Steve From England – “Departed” (DIY)

Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal von der Band Steve From England hörte, hatte ich irgendwie ein Bild von einem rothaarigen, grobschlächtigen Engländer mit extrem abstehenden Ohren, schiefen Zähnen und dickem, sonnenverbranntem Bierbauch vor mir. Zu allem Übel stellte ich mir vor, dass dieser Typ frittierte Süßigkeiten mit Ketchup und Majo zu seiner Leibspeise zählen und seine in ranzigem Fett gebratenen englischen BSE-Glibber-Gummibärchen sicher gern mit dem ein oder anderen schalen Ale runterspülen würde. Dass man davon schlechte Zähne bekommt und ein bisschen matschig in der Birne wird, versteht sich ja von selbst, die schlechte Laune ist dann eh schon vorprogrammiert. Jaja, die Engländer, das Inselvolk, dessen Entwicklung von jahrhundertlanger Inzest und hohlem Hooliganismus geprägt ist, hihi.  Aber kommen wir zur Band Steve From England, die eigentlich ja gar nicht aus England kommt, sondern aus Hannover, zudem scheinen die Bandmitglieder weder verwandt noch verschwägert zu sein. Keine Ahnung also, was es mit dem Bandnamen auf sich hat, hoffe, ich bin in kein Fettnäpfchen getreten, hehe.

Jedenfalls war ich bereits damals vom Stil der Band überrascht, der Bandname führte mich wirklich total in die Irre. Vermutete ich anfangs irgendwelchen schrecklichen Schottenrock, reckte ich meine Fäuste zum absolut geilen melodischen Hardcore, den man auf dem Debut-Album Serenity Is Just A Relic  und auf der Rooney! EP  auf die Ohren bekam. Anscheinend ging es nicht nur mir so, laut Presseinfo wurden die Jungs damals wohl im Metal-Hammer-Magazin zu den “Helden von morgen” erklärt.  Solche Infos würden an mir echt vorbeigehen, danke für den Hinweis. Nun, Seelenstreicheleinheiten tun natürlich auch Bands ganz gut und trotz des ganzen Herzbluts, das in viele Bands gesteckt wird, kann das ein oder andere Ereignis ja bekanntlich zur Auflösung einer Band führen, wenn dann auch noch Besetzungswechsel ins Haus stehen.

Obwohl die Hannoveraner Jungs zwischen dem Debutalbum und der EP bereits einen Gitarristenwechsel hinter sich hatten, entschlossen sie sich, nach dem Horrorszenario des Ausstiegs von Sänger Dorian mit einem neuen Sänger ein weiteres Album zu wagen. Im sechsten Bandjahr ist also mit Matze ein neues Mitglied an Bord und seine Stimmbänder vibrieren so derbe gut, als ob er von Anfang an dabei gewesen wäre. Witzig dabei ist es, dass Matze eine ähnliche Stimme wie sein Vorgänger hat. Zu dem Sound passt so ein heiseres und intensives Geschrei auch am Besten, das transportiert Emotionen, das berührt mich. Die Gitarren spielen diese melodischen Soundteppiche, in die ich mich reinlegen könnte. Und immer wieder zockt die eine Gitarre noch ‘ne geilere Melodie über die andere drüber und ich trommle im Schlagzeugrhythmus auf meiner Brust herum. Bei Neverfailing Hope  hört man dann extrem gut den Bass raus, ich feier den Song ab. Ich versuch jetzt mal was: ältere Grade treffen auf frühe As Friends Rust und Stretch Arm Strong und dieser Mischmasch wird zuerst von Section 8 und danach von Just Went Black gecovert.  Boah, was für ein Hirnfick!

Steve From England verstehen sich als DIY-Band, daher kam es auch nie zu einer Zusammenarbeit mit irgendwelchen Plattenlabels. Alle Releases können kostenlos digital heruntergeladen werden, wer dennoch eine schön gestaltete Digipack-CD haben möchte, kann sie direkt bei der Band bestellen. Schade finde ich jedoch, dass der CD keine Texte beiliegen. Was aber gefällt: die CD mit der für Bands aus dem HC-Sektor ungewöhnlichen Covergestaltung ist sehr stylisch aufgemacht. Obwohl das ja auch schon wieder andere musikalische Inhalte vermuten lässt, bekommt man zehn tolle Melodic-HC-Songs in knapp 30 Minuten geboten. Im Vergleich zu den bisherigen Veröffentlichungen gesellt sich auf dem neuen Album zum klassischen Melodic-HC auch noch eine schöne Post-Hardcore-Kante dazu. Geile Scheibe.

8/10

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EP-Vierer: Moral Straightjacket, Orphan, Phobos & Static is a City

