Arbeit. Das Review schreiben selbst nahm plötzlich nur mehr 50% (wenn überhaupt!) der ganzen Arbeit ein. Der Rest war das große Drumherum. Das Abwägen ob und wenn wie man eine Platte besprechen soll. Der E-Mail-Kontakt mit der Band, dem Label oder beiden. Der E-Mail-Kontakt mit den eigenen Kollegen. Dem Reinstellen der Anfrage in unser Band-Pool (wo jeder Schreiber die Platten picken konnte, die er reviewen wollte). Dem umfangreicheren Layout, samt Bildersuche und Bearbeitung und dem Hinzufügen der neuen Genre-Tags. Dem Posten auf Facebook. Der Verlinkung im Band-Lexikon. Und dem Informieren der Bands, der Labels oder beiden, wenn das Review dann endlich draußen war. Es wurde zu viel und die Anfragen-Welle trug dabei nicht immer zur Motivation bei…

Dennoch gab es auch 2014 viele coole Sachen. Immer noch verliebt bin ich in die mEMOries-Idee, die dann aus Faulheit und fehlendem Engangement (ist das nicht das selbe?!) heraus leider auf halbem Weg verdurstet ist.

Doch ich will diese ewig lange Text-Wurst hier (diesmal gottseidank mit ABSÄTZEN!!!!) nicht mit einem derart negativen Gefühl beenden. Die letzten neuneinhalb Jahre mit bf und allen Beteiligten waren einfach ganz große Scheiße! ECHT! Während ich diese Zeilen hier geschrieben und mich an diverse Phasen der Seite zurückerinnert habe, wurde ich mehr als einmal sentimental. Ich weiß es zu schätzen, welchen Stellenwert bf über die Jahre hinweg in der Online-Welt/der Szene eingenommen hat.. Ich bin nicht nur dankbar für all diese coolen Momente die hier geschehen sind, sondern ich bin auch stolz darauf was wir geschaffen haben. Über die Jahre hinweg dachte ich immer wieder, dass bf bei vielen Bands und Labels einen viel zu hohen Stellenwert hatte (ich meine, wir erreichten zum Schluss hinaus ca. 60-70 Leser pro Tag, darüber lachen richtige Musik-Mags!!!), doch nun… nun muss ich sagen: Das alles war schon okay so. Wir haben das hier mit Herzblut gemacht und waren meistens ehrlich dabei. Vieles dass in dieser Zeit geschah war einfach nur auf den Punkt und nunja… perfekt…

In diesem Sinne nochmal DANKE an jeden einzelnen, der irgendwas zu bf beigetragen hat. Ihr seid für immer in meinem Herz verewigt! Von wegen “verewigt” und so: Selbst wenn diese Seite hier bald offline geht, haben wir den gesamten Back-Katalog auf die alte Seite rübergespielt. Steff bleibt euch übrigens erhalten und zieht sein Ding weiter auf der neuen Seite Crossed Letters (BITTE LESEN!!!) durch.

Last not least ein Song auf den wir (Victor, Steff und meine Wenigkeit) uns alle einigen können und der jetzt einfach wie Arsch auf Eimer passt:

Wind und Farben – “Souvenir” (lala Schallplatten)

Neulich so beim Ausmisten: die alte Bierflasche, die ich von meiner ersten DDR-Reise mitgebracht habe und deren Inhalt mittlerweile noch um einiges trüber als damals aussieht?  Die kann unmöglich weg. Die aufblasbare Luftgitarre, die ich bei meinem ersten Kreator-Konzert dabei hatte und die eigentlich gar nicht mehr aufzublasen geht? Keine Chance, da hängen zu viele Erinnerungen dran. Die Plastiktüte mit dem verbleichten Schriftzug? Niemals, darin transportierte ich meine erste selbst gekaufte LP vom Laden nach Hause. Die aufbewahrten Kartonagen? Nee, die behalte ich, falls ich mal irgendwas von dem Zeug, von dem ich mich nicht trennen kann, dann doch auf ebay verkaufe und anschließend verschicken muss. Z.B. das Souvenir aus der Kindheit vom ersten Urlaub, an den man sich noch verschwommen erinnern kann. Ein Fernseher-Gucki mit kitschigen Postkartenmotiven, ein beliebtes Mitbringsel von Erstklässlern Ende der Siebziger. Naja, das Ding kann ich nun wirklich nicht verkaufen, aber die Kartonagen behalte ich trotzdem. Man kennt das ja, man trennt sich ungern von altem Krempel.

So ergeht es auch Wind und Farben, dem Trio aus Neumünster/Kiel. Die matschigen Gitarren, die ich auf dem Debut-Album “Das Entzünden einer Kerze ist das Ende eines Wals”  so cool fand, sind auch hier wieder unterm Tisch hervorgekramt worden. Und auch sonst alles beim Alten: Das Zusammenspiel von verkopften Passagen, gefühlvollen Momenten und wütenden Ausbrüchen verklumpt zusammen mit den intelligenten und poetischen Texten, die immer der Gefühlslage entsprechend mal fast weinerlich und flüsternd, dann wieder mit kräftiger Stimme vorgetragen werden, zu einer homogenen Einheit. Und da ich das Debut bisher leider nicht auf Vinyl besitze, freut es mich umso mehr, den Sound der Band endlich mal auf schwarzem Gold genießen zu können, auch wenn die verdammte Post das erste Plattenpäckchen verschlampt hat. Vielen Dank an dieser Stelle an lala Schallplatten. Das gibt es wirklich selten, dass ein Label nach einer unversicherten und verlorengegangenen Sendung das Ding nochmals zuschickt <3.

Das Coverartwork sagt mir persönlich jetzt zwar nicht so ganz zu, jedoch fühlt sich das Gatefoldcover, das auf dicken Karton gedruckt ist, schön geschmeidig an. Das erinnert mich irgendwie vom Material her an einenTapetenmusterkatalog. Aber kommen wir zur Musik: gerade die A-Seite hat es mir höllisch angetan, hierbei möchte ich den Song Rollladenkastendämmung  besonders hervorheben. Auf Vinyl ein hochkarätiger Genuss. Musikalisch bewegt sich die Band weiterhin zwischen Emo, Punk, Math, Indie, Pop, Screamo und Post-Punk. Erstaunlich finde ich, dass ein Außenstehender bei Momentaufnahmen von einzelnen instrumentalen Abschnitten annehmen könnte, dass da unterschiedliche Bands am Werk wären. Da fallen Soundschnipsel ins Auge, die erinnern an frühe Coheed And Cambria, dann wiederum wird eine Mineral-Passage eingebaut, Adolar und gemäßigtere Captain Planet schwirren auch unkontrolliert durch den Raum, zudem erinnern die ruhigeren Parts ein wenig an ganz frühe Aereogramme, auch die deutsche Emo-Core Band Sog kommt mir an manchen Stellen in den Sinn. Ich könnte euch noch mit Einzelvergleichen zubombardieren…und trotzdem entsteht aus diesem Mischmasch der eigenständige Sound von Wind und Farben, den ich schon auf dem Debutalbum bewundert habe. Auch wenn immer mal wieder hitverdächtige Refrains die Runde machen, gibt es genügend sperrige Anteile, die verhindern werden, dass Wind und Farben in Zukunft in der Indie-Punk-Disco laufen werden. Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: ich würde lieber in einen Topf mit heißem Öl springen, als in einer Indie-Punk-Disco aufzukreuzen, aber ich kann mir schwer vorstellen, ein paar hip gekleidete Menschen zu einer solch intensiven Musik tanzen zu sehen. Bei ‘ner Live-Show allerdings würde mich das weniger stören, da ich wahrscheinlich völlig weggetreten diesem Trio da auf der Bühne zuschauen würde.

8/10

Facebook / Bandcamp / lala Schallplatten


 

Quergehört: Cavalcades, Grünt Grünt, P.U.T., Gut Feeling, Indian Summer Westward HO, Native Wildlife, Orbit The Earth, The Tidal Sleep, Pylon Mixtape, The Spouds, Statues, Yersinia

Cavalcades – “Lights Begin To Dance” (icorruptrecords) [Stream]
Für Fans von Bands wie z.B. Small Brown Bike, Planesmistakenforstars, alten Hot Water Music oder Man Bear Pig dürften Cavalcades aus Schottland spätestens seit der tollen Split mit Coma Regalia und Heart On My Sleeve keine Unbekannten mehr sein. Das zehn Songs starke Debutalbum der Jungs steht den vorangegangenen Veröffentlichungen in nichts nach. Wenn ihr auf dreckigen, aber gefühlvollen Emocore steht, dann seid ihr bei Cavalcades genau richtig.