Moral Straightjacket – “Into the Light” (DIY)
Das Duo aus Irvine/Kalifornien ist der Inbegriff einer kleinen Liebhaber-Band und der Inbegriff einer kleinen Hobby-Band. John und Lucas sind zwar sehr produktiv und so ist “Into the Light” schon ihr 5. Output innerhalb von zwei Jahren. Doch alle Veröffentlichungen sind EPs, die zudem nur online erscheinen. Inhaltlich ist die Band äußerst tief, mit politischen, religiösen und geschichtlichen Inhalten, aber auch mit zunehmend stärkerem persönlichen Bezug. Die Musik, die ist ähnlich wie zuvor. Die Band spielt einen Mix aus Indie-Rock und verschrobenen Emo/Postcore (Daniel Striped Tiger, Moss Icon) und erzeugt dabei eine einmalige, teils melancholische, teils kryptische Atmosphäre. Wie selten zuvor sprüht das Duo vor coolen Einfällen und purer Spielfreude. Nach der, meiner Meinung nach, nicht ganz so starken “s/t”-EP von Ende 2013, ist “Into the Light” wieder eine klare Steigerung – sowohl vom Sound, als auch vom Songwriting her. Wer die Band eh schon liebt, wird auch den neuen Stoff mögen. Wer nicht, sollte Moral Straightjacket antesen! Ach ja, die aktuelle EP wurd vor kurzem übrigens wieder von Bandcamp genommen… warum auch immer! Dafür gibt’s die 4 EPs davor allesamt zum “Name Your Price Download”. 8/10
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Orphan – “Grow. Shine. Wither. Die.” (DIY)
Wer sich in der österreichischen Indie-Szene ein bisschen auskennt, der weiß, dass in Linz viele interessante Bands gedeihen. Orphan sind eine davon. Ihre Debüt-EP kam Ende Mai raus und ich kann nur eins sagen: Wer etwas für chaotischen, noisigen Hardcore übrig hat, sollte hier unbedingt mal reinhören. Als Vorbilder dienen wohl Klassiker der Marke Converge, Botch und Coalesce. Die 6 Songs behalten trotz allem Noise stets einen gewissen Punk-Charakter, gehen direkt nach vorne und werden nie länger als 3 Minuten. 6/10
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Phobos – “Bad Seed” (DIY)
Schon wieder Linz? Ja, auch Phobos kommen aus der oberösterreichischen Landeshauptstadt. Mein erster Eindruck, nachdem ich das Plattencover (Melvins anyone?) sah war folgender: “Das ist 90er-Musik, ohne wenn und aber”. Liest man die Bands, die Phobos anscheinend beeinflusst haben (Melvins, Nirvana, Tool, Mudhoney), bestätigt sich dieser Gedanke umso mehr. Und tatsächlich spielen die Linzer einen kriechenden, schleimigen, basslastigen Hardrock-Sound, der auch was vom großen Grunge oder dem alten Postcore/Noise-Sound (Unsane oder Jesus Lizard sind nicht allzu fern) hat. Keine Neuerfindung oder so, aber das Gefühl wurde sehr glaubwürdig und ohne jeglichen Bullshit eingefangen. 6/10
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Static is a City – “s/t” (Ideas)
Hier sind ehemalige Mitglieder von Milemarker und Dahlia Seed am Werk – beides waren 90er-Postcore/Emo-Bands, die eher unter dem Radar liefen… wobei zumindest Milemarker eine gewisse Bekanntheit innerhalb der Szene erlangten. Bei Static is a City hört man diese langjährige Erfahrung übrigens schnell raus, denn das Ganze klingt nicht nur gekonnt, sondern vermittelt auch ein reifes Feeling. Die Songs sind jetzt nicht übertrieben progressiv oder gar hart, doch sie leben auch nicht von platten Hooks oder Power-Chords. Stattdessen ist das Songwriting relativ subtil und detailverliebt, allerdings nicht so, dass man das Gefühl bekommt überfordert zu sein oder Leute zu hören, die eh nur angeben wollen. Ihr wisst schon, das sind diese Songs, die dir schon beim ersten mal irgendwie gefallen, die du dir aber öfter anhören musst um sie vollends zu schnallen. Schöne Verbindung aus Tradition und Moderne jedenfalls und obendrauf noch recht eigenständig. Ich mag’s! 7,5/10 
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A Forest – “Grace” (Analogsoul)

Das eindrucksvolle Video zu The Shepherd  haben wir ja bereits in unserer letzten Videosammlung gepostet, nun ist dieser Tage das Album Grace  bei mir eingetrudelt, welches ab dem 02. Oktober erhältlich sein wird. Das Ding kommt in einer schön gestalteten, aufklappbaren Kartonstecktasche, in der neben der CD auch noch ein ebenfalls schick designtes Booklet Platz hat. Was ein wenig schade ist, sind die fehlenden Songtexte, aber da man den Gesang gut wahrnehmen kann, ist das eigentlich kein Problem.

Dafür wird man von einem Text entschädigt, der anhand einer fiktiven Erzählung  die  Geschichte eines kleinen Jungens namens Flagboy  erzählt. Die Songtitel sind in die surreale Geschichte eingewoben, so dass wir es hier ohne Zweifel mit einer Art Konzeptalbum zu tun haben. Konzeptalben find ich meistens gruselig, aber das hier finde ich wirklich furchtbar spannend. Mit diesem Hintergrundwissen bin ich noch ein bisschen mehr angetan vom genialen Video zu The Shepherd.

Das Trio aus Leipzig und Berlin geht sehr experimentell an die Sache ran, in diesem Album steckt sicher enorm viel Arbeit, etliche Gedanken und jede Menge Herzblut. Die Jungs musizieren seit 2009 zusammen und nach zwei frühen Veröffentlichungen und drei Jahren Funkstille sammelte sich die Band neu und ging bei den Aufnahmen zum Album andere Wege wie bisher. Anfangs war ich etwas skeptisch, weil mich die Haupt-Gesangstimme nicht auf Anhieb ansprach, doch mittlerweile muss ich sagen, dass die neun Songs mit jedem weiteren Durchlauf eine ganz besondere Magie entwickeln, v.a. laut aufgedreht im Kopfhörer funktioniert die Mischung aus Electronica, Singer/Songwriter, Hip-Hop, Soul und Indie enorm gut. Neben Flagboy  und The Shepherd  hat es mir v.a. der Song Surfaces  angetan, der mir in dieser Version um Längen besser gefällt, als in der ursprünglichen Version, von der auch ein Video verfügbar ist. Das hier klingt wie eine reduzierte Mischung aus Ghostpoet, The Notwist, Joy Divison, Nitzer Ebb und The Whitest Boy Alive, wobei der Schwerpunkt eher im elektronischen Bereich zu finden ist. Soll heißen, hier gibts analoge Synthesizer, smoothy Schlagzeug-Grooves, eine dunkle und eine etwas hellere Männerstimme und massig viel Klangerlebnisse zu hören.

Was ich an A Forest sehr sympathisch finde, ist dieser DIY-Gedanke, der mir an allen Ecken und Enden entgegen springt. Ich bin mir eigentlich fast sicher, dass die Jungs eine Punk/Indie-Vergangenheit haben. Besucht doch mal die Plattform des Musik/Künstler-Kollektivs und stöbert dort ein wenig, lest das Manifest, die Idee hinter der ganzen Sache. Sät Samen, erntet einen Wald.  Da wird mir ganz warm ums Herz, da berührt mich diese eigenartige Musik noch mehr.

Ich weiß, dass die meisten unserer Leser wahrscheinlich gelangweilt gähnen werden, weil hier keine verzerrten Gitarren mit derbem Geschrei drauf sind, aber vielleicht gibt’s den ein oder anderen openminded und melancholischen Emo-Jünger, der mit den traurigen und geheimnisvollen Soundscapes im Ohr in die unbekannte Welt von Flagboy eintauchen möchte.  Ich für meinen Teil bin jedenfalls seit neuestem auf der Suche nach Bandsalat-Nestern im Wald.

7,5/10

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Pup – Mabu

Könnt ihr euch noch an die Abwrackprämie erinnern, die aufgrund der Wirtschaftskrise 2008/2009 eingeführt wurde, um den drohenden Kollaps zu verhindern? Angeblich warten fünf Jahre nach dieser Sache immer noch tausende Antragsteller auf die Auszahlung ihrer Abwrackprämie. Doof auch, hätten sie lieber mit ihren alten Schrottkübeln ähnliche Dinge angestellt, wie die Jungs der Punk-Band PUP aus Toronto, das hätte sicherlich mehr Freude gemacht.

 

“mEMOries” Part 7, von und mit Boys’ Club

Mit unserem neuen Langzeit-Projekt “mEMOries” möchten wir nicht nur einem unserer Lieblings-Genres huldigen, nicht nur die Moderne mit der Tradition verknüpfen, nicht nur neue Bands empfehlen… nein, wir möchten diese auch direkt zu Wort kommen lassen! In “mEMOries” schreiben neue Emo-Bands, die uns irgendwie ans Herz gewachsen sind, frei Schnauze über ihre persönliche Lieblings-Emo-Platte. Wenn alles nach Plan läuft, haben wir in den nächsten Monaten um die 20 “mEMOries”-Teile zusammen, welche wir dann in irgendeiner Form gebündelt und am besten “handfest” veröffentlichen wollen – also quasi ein übergroßes Booklet mit Sampler, auf dem alle beteiligten Bands mit je einem Song vertreten sein würden. Wir freuen uns schon jetzt wahnsinnig auf die nächsten Teile und machen weiter mit dem Beitrag von Zac Houston (Boys’ Club).

ENGLISH: With our new longtime-project “mEMOries” we want to give credit to one of our favourite musical styles, we want to connect the new with the old, we want to recommend new bands and of course we want them to be an active part of it. The idea of “mEMOries” is simple: New Emo-Bands talk about their personal favourite Emo-album. If everything pans out the next few months we will have like 20 “mEMOries”-parts – the collected texts will then be released along with a sampler on which every participating band will be featured with one song. We’re already looking forward to the next parts and hope you do the same. Until then enjoy “Part 7″ from Zac Houston of Boys’ Club. Weiterlesen

Videosammlung: A Forest, Astpai, FJØRT, Pascow, Science, Tiny Moving Parts

Der Sommer ist zu Ende, die Sommer-Badevideos sind abgedreht, deshalb gibt es mal wieder eine Sammlung mit ein paar Musikvideos.


Am 02.10.2014 erscheint auf Analogsoul das neue Album von A Forest. Die musikalischen Einflüsse reichen von Electronica bis zu Hip-Hop und Singer-Songwriter. Das Video zu “The Shepherd” entwickelt mit seinem Tape-Monster eine eigentümliche Anziehungskraft. Sommer-Badevideo Nr.1:

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LP-Vierer: Cadaver Em Transe, Ohios, Howling Fantods & Rescuer

Cadaver Em Transe – “Selftitled” (DIY)
Was war das doch auch immer ärgerlich, als man in Teenagerjahren sein sauer verdientes Taschengeld in billige BASF-Kassetten investierte, um von irgendwelchen unzuverlässigen Leuten die tollsten Schallplatten überspielt zu bekommen, die man sich mit dem kargen Taschengeld niemals hätte leisten können. Nur doof, dass diese Typen die Leerkassetten entweder gleich in Bares umsetzten, um sich billigen Klebstoff zu kaufen oder unfähig waren, auch nur den Namen der aufgenommenen Band auf das Tape zu schreiben. Klar, für euch tunatic-verwöhnten Kids von heute wird das irgendwie befremdlich klingen, aber es gab Zeiten, in welchen man nicht genau wusste, zu welchem Sound im Walkman man sich gerade die Eier am Skateboard verbeulte. Was war ich froh, als ich eines Tages eine Adrenalin-OD-Platte kaufte und die Songs eines meiner unbeschrifteten Lieblingstapes erkannte. Warum ich euch das erzähle? Nun, die brasilianische Band Cadaver Em Transe erinnert mich an diese Tape-Zeit von früher, da sie irgendwie vom Sound her genau so klingt, als ob sie von ‘nem unbeschrifteten Tape in eurem 80er-Walkman vor sich hinleiern würde. Stellt euch eine Mischung aus Berurier Noir, Fugazi, Sisters Of Mercy und den Dead Kennedys vor, mischt das mit ein wenig Verbal Assault und neueren Bands wie Arctic Flowers und Infinite Void, haut einen immensen und übersteuerten Bass obendrauf, ergänzt das ganze um ein paar elektronische Spielereien.  Irgendwie hypnotisch, die portugiesischen Texte zeigen ebenfalls Wirkung, wenn meine Knie nicht so kaputt wären, würde ich glatt meinen Walkman aufsetzen und das Skateboard rocken. (Kleiner Nachtrag: Das mit dem Skaten war doch keine so gute Idee, Montag lass ich mich krankschreiben, haha) 7/10
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Ohios – “Faceless” (Famèlic Records)
Manchmal frage ich mich, warum es so lange dauert, bis man so eine geile Band wie Ohios entdeckt. Da surft man stundenlang durch die Bandcamp-Welten, liest etliche Underground-Musik-Blogs, blättert unzählige Fanzines und Mailorderkataloge durch und liest obendrein neben den -Musik-Empfehlungen der Tageszeitung auch schon mal Kiosk-Zeitschriften mit Punkbackground, selbstverständlich bekommt man ganz schön heiße Tipps von Freunden/Freundinnen und darf natürlich die Anfragen der Bands nicht vergessen, wenn man ein Zine oder einen Blog betreibt. Tja, wie ich auf die spanische Band Ohios gestossen bin, kann ich zum heutigen Zeitpunkt leider nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls hatte ich zum Entdeckungszeitpunkt die geniale Idee, die Bandcamp-Seite zu den Lesezeichen im Browser zu legen. Von Zeit zu Zeit räume ich da auch mal auf, und dabei entdeckte ich dann das Album der Spanier, das zwar bereits im Februar erschien, aber welches ihr euch unbedingt anhören solltet, falls ihr euch eine geniale Mischung aus Emo-HC und Grunge vorstellen könnt und euch von sattem Bassgeplänkel und geilen Gitarrenmelodien Honig um die Nase schmieren lassen wollt. Die Gitarren rocken ohne Ende, ich bin hin und weg. 7/10
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Howling Fantods  – “The End of Howling Fantods” (DIY)
Mein schwaches Punkerherz, das bei jeder körperlichen Anstrengung und manchmal auch bei unvorhersehbaren Schreckmomenten ein wenig arhythmetisch vor sich hinpocht, hüpft  bei den Songs der Punkband Howling Fantods  aus Philadelphia trotzdem ganz schön kräftig rum.  Keine Ahnung, solche Bands mag ich einfach. Da setzt der Bass ein, manchmal spielt der auch ein Riff, dass auch von Fugazi sein könnte, das Schlagzeug rumpelt und klingt wie ein sterbender Trabi-Motor, da und dort ‘ne Rückkopplung und die Gitarre hört sich an, als ob sie bald mal gestimmt werden sollte, der Sänger wickelt sich das Mikrokabel um den Hals und schreit am Mikro vorbei ins Publikum, während der besoffene Typ am Bühnenrand verzweifelt versucht, die Setlist zu klauen.  Dag Nasty/Uniform Choice und Reason To Believe treffen auf Algernon Cadwallader. Die lassen ihre nervigen twinkle-Gitarren ausnahmsweise mal im Keller und experimentieren lieber mit Rückkopplungs-Gepiepse und fiesen Punk-Solo-Gitarren, die Guns-N-Roses-Slash den Hut samt angeklebter Lockenperücke vom Kopf blasen würden. Up The Punxxx! 7/10
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Rescuer – “Anxiety Answering” (No Sleep Records)
7777,7 das war heute morgen der Kilometerstand meiner geliebten Ape 50, als ich beim Bäcker die Frühstücksbretzeln abgeholt habe. Na, ihr habt es bestimmt schon geahnt, natürlich waren das sieben Stück an der Zahl.  Hey, was für ein Zufall, das Wort Rescuer besteht auch aus sieben Buchstaben. Hoppla, das Wort Anxiety besteht ebenfalls aus sieben Buchstaben.  Answering sind 8 Buchstaben, die 8 ist auch auf dem Albumcover zu sehen!  Zufall? Ist das die Antwort auf alle Fragen? No Sleep! Aaaargh, das sind ebenfalls sieben Buchstaben! Records (wieder 7!)? Oh Gott. Ich dachte immer, 23 wäre eine magische Zahl. (8+7+8…Gänsehaut…). Ich muss hier raus, ausbrechen…Glücklicherweise sind auf dem aktuellen Release der Band aus Florida (zählt die Buchstaben, aarrgghh) nur zehn Songs drauf, die dauern knapp 30 Minuten.  In 30 Minuten kann man sich schon in was reinsteigern. Mit dem Rescuer-Sound im Ohr dürfte das nicht schwer fallen. Solch eine Mucke hört man am Besten, wenn die Gedanken gerade beim Sackhüpfen sind.  7/10
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Iselia – “ii: Dawn” [lifeisafunnything]