Grünt Grünt vs [P.U.T] – “Split” (Pogo Records) [Name Your Price Download]
Ich find ja Death-Grind-Powerviolence-Bands, die 100 oder mehr Songs im Repertoire haben  ganz lustig, keine Ahnung, wie deren Setlist bei Live-Shows aussieht, Grünt Grünt haben da aber sicher keine Probleme mit, da sie ihre Songs mit fortlaufenden Nummern betitelt haben. Das Schlagzeug hört sich an wie meine Ape im Leerlauf, der Gesang geht in Richtung hochgepitchtes Froschgequake, was ja wiederum irgendwie passt, Grunt Grunt kommen ja aus Froschschenkel-Frankreich, harr harr. Insgesamt sechs Songs, fünf davon unter einer Minute und ein letzter Song, der etwas länger als die 5 Songs davor zusammen ist.  P.U.T. aus Brüssel dann etwas langsamer, etwas Sludge, Doom und Industrial (die Sirenen bei Fear). Holt’s euch als Name Your Price-Download und nervt damit eure Nachbarn!


Gut Feeling – “Selftitled” (Headfirst! Records) [Name Your Price Download]
Das hier geht schön oldschoolig nach vorne. Bei Gut Feeling wirken ja unter anderem  Leute mit, die schon jahrelang in der Szene aktiv sind und vorher bei Bands wie z.B. Catharsis, Undying, Nightbear gespielt haben. Die Jungs aus Raleigh bolzen sich auf ihrer zweiten EP durch sechs Songs, Hardcore und Punk bilden hier das Grundgerüst, neben ein paar Midtempoparts und einigen Breaks erfreue ich mich an den geilen Gitarren, den unterschwelligen Melodien und den Gangshouts. Das alles erinnert dann an eine Zeit Anfang der Neunziger, nur etwas druckvoller produziert. Stellt euch eine Mischung aus Uniform Choice, Count Me Out, Inside Out, Shmunks For You und Chain Of Strength vor.


Indian Summer Westward HO – “Selftitled” (DIY) [Name Your Price Download]
Ich persönlich finde den Bandnamen etwas seltsam, aber kommen wir lieber mal zum musikalischen Inhalt dieser 5-Songs starken EP. Bei Indian Summer Westward HO sind vier Leute aus Dresden/Berlin am Start, die Mucke geht laut Beschreibung in Richtung Post-Rock, Emo und Math. Ziemlich experimentell klingt das alles, neben Keyboards kommen auch Kirchenorgeln zum Einsatz, die Delay-Gitarren bringen so ein gewisses Zuckerwatte-in-den-Ohren-Gefühl und der Sänger klingt ein wenig nach Rob Smith von The Cure. Die Jungs lieben jedenfalls den Umgang mit Tönen. Stellt euch ‘ne Mischung aus eben The Cure und Appleseed Cast vor, dazu noch ein wenig Juliana Theory. An manchen Stellen klingt es ein wenig schlecht/gut abgemischt (vielleicht beabsichtigt) und manchmal auch holprig (vermutlich ist damit das “Math” gemeint, harr harr). Schaut euch mal das Video zum Song It’s all about waking up entangled an oder ladet euch die EP für lau auf den Rechner.


Native Wildlife – “Selftitled” (Head2wall Records) [Name Your Price Download]
Zwischen dem tollen Debutalbum A Simple Life, A Quiet Mind und dieser EP scheint eine Menge passiert zu sein, so verabschiedet sich die Band aus Connecticut nach vier Jahren Bestehenszeit mit diesen sechs Songs und gibt die Bandauflösung bekannt. Schade, denn auch diese Aufnahmen können mich absolut begeistern. Emotionsgeladener Screamo/Post-Hardcore mit Tiefgang, der neben ruhigen Momenten auch ganz schön losbrettert und durchgängig zu überzeugen weiß. Checkt mal den Song Immaterial,  der kommt nämlich auf mein nächstes Mixtape.


Orbit The Earth & The Tidal Sleep – “Split” (This Charming Man) [Stream]
Die letzte The Tidal Sleep brannte mir unter den Fingernägeln, das könnt ihr hier nachlesen, Aphelion von Orbit The Earth machte mich ebenfalls neugierig auf kommende Veröffentlichungen. Und whoaaaa, jetzt gibt’s ‘ne Platte von beiden Bands, echt super. Bei meinem Promo-Download gibt’s abwechselnd The Tidal Sleep und Orbit The Earth, ich hoffe, dass der Tonträger diese Zerstückelung nicht übernimmt. Aber selbst wenn, das Ding wird wahrscheinlich weggehen wie warme Semmeln.


Pylon – “Mixtape 2″ (Pylon Network) [Name Your Price Download]
Seit ein paar Wochen gibt’s das neue Pylon-Mixtape des DIY-Pylon Network-Labels aus Wien. Und wie schon beim ersten Streich ist auch hier die Band/Songauswahl ziemlich geschmackssicher, zudem gibt es einen Name Your Price-Download für Menschen, die keine Kassettendecks mehr besitzen oder auch für Leute, die ständig an der Privat-Insolvenz-nagen. 13 Songs, darunter auch etliche Bands, über die wir auf unserer Seite schon in irgendeiner Form berichtet haben. Holt euch das liebevoll zusammengestellte Tape, es lohnt sich!


The Spouds – “Fear Is The New Self-Awareness” (DIY) [Name Your Price Download]
Bei The Spouds spielen Leute von Brooks Was Here mit, auf die wir euch ja auch schon an anderer Stelle aufmerksam gemacht haben. Fear Is The New Self-Awareness ist das mittlerweile dritte Album der Jungs aus Warschau, ähnlich wie bei Brooks Was Here stimmt hier einfach das Feeling: Tolle Basslines, vertrackte Rhythmen, verzwickte Gitarrenparts, Melodie fehlt auch nicht und der Gesang kommt ebenfalls geil. Hier bekommt ihr zehn fabelhafte Songs zum Name Your Price-Tarif, zum Check würd ich mal z.B. Result Set  oder Bending Plywood  empfehlen. Für Freunde von At The Drive-In, Dinosaur Jr., Brooks Was Here und Faith No More, 90′s emo, bisschen Post-HC, etwas Shoegaze und Indierock. Sehr geil!


Statues – “Together We’re Alone” (Highland Records) [Stream]
Die Australier werden ja gerne unter der Rubrik Chaotic Hardcore verbucht, ich würde da noch ‘nen ordentlichen Schuss Metalcore dazufügen, denn beim Hören des Albums kamen mir v.a. immer wieder neuere Pantera in den Sinn. Auf Dauer nervt mich so’n Sound mittlerweile, aber wenn ihr ordentlich Wut im Bauch habt, dann kann so ein Albumdurchlauf bei voller Lautstärke ganz schön kompensieren. Echt mal oberfett produziert.


Yersinia - “Påfågeltronen” (DIY) [Name Your Price Download]
Seit der Erstveröffentlichung der schwedischen Metal-Hardcore-Band Yersinia sind inzwischen sieben Jahre vergangen. Neben einer Full Length ist das hier also die mittlerweile fünfte EP. Hektisch, nach vorne preschend, treibend, mit fetten Gitarren, abnormal knüppligem Blackmetal-Schlagzeug und derbem Schreigesang wird hier durch insgesamt fünf Songs gehechelt. Verschnaufpausen gibt’s lediglich in Form von ein paar Breaks/Midtempo-Moshparts. Bisschen überproduziert, aber für diese Art von Musik passt das schon. Ach so, die Texte sind in der Landessprache verfasst, aber bei dem Geschrei fällt das nur bei genauem Hinhören auf.