Vor einiger Zeit schrieb ich schon einmal was über das neue Werk der US-Band Iselia, damals war das Album gerade digital in Eigenregie der Band erschienen und hatte bei mir mächtig Eindruck hinterlassen, so dass ich mich entschloss, aus eigenen Stücken ein Review dazu zu verfassen, das ihr übrigens hier nachlesen könnt. Nun,  knapp ein halbes Jahr später, bekomme ich ein liebevoll verpacktes Plattenpaket aus dem Hause lifeisafunnything (<3), aus welchem mir nach der üblichen Plattenbescherungszeremonie die wunderschöne Iselia-LP in die zittrigen Finger gleitet.

Ja, ich weiß, ich hab damals ein bisschen über das Albumcover gelästert, da es im Screamo/Emo-Bereich zu der Zeit immer wieder Plattencover mit doof in der Landschaft rumstehenden Typen zu bestaunen gab, bei Iselia durfte dieser Typ dann ausnahmsweise mal sitzen. Wie so oft, wirken diese Bandcamp-Cover natürlich im kleinen Digitalformat wie prächtige Landschaften, die man mit verkehrt herum gehaltenem Fernglas betrachtet.

Hält man das Cover aber in LP-Format auf dicken Karton gedruckt in den Händen, wird man fast dazu verleitet, sich neben den Typen ans Ufer zu setzen und den Herbsttag in vollen Zügen zu genießen. Das Foto hat irgendwie ‘nen 3D-Effekt und während ich die im Gegensatz zur eher düster wirkenden HDR-Landschaft kanarienvogelgelbe Vinylscheibe auflege und das Intro (World In Discord)  ertönt, kommen die Kinder rein und meinen beim Anblick des Covers, dass sie am Liebsten mal wieder Baden gehen würden. Das ist der Beweis, dass dieses Cover besser funktioniert, als irgendein teuer aufgemachtes Tourismus-Prospekt, zumindest bei Kindern. Aber Baden muss warten, Paps hört erst noch ein wenig Musik. Ach, und bevor ich’s vergesse: neben gelbem Vinyl gibt es wohl auch noch blaue Exemplare.

Nachdem mir die Songs von Iselia in den letzten Monaten immer mehr ans Herz gewachsen sind, freue ich mich natürlich umso mehr, dass ich sie nun in Form dieser tollen LP in meiner Sammlung stehen habe. Es ist so viel besser, ein Textblatt in den Händen zu halten und jede Zeile mitzulesen, und ja, die Songs klingen auf Vinyl noch intensiver, ich kann mich noch tiefer in die Musik reinversetzen, als ich es bisher getan habe, gerade die Gitarren hauen mich regelrecht vom Hocker.

Mit der Detailgenauigkeit eines Soziogramms des bemerkenswerten Künstlers Mark Lombardi bohren sich die einzigartigen Songarrangements in meine empfindlichen Ohren, ich höre bei den leisen Passagen Bands wie z.B. Dredg oder Elliott zur False Cathedrals-Phase, bei den lauteren Passagen kommen mir Bands wie Envy, Pianos Become The Teeth oder Rainmaker in den Sinn. Das hier ist die dritte geile Vinylveröffentlichung von lifeisafunnything in Folge, das Label ist daher auf gutem Wege, was Sympathie und Bandwahl anbelangt und zählt eigentlich schon jetzt zu meinen einheimischen Lieblingslabels der letzten Jahre.

8,5/10

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Renounced – “The Melancholy we ache” (Carry the Weight)

Renounced. Das sind ex-Abolition-Leute. Abolition waren eine nicht allzu langlebige Metalcore-Band aus London, die mit ihrem rauhen 90er-Metalcore im Stile von Morning Again oder Integrity voll in mein Herz trafen. Nicht ganz so begeistert war ich dann von der Renounced-Demo vom letzten Jahr, die moderner und fetter klang und so nicht nahtlos an den Abolition-Kram anschloss…

“The Melancholy we ache”, das Debütalbum von Renounced, kickt mich hingegen heftig. Ob das daran liegt, dass dieser Sound auf Albumlänge mehr Wirkung erzielt? Ja und Nein. Ja, weil die Londoner natürlich mehr Zeit haben und in dieser Zeit mehr Trümpfe ausspielen können. Nein, weil die Songs hier einfach besser sind. Es wird einem hier nix vorgemacht, nix vorgelogen, von wegen “neuer, eigener Sound” oder “Zigaretten und Videospiele beeinflussen unseren Sound”. Nein! Never. Niemals! Das hier ist reines Spät-90er-Metalcore-Worshipping und es wird auch so verkauft. Die Jungs lieben 7 Angels 7 Plagues, Poison the Well, This Day Forward und Skycamefalling. Und genau so, nicht anders… genau SO klingt “The Melancholy we ache” dann auch. Es gibt natürlich Parts, die schamlos bei erwähnten Bands abgekupfert sind oder sich so ähnlich anhören, dass man dies zumindest vermuten muss. Doch, nunja, dieser relativ spezielle Stil ist halt doch beschränkt und wenn man den dann so puristisch wie Renounced nachspielt, dann kommt eben sowas Nostalgisches bei raus. Die Basis besteht natürlich aus groovigem Mosh. Dazu addieren die Jungs oft knüppelige Parts und/oder Gitarren, die dezent metallischer sind als bei erwähnten Bands. Da schielen dann auch Martyr A.D. oder Disembodied um die Ecke! Nicht fehlen dürfen natürlich diese heulenden Gitarren-Licks sowie die epischen Melodiebögen, die dann gerne in einem noch epischeren Breakdown gipfeln. Die Breakdowns sind phasenweise so überzogen, dass ich auch Evergreen Terrace anno “Burned alive by Time” in die Referenz-Kiste werfen muss. Veredelt von kurzen, (halb-)akustischen Einsprengsel, die stark im Fahrwasser von 7A7P, PTW oder deren Quasi-Nachfolgeband A Jealousy Issue stehen, ist das hier die musikalische Essenz dieses Sounds. An der Vocal-Front gibt es dezent eingesetzte, manchmal annähernd gesungene Wörter (siehe PTW) und ziemlich heftiges, emotionales Geschrei, dass mich immer wieder an die hervorragende Schrei-Arbeit auf This Day Forward’s “The Transient Affects of Light on Water” denken lässt.

Ob Kopie oder Huldigung, entscheidet selbst, doch wer mit erwähnten Bands/erwähntem Sound was anfangen kann, der wird 2014 wohl nichts besseres finden. Es ist gut, dass Renounced ihrer Linie von Anfang bis Ende hin so treu bleiben und nicht probieren innovativ zu sein. Denn dieser Sound wurde Ende der 90er eh schon perfektioniert. “The Melancholy we ache” ist Nostalgie pur. Oder sozusagen: Nostalgie, richtig gemacht.

8/10

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Aviator – “Head In The Clouds, Hands In The Dirt” (No Sleep Records)

In fünf Jahren Bandgeschichte haben die fünf Jungs aus Boston/Massachusetts schon eine Latte an Zeug veröffentlicht, das reichte von ein paar EP’s und Split-EP’s über einzelne Songs bis hin zu einer EP mit Coversongs. Mit Head In The Clouds, Hands In The Dirt  folgt nun der erste Longplayer. Was sich auf den bisherigen Releases bereits angekündigt hat, wird hier mit einer unglaublichen Präzision weiter geführt.  Zu Beginn ihrer Schaffensphase klangen Aviator noch eher wütender und waren näher am Screamo/Hardcore dran, bis im Laufe der Zeit immer mehr Emo/Post-Hardcore-Elemente in den Sound einflossen und Aviator so irgendwo zwischen den Genres einpendelten. Begutachtet man die gecoverten Bands auf der 2014-er Covers-EP, dann kann man sich ungefähr vorstellen, wohin die Reise auf dem aktuellen Album geht. At The Drive-In, Piebald, Bear Vs. Shark, As Tall As Lions.

Aviator zeigen in zehn Songs und fast 35 Minuten Spielzeit eine ausgeklügelte Balance zwischen emotionalem Hardcore/Screamo á la Touché Amore, Defeater und Emo-rockigen Klängen, die an Bands wie z.B. Thrice oder Thursday erinnern, wobei das Ganze durch groovige, aber auch bedächtig traurige Parts abgerundet wird. Die Gitarren fetzen einerseits richtig los und türmen sich zu dichten Soundwänden auf, nur um andererseits im nachfolgenden Part wieder ein paar genial verspielte und melancholische Melodien aus dem Ärmel zu zaubern. Falls ihr mal so einen richtig schönen Kontrast haben wollt, dann solltet ihr als erstes dem genialen Forms (les feuilles mortes)  lauschen. Hier kommen sogar neben richtigem Gesang und diesem emotionalen Leidensgeschrei zum Ende hin Streicher zum Einsatz, was das darauffolgende I Hold Myself In Content  nur noch mächtiger erscheinen lässt.

Die Schönheit dieses Albums entfaltet sich aber erst so richtig nach mehreren Durchläufen. So dachte ich nach der ersten Runde noch, ach ja, klingt eigentlich ganz nett, das muss ich nochmal in Ruhe hören, am besten mal im Herbst, wenn es um den Kopf herum etwas neblig ist und ich voller Freude im Dreck bzw. Laub rumwühle, wie ich das im Herbst von Zeit zu Zeit gerne mache. Nach dem zweiten Hördurchlauf aber wollte ich dann doch nicht mehr so lange warten, da bereits da klar wurde, dass ich dieses Album noch öfters hören würde. So entdeckt man bei weiteren Hörerlebnissen dann z.B. so manchen lässigen Basspart, den man zuvor noch nicht so intensiv wahrgenommen hat oder sinniert über die nachdenklichen Texte, welche die Melancholie in manchen Songs nur noch unterstreichen. Mit diesem Album im Rücken und dem Wechsel zu No Sleep Records könnte es also nicht mehr lange dauern, bis Aviator zusammen mit Bands wie z.B. Touché Amore und La Dispute in einem Atemzug genannt werden.