 

 

Hell & Back / Perfect Youth – Split (Fond Of Life Records)

Dass ich ein riesengroßer Fan der Stuttgarter Band Hell & Back bin, lässt sich unschwer verheimlichen. Vor allem deren Debutalbum Heartattack ist mir im letzten Jahr unglaublich ans Herz gewachsen, zudem habe ich bisher noch kein einziges Konzert der Jungs erlebt, an dem ich keinen Spaß beim Zuschauen gehabt hätte. Selbst der eigene Punkrock-Nachwuchs hat Freude an den Songs. Keine Frage, bei Hell & Back merkt man die langjährige Verbundenheit mit der Szene, die Jungs leben das, was sie machen, soviel wird einem beim Hören der Musik eindeutig klar. Und spätestens, wenn man sieht, was auf der Bühne für Spielfreude an den Tag gelegt wird, dann fühlt man sich in alte Zeiten kurz vor der Jahrtausendwende zurückversetzt, in welchen man selbst mit Haut und Haaren im Sound von Kapellen wie Lifetime, Black Train Jack, Hot Water Music, Weston oder Grey Area aufgegangen ist und jedes Wochenende in ‘nem anderen Juze blaue Flecken und verstauchte Knöchel gesammelt hat, so dass nichtsahnende Arbeitskollegen schon hinter vorgehaltener Hand tuschelten und Gerüchte á la Fight Club die Runde machten.

Zuerst muss ich lobende Worte für das fantastische Coverartwork der Split-LP finden, das wie schon bei der Heartattack-LP und der Everything You Say Is Just How Bad Things Are EP  von der sagenhaften Künstlerin Mara Piccione stammt. Anscheinend bahnt sich hier eine dauerhafte und absolut begrüßenswerte Beziehung zwischen Hell & Back und Mara Piccione an? Jedenfalls verspürt man beim Betrachten des Covers richtig Lust, mal ein paar Kunstdrucke der Künstlerin zu ergattern, um die Wohnung etwas aufzuhübschen. Sehr schön. Die LP ist übrigens in den Farben schwarz, orange und rosa/clear zu bekommen. Mein Exemplar ist orange und das passt natürlich optisch perfekt zum Coverartwork.

Die A-Seite gehört mit fünf Songs und einer Spielzeit von etwas über 16 Minuten den Jungs von Hell & Back. Nach dem Weggang von Schlagzeuger Marc sind das die ersten Aufnahmen mit Neuzugang Peter (Ex-Turn Away), dessen Drumming frisch und druckvoll kommt und ein solides Grundgerüst für die Songs beisteuert. Nach einem kurzen Spoken Word-Intro geht es in gewohnter Manier mit dem Song  Jinx  schon mal schön schnell, aber dennoch hochmelodisch los. Ihr habt sicher bereits das Video auf unserer Seite entdeckt. Ich find’s hammergeil. Wie immer könnte ich mich in die genialen Gitarren reinlegen, beim zweiten Song White Walls  wird es mir z.B. bereits beim Gitarrenintro ganz warm ums Herz. Ein sehr gelungener Song mit enormem Hitfaktor, tollen Bassbarts und einfühlsamem Gesang, in solchen Liedern kann man sich echt mal verlieren. So, wie ‘ne Brieftaube instinktiv in den Heimatschlag findet, so haben Hell & Back einfach das richtige Händchen für ehrlichen Punkrock/Hardcore mit catchy Melodien, der obendrein mit einer immensen Portion Emotionalität und durchdachten Texten ausgestattet ist. Mit Pareidolia  folgt dann ein Stück, bei dem Gitarrist Taner singt und das an frühe Hot Water Music-Sachen erinnert, irgendwie schlagen da ganz neue, etwas ungewohnte Töne an (man beachte die Pixies-mässigen Gitarren). Und auch dieser Song klingt einfach nur verdammt frisch. Nach diesem Ausflug ins Midtempo geht es dann wieder gewohnt flott mit Wanderlust  weiter, bis dann die A-Seite nach dem ohrwurmverdächtigen Pursuit Of Happiness auch schon wieder vorbei ist und man am liebsten gleich noch mal einen Durchlauf starten würde. DIY wird bei Hell & Back übrigens groß geschrieben, daher fanden die Aufnahmen im Proberaum statt und auch beim Mastering wurde selbst Hand angelegt.

Auf der B-Seite kommen dann Perfect Youth aus Saarbrücken/Stuttgart mit insgesamt vier Songs und etwas über 14 Minuten Spielzeit zum Zug. Die Geschichte hinter Perfect Youth: Philipp Dunkel (Ex-MNMNTS) war zu Beginn unter dem Namen Perfect Youth solo unterwegs, mittlerweile ist aus dem Soloprojekt aber mithilfe von Zol und Peter (beide spielen auch bei Hell & Back) eine vollständige Band geworden. Auch diese Aufnahmen wurden im Hell & Back Proberaum aufgenommen, gemastert und abgemischt wurden sie vom großartigen Jack Shirley in den Atomic Garden Studios, welche auf unserer Seite im Zusammenhang mit etlichen anderen Platten schon desöfteren positiv erwähnt wurden. Soundtechnisch passen die zwei Bands dieser Split jedenfalls hervorragend zusammen, denn Perfect Youth frönen auch dem melodischen Punkrock. Die Gitarren beim Opener Sleepwalking  kommen zwar etwas dissonant, der Song selbst klingt aber dennoch insgesamt betrachtet sehr melodieorientiert, hier findet man neben Punk und Emo-Einflüssen auch etwas Grunge und Indierock, da fühlt man sich direkt in die Zeit hinein zurückversetzt, als in den Medien erstmals vom Phänomen der Crashkids berichtet wurde: die Neunziger lauern hier also hinter jeder Ecke mit laufendem Motor auf Dich. Spätestens beim Song In Your Company  hat mich das Trio dann endgültig am Wickel, ein wundervolles Stück, Philipps Gesang kommt hier einfach verdammt geil rüber. Nachdem es mit Don’t Smile At Strangers  etwas gemächlicher weitergeht, legt die Band mit Black Eyes, Red Lights  nochmals einen drauf. Überhaupt, die B-Seite ist ein richtiger Grower, wenn ich mich entscheiden müsste, welchen Song ich auf ein Mixtape packen würde, dann würde es zwischen In Your Company  und Black Eyes, Red Lights  einen unerbittlichen Kampf geben, bei dem ich mir momentan noch nicht sicher bin, welcher Song da letztlich gewinnen würde. Superschöne Split!

9/10

Facebook H&B/ Bandcamp H&B / Facebook PY / Bandcamp PY / Label


 

Причал – Отголоски (lifeisafunnything)

Auch wenn es mir in den Fingern juckt, wenn das sympathische DIY-Label lifeisafunnything auf einen Vorab-Bandcamp-Stream einer mir unbekannten Band aufmerksam macht, habe ich bei den letzten Veröffentlichungen mit dem Anhören der Releases durchgehalten und brav auf die physischen Tonträger gewartet, die mir der liebe Marcus immer zuverlässig zusendet. Gerade weil ich weiß, dass die Releases auf lifeisafunnything eigentlich immer genau meinen Geschmack treffen, ist das Warten manchmal echt eine Zerreißprobe, aber das Vinyl-Erlebnis kommt dann irgendwie umso heftiger bzw. intensiver. Und v.a. bekommt der miesgelaunte Postbote endlich mal einen fröhlichen und extrem angespannten Menschen zu sehen, der mit zittrigen Händen und debilem Grinsen in der Visage sabbernd das Päckchen “entgegennimmt” (zum Glück hab ich noch nie einen Postboten ernsthaft verletzt). Mich würde ja schon interessieren, was “mein” Postbote so von mir denkt. Überhaupt, warum gibt es noch keine Fortsetzung vom “Mann mit der Ledertasche”? Mein stets rauchender Postbote erinnert mich rein optisch wirklich ein wenig an Charles Bukowski. Wenn er mir eines Tages ein Manuskript in die Pfoten drücken würde und mich mit seinen traurigen braunen Augen anschauen würde, ich würde das Ding lesen!

Nun, allen der kyrillischen Schrift nicht mächtigen Personen erklärt das Presseinfo, dass Причал soviel wie Prichal bedeutet, was wiederum mit Anlege-oder Ankerplatz übersetzt werden könnte. Die Band kommt aus St. Petersburg, die Mitglieder wirkten zuvor bei Bands wie z.B. Euglena, Aurora, Reka und Состояние птиц mit. Aus dem zusammengeschnipselten Albumartwork werde ich persönlich nicht schlau, vielleicht liegt das an der sprachlichen Barriere, das heißt aber keinesfalls, dass das Artwork uninteressant wäre. Ihr werdet beim Hören der Platte genügend Zeit haben, euch mit der Bildcollage auf Front- und Backcover und dem wundervollen Textblatt zu beschäftigen, selbst wenn ihr die russische Sprache beherrschen würdet (die Texte gibt es nämlich leider nur auf russisch). Aber keine Angst, das stört nicht im geringsten, denn wenn ihr die Platte erstmal aus der Hülle befreit habt, dann werden eure Augen leuchten, vielleicht kullert auch ‘ne kleine Freudenträne raus. Mein Exemplar ist weiß marmoriert, das farbige Label im Kontrast zum Marmor sieht einfach höllisch gut aus und ihr hättet mich sehen sollen, wie ich meinen Kindern mit erhobenem Zeigefinger erklärt habe, dass die Platte nicht aus Marmor, sondern aus hochempfindlichem Vinyl besteht und sie damit für kleine zerstörerische Kinderpfoten absolut tabu ist.