9/10

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Das Letzte vom Monat (August)

Von wegen Sommerloch: im August blieben wieder einige Anfragen und Entdeckungen liegen. Viel Spaß beim Antesten.

* Cathedral Fever – “All Pit, No Pendulum” [Name Your Price Download]
Die letztjährige Returnless EP der US-Band gefiel mir ja richtig gut, da das Ding schön nach vorne ging. Auch die aktuelle EP brettert wieder ordentlich, was mir hier im Vergleich zur 2013er-EP auffällt, sind die fetten, fast schon ein wenig runtergestimmten Gitarren und die etwas bessere Produktion. Hört mal rein, wenn ihr auf ‘ne Mischung aus HC/Metal/Thrash und Emocrust steht. (S)

* Dags! – “Selftitled” [Freier Download]
Wenn ihr euch eine Mischung aus Emo/Math und Shoegaze vorstellen könnt, dann solltet ihr mal in die Debut-EP des Mailänder Trios Dags! reinhören. Es braucht zwar ein paar Durchläufe, bis man sich einen ungefähren Überblick über die Songs verschafft, aber danach hat man irgendwie das Gefühl, dass das live sicher ganz nett anzuschauen wäre. (S)

* Dogs On Acid – “Selftitled” [Name Your Price Download]
Snowing und Algernon Cadwallader beeindruckten mich mit ihrem Sound ja enorm, die Nachfolgeband mit Mitgliedern von eben jenen Bands haut mich jetzt nicht so von den Socken. Wer es dennoch antesten möchte, die ersten zwei Songs gibt’s als Name Your Price Download. (S)

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Biohazard – Show-Review Umsonst & Draußen Lindau am 26.07.2014

Als ich das letzte Mal Biohazard live gesehen habe – damals mit Rage Against The Machine im Vorprogramm, ist also auch schon wieder ein Weilchen her – bekam ich die Gitarre von Billy Graziadei voll in den Rücken gerammt, die blauen Flecken hielten sich wochenlang. Damals hatten Biohazard den Ruf, dass man in den ersten Reihen nicht wirklich seinen Spaß hatte, wenn man nicht gerade auf ausgeschlagene Zähne oder zu nähende Platzwunden stand.

Nun denn, knapp ein Vierteljahrhundert später waren Biohazard am 26.07.2014 in der Nähe zu Gast, warum eigentlich nicht nochmals anschauen, zumal das Ganze keinen Eintritt kostete. Da passte es ganz gut, dass die Kinder am Wochenende versorgt waren und selbst meine Frau ein wenig Lust verspürte, mal wieder auf ein Konzert mitzugehen. Und das Beste: da das Ganze beim U&D in Lindau stattfand, konnten wir bequem mit dem Zug an den schönen Bodensee reisen und entgingen somit dem Gezanke, wer das Auto zu lenken hatte. Während also ein Großteil der Hardcoreszene lieber auf’s Fluff-Fest reiste,  machten wir uns irgendwann am frühen Nachmittag bei strömendem Regen auf den Weg nach Lindau. Der Wetterbericht versprach Wassermassen in Unwetterqualität, also gute Voraussetzungen für einen entspannten Nachmittag direkt am wunderschönen Bodensee, der an diesem Nachmittag so bedrohlich und schwarz wirkte, wie ein mit einem Seeungeheur bewohnter Dämonen-See aus einem düsteren Fantasyfilm.

Als wir zusammen mit etlichen anderen Festivalbesuchern am Bahnhof in Lindau ankamen, hatte gerade ein Wolkenbruch biblischen Ausmaßes eingesetzt. Von der Stimmung her sah das Ganze so aus, als ob schon die Dämmerung einsetzen würde, obwohl es eigentlich gerade erst kurz vor 16 Uhr war. Zusammen mit etlichen Touristen und Festivalbesuchern blieb uns also nichts anderes übrig, als erst mal im Bahnhof zu verharren. Glücklicherweise hatten wir genügend Bier vorrätig, zudem machte ein komischer Vogel mit Akustikgitarre ein wenig Ramba Zamba und stachelte uns zu den ersten Lästereien des Tages an. Normalerweise dauert so ein Platzregen ja nicht so lange, aber der Wettergott hatte keine Gnade und wir waren satte anderthalb Stunden im Bahnhof gefangen, bevor wir dann doch endlich den Gang auf’s gleich um die Ecke liegende Festivalgelände wagten. Nennt mich eine armselige, verweichlichte Lusche, aber ohne Regenschirm wären wir echt aufgeschmissen gewesen. Mit dem Regenschirm zu Biohazard, wer hätte das gedacht (in weiteren 25 Jahren nehmen wir dann den Rollator mit). Diesmal würde ich also eher Gefahr laufen, einen Regenschirm in den Rücken gerammt zu bekommen, denn Billys Gitarre würde von der hohen Festivalbühne eher nicht bis in die ersten Reihen kommen.

Aufgrund des miesen Wetters hatten sich glücklicherweise nicht so viele Leute auf den Weg nach Lindau gemacht. Die ganzen Idioten und Spinner, die man sonst so auf Festivals dieser Art antrifft, waren also ausnahmsweise nicht in der Überzahl, obwohl es schon einige Freaks zu bestaunen gab (z.B. den Typen mit dem pinkfarbenen Neoprenanzug oder den Satanisten mit dem schwarzen Ledermantel, der ein wenig wie der kleine Vampir aussah). Auffallend waren die vielen älteren Semester, die zur Feier des Tages ihre mittlerweile übergewichtigen Körper in viel zu enge Madball, Sick Of It All oder andere NYHC-Shirts gezwängt hatten.

Aber kommen wir zu Biohazard: Ich hätte nicht gedacht, dass die Band den Spirit der alten Zeiten hätte nochmals aufleben lassen können, aber vom ersten Ton an legten die Jungs eine Energie an den Tag, mit der ich niemals gerechnet hätte. Der Neue am Bass entpuppte sich dabei als viel beweglicher als sein Vorgänger Evan Seinfeld, der sich mittlerweile ja nur noch in der Horizontalen in Erwachsenenfilmen zu bewegen scheint, zudem war sein Gröhlgesang kaum vom Original zu unterscheiden. Erstaunlich war es, dass vorwiegend ältere Songs aus der Urban Discipline-Phase gespielt wurden, was das Publikum natürlich freute. V.a. Gitarrist Bobby wirkte extrem fit und rotierte in einer Geschwindigkeit um die eigene Achse, so dass man das Gefühl hatte, er würde jeden Moment wie ein Helikopter von der Bühne abheben, auch die restliche Band war ständig in Bewegung. Das Publikum, darunter auch viele Väter mit Nachwuchs auf dem Rücken, hüpfte wie ein großer Flummi auf dem mittlerweile pfützenübersäten Festivalgelände herum, selbst meine Frau und ich ließen unsere Regenschirme nostalgieverliebt auf und ab wippen.