Aber nun zur Musik: Wenn ihr bedächtig die A-Seite auf den Plattenspieler gelegt habt und die ersten Klänge ertönen, dann wisst ihr bereits, dass ihr mit diesem Album eine gute Zeit verbringen werdet. So eine Musik muss man einfach auf Vinyl hören. Stellt euch einen leicht vor sich hinkochenden Topf auf eurem Herd vor, den ihr versehentlich vergessen habt und erst wieder bemerkt, als plötzlich das Wasser schäumend überkocht und der Deckel durch das kochende Wasser wie wild auf dem Herd hin und her hüpft. So ein Erwachen ist das, als beim zweiten Stück erstmals der Gesang einsetzt, da gibt es wirklich kein Halten mehr. Bereits beim letzten Song der A-Seite bestätigt sich die Aussage aus dem Presseinfo: “Eine Platte zum Hinsetzen…und zum Entdecken”. Besser kann man es kaum auf den Punkt bringen. Übrigens erscheint die Platte als Co-Release mit den russischen Labels Unlock Yourself Records und Wintersea Label, dem ukrainischen Label Samegrey Records und dem US-Label Bookhouse Records.

Причал verknüpfen melancholische Momente mit wütenden Screamo-Ausbrüchen,  leise und bedächtige Passagen stehen im Wechsel mit manchmal verkopften, aber trotzdem runden und schlüssigen instrumentalen Parts. Im Presseinfo wird mit alten Placebo verglichen aber auch gleichzeitig darauf hingewiesen, dass diese Ansicht bisher noch niemand teilte. Nun, gerade bei den instrumentalen Zwischenparts finde ich diesen Vergleich gar nicht so abwegig. Wenn ihr auf Screamo-Bands wie z.B. Daitro, Amanda Woodward, Instil, Vi Som Älskade oder We Never Learned To Live steht und auch dem Jahrtausendwenden-Posthardcore von Bands wie z.B. Standstill oder Envy nicht abgeneigt seid, dann wäre Причал sicher die Entdeckung für euch. Diese tolle Platte müsst ihr unbedingt anchecken. Ich bin jedenfalls mehr als begeistert!

8,5/10

Bandcamp / lifeisafunnything



Interview mit The Daydream Fit


Es war für mich eine der Entdeckungen des Jahres 2013, als ich auf Bandcamp auf die niederländische Band   The Daydream Fit stieß und mich der Sound des Quartetts auf Anhieb am Kragen packte. Mit nur drei Songs hatten mich die Jungs aus Enschede in die Tasche gespielt, ein Stück wie “Sorrow” durfte fortan auf keinem meiner Mixtapes fehlen. Der Sound vermittelt einfach ein wohlig-vertrautes Gefühl, die Hingabe und das Herzblut der Band strömt einem aus jeder einzelnen Note entgegen und verursacht in jeder Pore meiner Haut unterschiedliche Reaktionen. Die leidenschaftlich gespielten Gitarren und vor allem der zerbrechliche Gesang, der zwischen Singen und verzweifeltem Schluchzen pendelt, macht diese drei Songs so unglaublich groß. Nachdem die drei Stücke im Jahr 2013 erstmals vom niederländischen DIY-Label  Stereo Dasein auf CD erschienen sind, ist das Schmuckstück nun endlich auf Vinyl als 7inch erhältlich. Auf Vinyl berührt so ‘ne Mucke natürlich noch intensiver. Neben Stereo Dasein sind an der Veröffentlichung die DIY-Labels Don’t Live Like Me, Monday Morning, Dingleberry Records, La Agonía De Vivir und Sic Life beteiligt. Vielen Dank an die Labels, die dieses Kunstwerk endlich auf Vinyl möglich gemacht haben, ich liebe euch!

Nun, da The Daydream Fit mit ihrer Musik bei mir auf offene Ohren stoßen und ich bisher noch kein Interview mit der Band im Netz gefunden habe, war ich natürlich Feuer und Flamme, als mir Dave nach einer netten e-Mail-Konversation ein Interview in Aussicht stellte. Im Folgenden kommt ihr daher in den Genuss eines e-Mail-Interviews mit Dave, seines Zeichens Sänger und Gitarrist bei The Daydream Fit. Auf der ersten Seite könnt ihr das Interview dank meiner lausigen Englischkenntisse in der zugegeben etwas freien Übersetzung auf Deutsch lesen, im zweiten Teil findet ihr das Interview in englischer Sprache im Original, achtet v.a. bei den englischen Fragen bitte nicht auf die Grammatik. Viel Spaß damit. Ach ja, klickt doch mal auf den Bandcamp-Link, dann habt ihr während ihr das Interview lest ein wenig musikalische Untermalung.


Weiterlesen

Quergehört: The Correct Arc, Kerosene, Light Your Anchor, Migre Le Tigre, Shizune, Shonen Bat, Trials Of Early Man, The World At A Glance & Short Stories About Their Distance

The Correct Arc – “Founded on Instinct” (DIY) [Name Your Price Download]
An anderer Stelle haben wir euch bereits die geniale UK-Band Broker vorgestellt, deren  Schlagzeuger bei den Aufnahmen zu diesen drei Songs hier irgendwie beteiligt war. Die musikalische Nähe der Londoner Band zu den Jungs von Broker ist nicht von der Hand zu weisen. Verschwurbelt, vertrackt, Stop And Go, nerdy, manchmal an der Schwelle zum Math. Nervös auf jeden Fall. The Correct Arc liefern hier drei Songs ab, die jeden Fan von Bands wie Barra Head,  Policy Of Three, Bob Tilton oder Frodus absolut begeistern können. Reinhören ist hier Pflicht, wenn ihr auf irgendeine der eben genannten Bands stehen solltet.


Kerosene – “Selftitled” (DIY) [Name Your Price Download]
Yeah, wenn ihr auf nervösen und bassdominierenden Emo-Hc steht, der dazu noch übersteuert aufgenommen wurde, dann seid ihr bei Kerosene genau richtig. Vier Songs kriegt ihr hier auf die Ohren, bei ‘ner Live Show würd ich persönlich ein wenig Bammel haben, dass mich entweder der Bassist mit ‘nem dicken Kabel am Hals erwischen wird, dem Schlagzeuger würde ich am Bierstand auch eher mal aus dem Weg gehen, bei solchen Nervenwracks weiß man nie genau, was einen erwartet. Momentan noch zahm wie ein Lämmchen, im nächsten Moment wild wie ein mit Kerosin übergossenes wild zappelndes Wesen. Indiedisco mit angedeuteten Melodien trifft auf Noiseattacken, die Hardcore und Punkroots der Bandmitglieder vermuten lassen.


Light Your Anchor – “Homefires” (Let it Burn Records) [Stream]
Wenn ihr um die Jahrtausendwende herum Bands wie Posion The Well, Shai Hulud, As Friends Rust oder Strectch Arm Strong (nur die ersten beiden Veröffentlichungen der Band) toll gefunden habt, dann wird euch der Sound von Light Your Anchor auch entsprechend reinlaufen. Ich kann damit jedenfalls sehr viel anfangen. Hauptsächlich fasziniert mich der Spirit, der mir mit den Aufnahmen entgegenspringt. Ähnlich wie bei dem sagenhaften Coyotes-Album geht das hier ordentlich ab, also hört doch mal rein.


Migre Le Tigre – “Where Did Mom And Dad Go So Wrong?” (Schall und Rauch Platten) [Stream]
Wenn ihr auf schnell gespielte, gefingerpickte Akustik-Gitarren steht, die von einer rauhen Punkrock-Stimme begleitet werden, dann seid ihr bei Migre Le Tigre genau richtig. Migre Le Tigre, das ist das Solo-Projekt von Rufi, den manche von euch sicher noch von der Band Rentokill kennen. Ein junger Olli Schulz spielt Kaki King-Riffs, die Gitarre glüht, dazu werden durchdachte Texte in einer Stimmlage vorgetragen,  die an diverse Sänger von Bands wie Avail oder Anti-Flag erinnern. Der Song Cliché ist mein Favorit, den würde ich euch für euer nächstes Mixtape wärmstens empfehlen. Endlich mal wieder ‘ne 7inch, für die man einen Puck braucht. Wenn ihr den irgendwo verlegt habt, dann gibt’s auch noch ‘nen Download-Code. Ach ja, falls ihr bereits eigenen Nachwuchs haben solltet, dann versteckt am besten das Cover, sonst kommen die Kröten noch auf blöde Gedanken und malen sich umgedrehte Kreuze und Pentagramme auf die teuren Markenklamotten.


Shizune – “Le Voyageur Imprudent” (Dog Knights Productions&Driftwood Records) [Stream]
Sprachbegabung gehört zugegebenermaßen nicht zu meinen besten Eigenschaften, daher müsst ihr mir verzeihen, wenn ich mich nachfolgend verzettele. Der Albumtitel müsste eigentlich aus dem Französischen kommen, übersetzt bedeutet das in etwa: der leichtsinnige Reisende. Nun, Shizune kommen eigentlich aus Italien, daher irritiert der Albumtitel ein wenig. Wenn ihr französischsprachigen Screamo vergöttert und auf Bands wie z.B. Raein, Daitro & Co steht, dann wird euch Shizune auch begeistern.


Shonen Bat – “Bad character” (Otomo Records) [Name Your Price Download]
Mit der 2013-er LP der spanischen Band machte es bei mir an irgendeiner Stelle “klick”. Immer und immer wieder landete das Album in meinem Player. Obwohl es einige Durchläufe brauchte, bis die Songs irgendwann mal im Gehör kleben blieben, war ich von dem Album sehr angetan. Das Album funktionierte anfangs “nebenher”, d.h. ich surfte genüsslich durchs Internet, während Shonen Bat im Hintergrund rumschwirrte. Und genau dieses Gefühl kommt beim Hören des neuen Albums auf. Karate trifft auf Barra Head, Contriva und Masha Qrella vergnügt sich mit I’m Not A Gun. Post-Punk, Post-Rock, Emo, Indie. Herrlich. Göttlicher Anspieltipp: Nothing Left.


Trials Of Early Man – “Life Goals” (DIY) [Name Your Price Download]
Bei Trials Of Early Man sind Leute dabei, die in der Vergangenheit bei Bands wie z.B. Action And Action, The Good Wife oder Circus Act And Caretaker mitgewirkt haben. Auch wenn das Coverartwork es nicht vermuten lässt, diese drei Songs haben es definitiv in sich. At The Drive-In-Gefrickel trifft auf nervösen Emocore á la Jawbox oder Drive Like Jehu, dazu kommen aber auch hin und wieder melodische Elemente im Stil der Hot Snakes oder anderer aktueller UK-Bands wie z.B. Twisted.


The World At A Glance & Short Stories About Their Distance – Split (Swollen Lungs Records) [Name Your Price Download]
Geniale Split mit prägnantem Albumartwork und zwei 90′s emo/Screamo-Bands, die mir bis jetzt absolut unbekannt waren.  The World At A Glance kommen aus Melbourne/Australien und machen nervösen, ziemlich emotionalen Screamo mit Emo-Einflüssen, die Stimme des Sängers überschlägt sich permanent, die Gitarren erinnern mich teilweise an Parades End, jedenfalls kommen sie schön kantig, aber dennoch melodisch. Short Stories About Their Distance aus Bloomington/Illinois klingen dann eher ein wenig gemäßigter, hier ist 90′s emo angesagt. Schön rauh mit ruhigen Momenten und halb gesprochenen Parts, die Sängerin kann aber auch gut schreien, noisige und nervöse Zappelparts runden das Ganze ab. Sehr schön, da werd ich gleich weitermachen und die bisherigen Veröffentlichungen beider Bands antesten.


 

Kaufmann Frust – “Hinter den Fenstern” 7inch (DIY)

Als das tolle Video zum Song Felsenkeller erstmals über meinen PC flimmerte und ich vom Sound der Stuttgarter sofort gepackt wurde, so dass ich das Video umgehend posten musste, konnte ich noch nicht ahnen, dass mir die Band kurze Zeit später und nach nettem Mailkontakt sogar ‘ne 7inch zuschicken würden. Wahnsinn! Nun, für mich persönlich tauchen Kaufmann Frust quasi aus dem Nichts auf, obwohl die Band schon seit 2013 existiert und bis dato etliche Konzerte gespielt wurden, u.a. mit 65Daysofstatic. Ansonsten kann man bisweilen nicht so viele Infos über die Band im Netz finden, außer vielleicht, dass Teile der Band noch in der ominösen Oi-Punk-Band Rumpfboige mitwirken. Rumpfboige solltet ihr unbedingt auch mal anchecken, alleine die Künstlernamen der Bandmitglieder sind verboi!gungswert.

Soweit ich das sehe, haben Kaufmann Frust bisher lediglich vereinzelte Demosongs veröffentlicht, so dass ich jetzt einfach mal behaupte, dass Hinter den Fenstern das erste reguläre Werk der Band ist. Schade, dass hier nur zwei Songs zu hören sind, nach knapp neun Minuten ist das Scheibchen auch schon wieder vorbei. Nun, obwohl ich den Song Felsenkeller ja schon durch das Video kannte, entwickelt das Stück auf Vinyl eine ganz besondere Magie. Das liegt zum einen an der echt schweren 7inch, zum anderen hat man erstmals total begeistert diese stylische Retro-Plattenhülle in der Hand: dicker schwarzer Karton mit ausgestanztem Innenkreis, weiße Papier-Innenhülle mit eingelassenem Zellophan. Das Foto eines Hinterhofs ziert das Albumcover, irgendwie erinnert mich das Bild an die Gegend hinter dem Stuttgarter Marienplatz. Und schwups, die A-Seite ist auch leider schon  zu Ende. Auf der B-Seite wird es dann fast hypnotisch, bei Schweigeminuten  wabern Gitarren durch die Räume, wenn der Gesang nicht wäre, dann könnte man das Instrumentale als Soundtrack für einen Neo-Western aus Mexiko verwenden. Nach diesen zwei Songs bekommt man definitiv Hunger auf mehr. Abgemischt wurden die 7inch übrigens vom Gitarristen der Band Heisskalt, für den letzten Schliff ist Ralv Milberg verantwortlich, dessen Arbeit man auch schon bei Bands wie z.B. Karies und Die Nerven bewundern durfte.

8/10

Bandcamp / Facebook


The Tourist – “Love Will Find You” (Fleet Union / White Russian Records)

So langsam wird das Gehirn löchrig. Ich war mir eigentlich ziemlich sicher, dass mir The Tourist aus Düsseldorf schon mal irgendwann live über den Weg gelaufen sind, aber je mehr die graue Masse im Oberstübchen angestrengt wird, kommen immer größere Zweifel,  irgendwie kann ich mich da auch täuschen. Naja, die Band wurde bereits im Jahr 2008 gegründet, sein kann das dann irgendwie schon, ist ja für ‘ne Band heutzutage eher eine lange Bestehenszeit.  Jedenfalls besitze ich aus irgendeinem nicht mehr nachvollziehbaren Grund das Debut-Album We Live, We Doubt, We Scream, We Shout  der Band, welches damals auf midsummer records erschien. Mit “nicht nachvollziehbar” will ich aber jetzt nicht ausdrücken, dass ich mich darüber wundere, dass dieses Album “ungewollt” Teil meiner Sammlung wurde, denn We Live, We Doubt, We Scream, We Shout  klingt auch vier Jahre nach Erscheinen noch frisch, das hab ich bei der Vorbereitung zu diesem Review hier festgestellt. Verrückt, dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wo ich dieses Album her habe. In Zukunft werd ich auf Nummer sicher gehen und  Informationen und Gedanken auf kleine post-its schreiben, die ich irgendwo draufklebe, wo sie nicht verloren gehen können. Gute Idee!