Witzig waren natürlich die Ansagen von Billy Graziadei, die vor etlichen Four-Letter-Words nur so überquollen und nicht gesprochen, sondern derbe geschrien wurden. Ich hoffe, Herr Graziadei kann zwischen Bühne und normalem Leben trennen und bewegt sich nicht ebenso neanderthalmäßig durch das echte Leben. Stellt euch mal vor, der Typ kommt in die Bäckerei und bestellt sich schreiend ein Brot mit den Worten “YO, YOU MOTHERFUCKER, GIVE ME THIS FUCKING BREAD, YOU STUPID ASSHOLE, I AM FUCKING HUNGRY”. Ach ja, meine Favoriten waren natürlich wie damals Shades Of Grey, Punishment  und Black And White And Red All Over.  Ein lustiger Abend mit zuviel Regen und verdünntem Bier (ebenfalls regenbedingt) ging dann relativ früh zu Ende, da wir es vorzogen, lieber mit ein paar Dosen Bier den Heimweg mit dem Zug anzutreten, als bei strömendem Regen uns zum tausendsten Mal bei den Mad Caddies zu langweilen. Ach so, weil es so geregnet hat, hab ich es irgendwie verbummelt, ein Foto von der Band zu machen, aber von weitem sahen die Jungs noch so aus wie früher.

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EP-Vierer: Arkham, Maskros, Porch Swing & Waves

Arkham – “The Great American Goodbye” (DIY)
Aufgrund der Spielzeit von ein bisschen mehr als 16 Minuten ordne ich die neue Scheibe von Arkham jetzt einfach mal als EP ein. Bei den Jungs aus Chicago ist eines irgendwie klar: wer mit Bands wie Propagandhi, Rage Against The Machine, Strike Anywhere oder irgendeiner anderen Polit-Punk-Band aufgewachsen ist, wird kaum mit oberflächlichen Texten und seelenloser Musik langweilen. Die fünf Jungs unterstützen ihren Missmut über gesellschaftliche Defizite durch wütenden Hardcore-Punk, der kraft- und druckvoll aus den Boxen donnert und mit einem Sänger glänzt, der Gift und Galle spucken kann. Teils vertrackt, teils straight nach vorn, mit ein paar Post-Hardcore-Einsprengseln und einprägsamen Refrain-Shoutings ergibt das ein kurzweiliges Hörvergnügen, das ihr euch nicht entgehen lassen solltet. Als Entscheidungshilfe empfehle ich euch dieses Video hier. Wer sich eine rotzige Mischung aus neueren Bane, frühen Boy Sets Fire, RATM, Gallows und More Than Life gepaart mit der Energie von Refused zur The Shape Of Punk To Come-Phase vorstellen kann, der sollte The Great American Goodbye  unbedingt antesten, zumal man das Ganze dann auch noch als Name Your Price Download bekommen kann. 8/10
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Maskros – “Untold” (DIY)
Wenn man den Bandnamen in der Internetsuchmaschine eingibt, erhält man etliche Ergebnisse zu Hängelampen eines schwedischen Möbelherstellers, also schon einmal gute Voraussetzungen für eine neu gegründete Band, um unerkannt und unauffällig durchs weite Internet zu schweben, haha. Aber eigentlich genügen mir für’s erste die Infos, die mir die Jungs im Anschreibentext mitgeteilt haben. Die Saarbrückener Band Maskros ist erst vor Kurzem gegründet worden und setzt sich aus drei jungen Männern zusammen, Untold  ist daher das erste Release der Band und ist bisher lediglich digital als Name Your Price-Download erhältlich, soll aber in naher Zukunft auch als selbstgebasteltes Tape zu bekommen sein. Das Linolschnitt-Artwork kann ich mir sowohl auf einem Tape als auch auf einer schnuckeligen 7inch vorstellen, das ist wirklich hübsch anzusehen. Aber kommen wir zum Sound: hätte ich die eingangs erwähnten Infos alle nicht vorab bekommen, ich hätte niemals vermutet, dass die Songs in so schneller Zeit entstanden sind. Will heißen, ihr bekommt fünf geile Songs auf die Ohren, die alle im emotionalen Post-Hardcore/Screamo beheimatet sind und die sich textlich mit dem Wahnsinn des alltäglichen Lebens beschäftigen. Wenn ihr Bands wie z.B. We Never Learned To Live oder auch die neue Tidal Sleep zu euren Favoriten zählt, dann könnt ihr ruhig mal in das Debut des Trios reinhören. Die Songs sind super arrangiert und toll produziert, die Aufnahmen haben daher ordentlich wumms und überzeugen mich mit jedem weiteren Durchlauf mehr, gerade das Zusammenspiel von Gitarre und Bass ist sehr schön herausgearbeitet. Ein Blick auf die Infos verrät dann auch, dass das Mastern im kalifornischen Atomic Garden Studio von Jack Shirley erledigt wurde, welcher schon so mancher Band zu einem satten Sound verholfen hat, der aber trotz des kräftigen Klangs noch genügend Wärme in sich trägt. 7,5/10
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Porch Swing – “Reassurance” (Hang In There Records)
Fast hätte ich während des ersten Songs der Debut-EP der fünf Jungs aus Des Moines, Iowa  weggeklickt, deshalb bin ich etwas froh, dass ich es doch durchgehalten habe. Hat man nämlich das meiner Meinung nach etwas zähe Titelstück hinter sich gelassen, bekommt man im darauffolgenden Song Robinson  doch noch große Augen, wenn man z.B. Bands wie Disembarked, Rainmaker oder Shirokuma zu seinen Lieblingen zählt. Zu so ‘nem Sound lässt es sich hervorragend auf der Veranda schaukeln, ob dabei die im EP-Titel angepriesene Beruhigung eintritt, wage ich jedoch zu bezweifeln. Denn die restlichen drei Stücke bieten ebenfalls emotionalen Screamo, der zwar etwas schwach produziert ist, aber durchaus zu gefallen weiß. Die Gitarren sind vom Sound her zwar etwas kratzig, aber die schön gespielten Melodien reißen das wieder raus. Der Sänger kann auch schön heiser schreien, das dreieinhalbminütige Outlines  wartet sogar mit etwas Cleangesang auf. Zu Outlines  könnt ihr hier übrigens auch ein lustiges Video sehen. 6,5/10
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Waves – “If you find yourself in a hole, search for the light.” (DIY)
Sympathisch ging es bei der Anfrage zur Besprechung der Debut-EP der vier Jungs aus Osnabrück schonmal los: man solle sich ja nicht von dem vorläufigen Artwork abschrecken lassen, dieses wird nämlich noch überarbeitet werden, da das Release in absehbarer Zeit auch physisch zu erhalten sein wird. Es wird empfohlen, beim Streamen lieber die Augen zu schließen. Was ich natürlich nicht gemacht habe, wo kämen wir denn da hin, hehe. Komisch ist, dass das hier laut Anschreibentext die Debut EP der Band sein soll, auf der Bandcamp-Seite jedoch eine Akustik-EP aus dem Jahr 2013 zum Name Your Price-Download bereit steht, welche mit einem weitaus unprofessionellerem Artwork ausgestattet ist. Aber wie ihr wollt, hier also die Debut-EP der Band. Ist ja auch egal, kommen wir lieber zur Musik: die ist mir auf Anhieb nämlich genauso sympathisch. Nach einem instrumentalen Intro folgen sieben Songs, die ich im melodischen Emo-Punkrock einordnen würde. Mir kommen die ersten Samiam-Sachen, Reno Kid, Einleben und ein bisschen Sunny Day Real Estate in den Sinn. Schön finde ich v.a. die rauhe Produktion, zudem kann man den Bass ziemlich gut raushören. Die Gitarren schrammeln genüsslich vor sich hin, der Sänger hat ein gutes Händchen für einprägsame Gesangsmelodien und zeitweise wird dann noch mit Doppelgesang gearbeitet, das passt auch super. Mit diesem Sound im Ohr fährt es sich morgens doch um einiges leichter zur Arbeit. Der EP-Titel spricht hier natürlich Bände. 7,5/10
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I Saw Daylight – Cœur Solitaire (DIY/Beyond Hope Records)