Die oben angeführten Gedanken schwirrten neulich ziemlich wild in meinem Gehirn rum, weil mir im digitalen Posteingang zwischen den ganzen unpersönlichen 0815-Standard-Anfragen eine sympathisch formulierte und persönlich ansprechende Mail aus dem Hause Fleet Union besonders ins Auge stach, zudem kann man mich mit Referenzen á la Poison The Well, Brand New und Fear Before The March of Flames echt mal ködern. Kleine Interessensbekundung meinerseits und eine email-Konversation später trudelte auch schon ein paar Tage danach die LP per Post ein. Wow. Das surreale Fatamorgana-Albumartwork selbst gefällt mir jetzt nicht so, dafür kann mich aber der musikalische Inhalt voll und ganz überzeugen.

Die Band The Tourist hatte in ihrer Bestehenszeit einige Schwierigkeiten zu meistern, diverse Besetzungswechsel machten den Jungs besonders Ärger, so ist auf jeder bisherigen Veröffentlichung eine andere Besetzung zu hören. Glaubt man den Ausführungen des Labels, dann ist diese schwere Phase aber längst vergessen. Mit Gaston, Bob und Jonas sind nun drei Leute in der Band, die es verdammt ernst mit dem meinen, was sie machen. Und das kann man hören. Im Vergleich zu We Live, We Doubt, We Scream, We Shout fällt Love Will Find You fast schon poppig aus, aber diese poppige Emocore-Kante steht The Tourist ganz gut zu Gesicht, die von der Band gewohnten Hardcore-Tunes scheinen ja auch immer noch durch. Beim Opener A Toast To Go  bricht z.B. erstmal ein kleiner Wüstensandsturm mit fetten Moshparts über den Hörer herein. Hier wird mit vertrackten Breaks und gescreamten Vocals gestartet, bevor es in einen leisen, melodischen Part mit Cleangesang und pumpendem Bass übergeht und man sich fast schon unbemerkt im nächsten Stück (Patience)  wiederfindet. Und spätestens beim vierten Stück (Into Sleep)  bin ich ganz schön verblüfft, denn hier weicht das Trio erstmals vom bisher bekannten Pfad ab und zeigt eindrucksvoll, dass auch mit leisen Tönen umgegangen werden kann. Fast schon hymnenhaft erinnert das Stück an die ruhigeren Momente auf der The Shape Of Punk To Come-Scheibe von Refused, auch höre ich ein wenig Sunny Day Real Estate raus. Im Verlauf der Platte findet man neben vielen wütenden Ausbrüchen etliche leisere Töne, experimentelles Zeug sorgt ebenso für reichlich Abwechslung, wie die von Zeit zu Zeit auftauchenden und verspielten midwest-emo-Gitarren. Auch in den Texten wird ein roter Faden verfolgt. Irrungen und Wirrungen, Liebe und Hass, richtig oder falsch. Im Verlauf des Albums wird sich zeigen, ob die Liebe Dich letztendlich finden wird.

Mit einer Spielzeit von fast 47 Minuten und insgesamt 12 Stücken wirkt die Platte auf den ersten Blick ein wenig überladen, trotzdem verliert man sich in den Stücken und wird sogar teilweise hypnotisiert, wie z.B. bei To Give And To Keep. Das Album strahlt auf ganzer Linie deutliche Selbstsicherheit aus, einzig das Stück Heaven  nervte mich persönlich anfangs ein wenig aufgrund des Billy Talent-mäßigen Chors, aber nach ein paar Hördurchläufen gewöhnt man sich dann doch daran. Diese Platte hätte um die Jahrtausendwende herum einen regelrechten Begeisterungssturm ausgelöst, als Bands wie Thrice, Boy Sets Fire, Poison The Well, Thursday oder Recover die Szene aufmischten. Stellt euch vor, dass die eben genannten Bands zusätzlich noch Elemente verarbeiten, die man von Kapellen wie z.B. Blackmail, Favez, Knapsack oder Texas Is The Reason her kennt, dann habt ihr eine ungefähre Vorstellung, wie dieses sagenhafte Album klingen mag. Love Will Find You  ist einfach eine schöne Emo-Platte, die man sich nicht durch die Lappen gehen lassen sollte. Ach ja, das Album erscheint ausschließlich auf limitierter Vinyl-LP inklusive Downloadcode, ein Digital-Download ist aber ebenfalls verfügbar.

8,5/10

Facebook / Bandcamp / Stream / Fleet Union



Somewhere Underwater – “Selftitled” 7inch (AdP Records)

Dieses leckere Scheibchen hier erscheint im Rahmen des Record Store Day, welcher wohl auch schon bald wieder ansteht. Naja, Record Store Day hin oder her: Somewhere Underwater machen absolut bezaubernden Dreampop/Shoegaze-Indie mit ein paar New Wave- und Synth-Pop-Einflüssen, zudem erinnert der warme Sound ein wenig an Emobands wie z.B. The Juliana Theory, The Gloria Record, Jejune oder Sunny Day Real Estate zur The Rising Tide-Phase. Für das Label AdP Records ist die 7inch die erste Veröffentlichung auf Vinyl. Rein optisch weiß das auf dicken Karton gedruckte Coverartwork zu gefallen, ein wenig schade finde ich, dass kein Textblatt beiliegt, dafür gibt es einen Downloadcode, der neben den zwei auf weißem Vinyl gepressten Songs noch ein weiteres Stück als Bonus beeinhaltet.

Das Presseinfo verrät, dass es sich bei der ziemlichen neuen Formation Somewhere Underwater eigentlich um eine Art One-Man-Band handelt. Der aus der Umgebung von Bordeaux stammende Julian Agot lebt mittlerweile in München (was ein Kulturschock, hehe) und ist neben dem Songwriting auch für den Gesang und die Gitarre zuständig, live und im Studio wird der Franzose aber durch Gastmusiker begleitet. Vor Somewhere Underwater spielte Julian Agot in Frankreich in einigen Rockbands Schlagzeug, zudem bewegte er sich mit seinem Projekt Drownsoda bereits auf Solopfaden.

Nun, legt man die weiße Scheiblette auf den Plattenspieler, bemerkt man ziemlich bald, dass man mit 33 1/3 rpm die falsche Geschwindigkeit erwischt hat, mit 45rpm hört sich das Ganze doch gleich viel angenehmer an. Gerade die A-Seite hat es mir angetan, zu dem Ohrwurm Spring Kills My Energy  gibt es auch ein tolles Skatevideo, siehe weiter unten. Die flächigen , manchmal delay-artigen Gitarren und der warme Gesang Julian Agots sind einfach spitze. Auf der B-Seite folgt dann mit Disparaître ein französischsprachiges Stück, das mit den Keyboardsounds anfangs ein wenig schnulzig nach 80′s Synthpop klingt, aber spätestens beim Refrain wird es wieder besser. Der Download-Bonussong ist dann wieder in Englisch und verzückt mit diesen typisch wabernden Shoegazer-Gitarren, darüber spielt die zweite Gitarre eine tolle Melodie. Hätte ich entscheiden können, welchen Song ich für die B-Seite hätte nehmen können, dann hätte ich mich für Weight Of Life  anstelle von Disparaître genommen.

7/10

Facebook / Soundcloud




Zaga Zaga – “2 Songs Demo + 4 Songs EP = Zaga Zaga 7 inch” (lifeisafunnything)

Vergleicht man den Sound der Band aus Tel Aviv/Israel mit den bisherigen Releases des Labels, fällt einem sofort auf, dass Zaga Zaga zwar bereits die zweite Band aus Israel, aber bis dato die zappeligste Band auf lifeisafunnything ist. Die Jungs selbst bezeichnen ihren Sound grob als Post-Hardcore, jedoch könnte man durch diese Umschreibung etwas in die Irre geführt werden. Die Presseinfo bringt es da schon besser auf den Punkt, ich zitiere: “…und ich kann mich nicht entscheiden, ob das bissl danach klingt, dass Black Flag Songs von NoMeansNo interpretieren oder doch so, als ob NoMeansNo alte Black Flag Songs sich zu eigen machen…”. Das ist absolut schön und zutreffend beschrieben so, finde ich. Zumindest gehen die fünf eigenen Songs und das Charles Bronson-Cover schon grob in Richtung Hardcore, allerdings packen die vier Jungs die Sache mit einer ordentlichen Portion Noise an, zudem ist das Ganze wie gesagt sehr frickelig, hektisch, knüppelig und chaotisch, meistens wird enorm auf’s Gaspedal gedrückt, so dass nur bei einem einzigen Stück die zwei-Minuten-Song-Marke überschritten wird. Aber trotzdem passiert in einem Song ungemein viel: zahlreiche Songfragmente, unterschiedliche Geschwindigkeiten, dazu geile melodische Midtempo-Parts wie bei (I Just Called To Say) I Hate Your Band  und vier verschiedene Sänger, die abwechselnd ins Mikro schreien oder kreischen. Live stelle ich mir Zaga Zaga ziemlich durchgeknallt vor, das geht bestimmt ordentlich ab da. Von der Energie her könnte das in die Richtung von kleinen Kindern gehen, die nach dem Verzehr von etlichen randgefüllten Gläsern mit koffeinhaltiger Kapitalistenbrause furchtbar am Rad drehen. Ende März bis Mitte April tourt die Band übrigens (mit der mexikanischen Band Joliette) durch Europa, vielleicht hat ja irgendwer die Gelegenheit, sich das anzuschauen. Da muss man nach dem Hörgenuss wahrscheinlich direkt zum Chiropraktiker, um sich die Halswirbel wieder einrenken zu lassen. Also nichts wie hin, der gelbe Schein für ‘ne ganze Arbeitswoche dürfte da schon drin sein.

Die Mucke kurz beschrieben: ein wenig Spazz da, ein bisschen Do Androids Dream of Electric Sheep?, The Locust und Das Oath dort, dann wieder so Passagen, die man auch auf den allerersten Boy Sets Fire-Demos hätte finden können, nicht zu vergessen die oben erwähnten Black Flag und NoMeansNo. Letztere konnte man Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger gefühlt fast jedes halbe Jahr in Deutschland sehen und ich war jedes Mal begeistert, obwohl mich die Platten zuhause in der Anlage nie so richtig vom Hocker gerissen haben im Vergleich zu den live-Shows. Bei Zaga Zaga ist das sicher auch so, dass mich der Sound live mehr beeindrucken kann, als auf Konserve. Gerade deshalb würde ich Zaga Zaga echt mal gerne live sehen (alle Stuttgarter können ja am 04.04. nach Esslingen ins  Komma).  Es gibt Tage, da kann ich mir so ‘nen Sound schon zum Frühstück reinziehen wie eine nikotinsüchtige Person eine zittrig gedrehte Zigarette. Nach einer Zigarettenlänge ist man dann aber schon wieder befriedigt, könnte ich mir als Nichtraucher mal so vorstellen. Die Spielzeit von insgesamt knapp siebeneinhalb Minuten find ich bei diesem Musikstil sehr angenehm. Kurz, knackig, auf den Punkt.

Auch wenn die 7inch rein äußerlich eher unscheinbar wirkt,  finde ich das Artwork insgesamt trotzdem sehr stylisch, zudem wird durch diesen neutralen Look eine gewisse Geheimniskrämerei betrieben. Gut finde ich auch, dass sich Marcus mit den Labelveröffentlichungen keinen Kopf macht und einfach das rauspfeffert, was ihm persönlich zusagt. Neben lifeisafunnything sind an dem Release noch die israelischen Labels KusKus Records und Shalosh Kult beteiligt. Und nun gilt: Zappeln was das Zeug hält.

7/10

Facebook / Bandcamp / lifeisafunnything


We Had A Deal – “Counting Leaves” (Fear Of Heights/Through Love Records)

Die aus dem Stuttgarter Großraum stammende Band We Had A Deal verfolge ich nun schon seit ein paar Jahren aufmerksam, die erste EP klang vom Sound her zwar noch ein wenig krachig und noch nicht so ausgereift, aber spätestens seit Erscheinen des Debutalbums gehörte das der Vergangenheit an.  Und seit der Three Songs-EP hat sich We Had A Deal sowieso in mein Herz gespielt, danach veröffentlichte die Band mit dem sagenhaften Dialectics  ein Konzept-Album der Extraklasse (das ich dummerweise nur in der Tapeversion besitze, waaaaahhhrrghhh) und die hervorragende Split 7inch mit Coma Regalia. Entsprechend gespannt war ich also, als ich über die Facebook-Seite der Band von neuen Aktivitäten erfuhr. Schon bei den bisherigen Veröffentlichungen gefiel mir der starke DIY-Ethos, der von der Band und den Releases ausging, darüber hinaus zählen für mich We Had A Deal spätestens seit dem Album Dialectics  neben The Tidal Sleep zur absoluten Speerspitze in Sachen Screamo/HC/Post-HC aus Deutschland.

Bereits vor zwei Wochen präsentierte der liebe Alex von MissTheStars die Counting Leaves-EP exklusiv im Stream, via Bandcamp könnt ihr das Ding seit einigen Tagen auch digital erwerben. Da das physische Release aufgrund von Verzögerungen in der Siebdruckwerkstatt noch etwas auf sich warten lässt, erfolgt dieses Review hier lediglich anhand der Download-Version, die uns freundlicherweise durch Fear Of Heights übermittelt wurde. Rein nach den Fotos auf der Facebook-Seite der Band zu urteilen, wird die EP in Vinylform fantastisch anzusehen sein. Die Platte kommt laut Presseinfo in zweifarbiger Siebdruck-Hülle, einseitig gepresst und mit einem wundervollen Artwork besiebdruckter Vinyl-B-Seite, natürlich ist ein massives Booklet mit drin. Wenn da dem detailverliebten DIY-Vinylfetischisten nicht buchstäblich das Wasser im Mund zusammenläuft, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Vermutlich würde das Review hier um einiges länger ausfallen, wenn mir die physische Version vorliegen würde. In Deutschland wird die Platte über Fear Of Heights und Through Love Records erhältlich sein, mit diesen Labels sind weltweit insgesamt ganze zwölf Labels an dem Release beteiligt: Skin & Bones Records (GBR), Boslevan Records (GBR), Middle-Man Records (USA), Unlock Yourself Records (RUS), Aorte (UKR), Upwind productions & zine. (ITA), Shove (ITA), Lafine (ITA), Désertion (FRA), Pure Heart Records (CZR). Geile Sache.

Counting Leaves  ist übrigens die zweite Station einer konzeptuellen EP-Trilogie, die letztes Jahr mit  der  Split 7inch mit der US-Screamo-Band Coma Regalia ihren Anfang genommen hat. Insgesamt sind auf der EP sieben Stücke drauf, die Spielzeit beträgt knapp 20 Minuten. Bei Konzeptalben achte ich zuerst immer besonders skeptisch auf die Texte, aber wie zu erwarten war, ist auch bei dieser EP alles im positiven Bereich. Vornehmlich wird die Entwurzelung des Menschen in der modernen Welt behandelt. Was ich klasse an den Texten finde: hier wird nicht nur alles negativ dargestellt. Augenzwinkernder “positiver Pessimismus” (das in Anführungszeichen hab ich aus dem Presseinfo geklaut) schwingt zwischen den Zeilen mit.