Liebe ist…wenn Du völlig cool bleibst, obwohl Deine Liebste Dein zwar mit Löchern übersätes  aber dennoch völlig gut erhaltenes Minor Threat-Shirt zum Haare Färben angezogen hat, weil gerade kein anderes altes T-Shirt greifbar war und das Ding jetzt überall im Nackenbereich Flecken hat, die man sonst nur mit vollgeschissenen Kinderwindeln assoziiert. Liebe ist…wenn die Liebste auf die Befürchtungen, dass man sich von nun an mit diesem Shirt nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen kann, ohne dass sich die Leute angewidert und mit zugehaltener Nase von einem abwenden werden, nur mit diesem klitzekleinen niedlichen Schulterzucken reagiert, das Dir immer so wohlige Schauer über den Rücken jagt und Du ihr aufgrund dieses liebenswerten Verhaltens die T-Shirt-Schändung schlagartig verzeihst.

Liebe ist…teilweise ganz schön kompliziert, und damit meine ich jetzt nicht unbedingt so Kinkerlitzchen, wie in der Einleitung eben erwähnt. Jaja, die Liebe und das Leben, mal geht es bergauf, mal geht es bergab, mal zerreißt es Dich und Du trauerst, liegst nachts wach, zerbrichst an Deinen Erinnerungen. Enttäuschung, Trennungsschmerz, Verzweiflung,  Schlaflosigkeit. Unerfüllte Liebe kann Dich ganz schön aus der Bahn werfen.

Cœur Solitaire,  die zweite EP der Ulmer Post-Hardcore-Band I Saw Daylight hat genau dieses unerschöpfliche Thema zum Inhalt. Die Verzweiflung des einsamen Herzens wird durch die dargebotene Musik jedenfalls sehr intensiv spürbar. Die Gitarren kommen zwar melodisch,  aber dennoch sehr gefühlvoll und melancholisch gespielt rüber, der verzweifelte Schreigesang von Sänger Eugen erscheint mir noch kräftiger als auf der Debut-EP, das in den Texten beschriebene Leiden wirkt dadurch durchaus sehr gefühlsecht, die innere Zerissenheit wird zweifellos perfekt auf den Punkt gebracht. Das tiefe Loch in das man fällt, der Rückzug ins Schneckenhaus, dann das Schöpfen neuer Kraft und doch immer wieder der schmerzhafte Blick in die Vergangenheit. I Saw Daylight nehmen euch quasi auf eine Gefühlsreise mit. Musik als Ventil für die verlorene Liebe hat ja schon viele Liebeskranke therapiert, auf Künstlerseite wie auch auf Hörerseite.

Gerade bei den ersten zwei Songs gibt es absolut nichts zu bemängeln. Der Bass zu Beginn von No Love, I Promise  jagt mir ein Lächeln ins Gesicht, die gespenstisch flirrige zweite Gitarre im Mittelteil kann live bestimmt schon mal die ein oder andere Träne hervorrufen, während das gesprochene Vocal-Sample von Aurelie Börmann für reichlich Gänsehaut sorgt. Danach gleich mit More Than A Thousand Times  der meiner Meinung nach stärkste Song der EP. Die Gitarren sind einfach göttlich, die Gangshouts tragen nicht zu dick auf und fügen sich somit gut in den restlichen Sound ein und Schlagzeugerin Laura sorgt für den nötigen Drive. Wer jetzt denkt, nach diesen zwei Songs sei das Pulver bereits verschossen, der hat sich getäuscht. Die nachfolgenden drei Stücke zeigen ebenso gut, dass hier Menschen am Werk sind, die ihr ganzes Herzblut, ihre volle Leidenschaft und sehr viel Liebe in das stecken, was sie machen. Wer I Saw Daylight schon einmal live gesehen hat, wird an dieser Stelle sicher zustimmend mit dem Kopf nicken.

Apropos Herzblut: für das schöne Artwork der EP ist Gitarristin Jessica verantwortlich. Wir haben die EP leider nur in der Download-Version vorliegen, aber die abgebildeten Zeichnungen wirken in der Vinylversion bestimmt um Längen besser, auch das farbige Vinyl mit gezeichnetem Musteraufdruck ist sicher edel anzusehen. Ein sehr schönes Release.

8/10

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