Der Sound wühlt gleich beim ersten Durchlauf richtig auf, man kann die Liebe und das Herzblut der Band förmlich in jedem Ton spüren, der einem ans Ohr kommt.  Ich stelle mir ja anhand der Musik einer Band gerne den Ablauf einer Bandprobe vor. Während bei anderen Bands der Songablauf fast totgeredet wird und man das am Ergebnis auch irgendwie heraushören kann, weil einfach die Wärme flöten gegangen ist, sind solche Diskussionen bei We Had A Deal sicher nicht notwendig. Das denk ich einfach mal so, weil es mir so vorkommt, als ob die Band hundertprozentig aufeinander abgestimmt ist und genau spürt, wie das Resultat klingen sollte. Und weil sie eben mit Haut und Haaren bei der Sache sind, spürt man das halt auch als Hörer. Ohne Frage, an den  Songarrangements wurde sicherlich viel gefeilt und gehobelt, aber die Grundstimmung der sieben Stücke zeigt mir vor meinem inneren Auge vier Typen, die nach einer Bandprobe mit strahlenden und zufrieden grinsenden Gesichtern aus dem Proberaum herauskommen. Ich versetze mich mal in die einzelnen Bandmitglieder rein:  wenn ich als Gitarrist neben absolut geilen, flächigen delay-Gitarren auch noch melodische und crustige Parts einsprengseln könnte, dann wär das ja ohnehin schon mal genial. Umso besser, wenn ich dazu auch noch fette Moshparts abliefern könnte (z.B. bei I don’t Keep A Diary,  bei welchem die Anfangstöne verdammt an Dag Nasty erinnern) und die Gitarren an manchen Stellen so klingen wie auf dem A Shape Of Punk To Come-Album von Refused. Als Bassist würde mir der verträumte Part bei Reprise  ein fettes Grinsen in die Fresse zaubern, weil man da auch endlich mal den Bass richtig gut raushören kann. Wenn ich Schlagzeug spielen könnte, dann würd ich auf das facettenreiche Drumming bei Let’s Hope Galileo Was A Goddamn Liar  ziemlich stolz sein, der Rest würde ohne mein Zutun auch nicht so druckvoll klingen. Als Sänger hat man natürlich einen enorm wichtigen Posten, daher  wäre ich über die derb geschrienen Vocals genauso zufrieden, wie über die genial gesungenen Lyrics bei Reprise.  Und der mehrstimmige Gangshout bei The Secret Society Of Concrete Shoes  jagt einem dann endgültig nochmal eine fette Gänsehaut über den Rücken. Alles zusammengeschmissen ergibt ein intensives und vor allem emotionsgeladenes Stück Musik, an dem ich mich nicht so schnell satt hören werde. Das Ding läuft bei mir seit Tagen ohne Abnutzungserscheinungen und nach jedem Hördurchlauf fühlt man sich beim erneuten Klick auf Repeat wieder genauso frisch, als ob man auf dem nächtlichen Nachhauseweg von Außerirdischen gekidnappt wurde und nach einigen Untersuchungen im Raumschiff einfach im Bett abgelegt wurde und sich am nächsten Tag an rein gar nichts mehr erinnern kann. We Had A Deal mischen die europäische  Post-Hardcore/Screamo-Szene mit dieser EP erneut ordentlich auf. Ich zück jetzt einfach mal den Zehner, auch wenn ich die Vinylversion in echt noch nicht gesehen habe.

10/10

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Sabotage Records-Special: Ritual Control, Suicidas, Systematik

Ritual Control – “Inoculation” 7inch (Sabotagerecords)
Schon die göttliche schwarz-weiss Siebdruck-Optik der 7inch, welche von einem stabilen und dicken Karton herab ins Auge springt, lässt keinen Zweifel zu: Ritual Control sind tief im düsteren Hardcore verwurzelt. Legt man dann das klitzekleine Scheibchen auf den Plattenspieler, dann vergewissert man sich lieber nochmal kurz, ob man tatsächlich die richtige Abspielgeschwindigkeit (45 rpm) erwischt hat. Denn der Sound wabert mächtig, dreckig, schnell und extrem angepisst aus den Boxen. Die Sängerin setzt dem Ganzen Outburst mit ihrem Gekeife natürlich noch ‘ne ordentliche Portion Wut oben drauf. Rohe Energie trifft auf rasiermesserscharfe Gitarren, rasend schnelle Abgehparts wechseln sich mit crustigen Soundattacken, dabei knarzt der Bass unendlich dreckig aus den Lautsprechern, ein enormes Massaker. Die vier Songs sind richtig fett abgemischt, ein kleiner Blick auf’s Backcover offenbart, dass für’s Mastering mal wieder Tausendsassa Jack Shirley (Atomic Garden) verantwortlich ist. Gut abgeliefert. Ritual Control setzt sich übrigens aus Mitgliedern der Bands No Statik, Condition und Effluxus zusammen, falls das jemandem von euch etwas sagen sollte.  Wer weitere Bandvergleiche braucht: Infest, Punch, The Pricks, Replica, Infect. Bisher hatte ich die Band aus den Staaten noch nicht auf dem Schirm, aber dank dem Bremener DIY-Label Sabotage Records werden hierzulande Freunde von gut gemachtem und schnellen HC-Punk mit der 7inch ihre wahre Freude haben. 8/10
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Suicidas – “Los Primeros 7inches” (Sabotage records)
Woooaaahhh, warum klatsch ich bei einem Song wie Hoy No  wie ein Irrer in die Hände? Verdammt, ich bin nicht mal auf ‘nem Konzert und wenn jetzt jemand den Raum betreten und mich vor’m Plattenspieler so abgehen sehen würde, dann müsste ich fast vor Scham im Boden versinken…Nun ja, der rohe, aber dennoch melodische Punk des Trios aus Barcelona,Wien und Chile hat mich nach mehreren Durchläufen fest im Griff. Zum einen sind da die hymnischen Refrains, zum anderen verzücken mich die göttlichen Gitarren und wenn dann noch der Bass im Hintergrund fröhlich vor sich hingaloppiert, dann fehlt nur noch die Stimme von Sängerin Caro, die dem Ganzen den letzten Schliff gibt. Was auch für reichlich Abwechslung sorgt: der geniale Frauengesang wird ab und an durch die abgefuckte Punkerschnauze von Bassist Tete unterstützt, zudem wird in Spanisch gesungen. Songs wie das bereits erwähnte Hoy No  oder das geniale La Amistad Ya No Es De Nadie  (hört mal auf die Gitarren am Anfang) laufen mir wirklich voll gut rein, trotzdem muss ich für die Musik der Spanier in der richtigen Stimmung sein. Soll heißen, dass mich die Mucke des Trios bestimmt live bei ein paar verschütteten Bieren mehr begeistern kann als auf LP. Auf der LP sind übrigens die ersten beiden 7inches der Spanier drauf, aber das sagt ja eigentlich schon der Titel, den man sicher auch versteht, wenn man kein Spanisch kann. Schade nur, dass sich mir die auf dem schicken Textblatt aufgedruckten spanischen Texte aufgrund meiner fehlenden Spanisch-Kenntnisse nicht erschließen, eine englische Übersetzung wäre natürlich super gewesen. Naja, ich vermute mal, dass sich die Texte mit irgendwelchen düsteren Begebenheiten befassen (Bandname, Totenköpfe, Särge, Kreuze lassen auf sowas schließen).  Die selbstbetitelte 7inch aus dem Jahr 2012 gibt es auf der A-Seite, auf der B-Seite ist dann die No Nos Mata La Muerte EP aus 2013 gepresst. 7,5/10
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Systematik – “Bondage” (Sabotage records)
Was für ein Brett! Platte drauf, 45rpm gedrückt, Lautstärkeregler fast gen Maximum, am Equalizer ein bisschen die Höhen raus und fett Bass rein: da kommste Dir dann vor, wie der mumifizierte Typ auf dem Cover mit der ekligen Spinne auf der Rübe. Hättste lieber mal öfters Staub gewischt und den vielen Spinnweben in Deiner Wohnung den Kampf angesagt, hehe. Aber Spaß beiseite, aus verlässlichen Quellen weiß ich, dass Punks heutzutage ihre Eigentumswohnungen wöchentlich mindestens ein Mal reinigen, besondere Pflege erhalten Holzböden und teure Perserteppiche. Wenn Du also zu dieser Sorte Punks gehörst, Deine mit Killernieten besetzte Lederjacke immer schön aufgeräumt an der Garderobe hängt und Deine täglich gewechselten Socken selbstverständlich nicht auf dem Boden verstreut herumliegen, sondern pärchenweise zusammengezogen sorgfältig im Wäschekorb landen, dann stell Dir folgendes Szenario vor: Du fummelst diese Platte aus der stylischen Plattenhülle raus, friemelst sie auf Deinen Plattenspieler, drückst die 45 rpm-Taste, schnappst Dir das Textblatt…und schmeißt es direkt nach dem geilen Bassintro auf den Boden, weil Dir einfach die Sicherungen durchbrennen. Und spätestens wenn der hasserfüllte Gesang einsetzt, drehst Du noch ‘nen Ticken lauter, rennst ins Bad, holst ‘ne frisch gekaufte Zahnpasta-Tube, schmeißt sie auf den Boden und springst vom Wohnzimmertisch volle Kanne drauf. So wie der Schwall da aus der Tube rausspritzt, so ist auch der Sound der Kanadier. Crustiger D-Beat mit hohem Hardcore-Anteil und jeder Menge Punk. Ich steh drauf, das Ding läuft bei mir seit ein paar Tagen fast täglich. What Happens Next knöpfen sich die Cro Mags und Discharge vor, dabei trifft skandinavischer D-Beat auf Zeugs, das man von Labels wie z.B. Profane Existence gewohnt ist. Wahnsinnsplatte! Roh, räudig und ranzig, so muss HC/Punk klingen. Making Punk A Threat Again! Sind übrigens Ende März/Anfang April in Deutschland unterwegs. 8,5/10
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